Die eigentlichen Probleme sind nicht gelöst

Wie viel Tarifvertrag vertritt das Bremer Theater? Darüber diskutieren Kultur-Kenner jetzt auch außerhalb von Bremen. Ein Doppelinterview

In der Auseinandersetzung um die Zukunft des Bremer Theaters stehen die Personalkosten im Vordergrund. Kritiker fürchten, dass die Debatte um die Gehälter lediglich Eingangstor für Kürzungsversuche im gesamten öffentlichen Dienst sein wird. In Weimar ist das Nationaltheaters aus dem Flächentarifvertrag ausgestiegen – die Mitarbeiter, sagt Intendant Stephan Märki, haben mehr Eigenverantwortung. Für den Präsidenten der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger, Hans Herdlein, ist der Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag dagegen die falsche Lösung.

taz: Wird man dem Weimarer Modell gerecht, wenn man sagt, man hat den Ausstieg aus dem Tarifsystem mit Kündigungsschutz erkauft?

Stephan Märki: Nein. Wir sind nicht aus dem Tarifsystem ausgestiegen, sondern nur aus dem Flächentarif. Der große Unterschied zu anderen Theatern ist, dass wir die Verträge selbst mit den Gewerkschaften verhandelt haben. Aber wir haben einen Kündigungsschutz und einen einklagbaren Zuwendungsvertrag bis 2009.

Was ist neu?

Anders ist, dass Gewerkschaften, Politik und Theater, eine Lösung gefunden haben, wie mit vorhandenem Geld Produktivität, künstlerische Freiheit und Arbeitsplätze erhalten bleiben. Wir haben „Ausgleichstöpfe“, in die Mehreinnahmen oder Einsparungen fließen.

Wie viele Mitarbeiter weniger gibt es an ihrem Theater?

Wenn überhaupt, sind es höchstens vier von etwa 400. Ziel war, Arbeitsplätze zu erhalten.

Wo müsste Politik Zugeständnisse machen?

Ein Mehrspartenhaus braucht Planungssicherheit von drei bis fünf Jahren, sonst kann man nicht vernünftig künstlerisch arbeiten. Wenn Politik kürzt, verliert immer der Teil, der für die Kunst zuständig ist. Dann besteht die Gefahr, dass Sie am Ende nur noch ein Haus, Verwaltung und Technik, aber keine Künstler mehr haben.

Viele sagen, dass es in Bremen um die Tarifdiskussion geht und nicht ums Theater.

Kann ich mir vorstellen. Das sieht nach politischer Strategie aus dem Finanzressort aus. Man verlängert den Vertrag des Intendanten nicht. Man entlässt den kaufmännischen Direktor Lutz Uwe Dünnwald, den ich für einen der fähigsten kaufmännischen Direktoren halte. Und man konfrontiert das führungslose Theater mit Sparauflagen, die eine intakte Führung nie akzeptiert hätte. Der Grundkonflikt in Bremen besteht darin Finanz- und Kulturressort zu vereinen. Wer Produkt und Prozess nicht mehr auseinander halten kann, versteht Kultur nur noch als Luxus, auf den man in schwierigen Zeiten verzichten kann – und nicht mehr als notwendigen gesellschaftlichen Diskurs.

taz: Herr Herdlein, es gibt Stimmen in Bremen, die sagen, es ginge weniger um das Bremer Theater und seine schwierige finanzielle Lage als um eine Auseinandersetzung mit dem Öffentlichen Dienst.

Einerseits ist der öffentliche Dienst als Pflichtaufgabe zu finanzieren, andererseits ist der gesamte künstlerische Bereich als so genannte freiwilige Leistung haushaltsrechtlich definiert – mit der Folge, dass die freiwilligen Leistungen zurückgenommen werden müssen wenn die Mittel für die öffentlichen Pflichtaufgaben nicht ausreichen. Das gesamte Tarifwesen als solches hat bis jetzt funktioniert, und ich meine, dass der künstlerische Bereich der ungeeignetste ist, um die Tarifautonomie aufzuweichen. Was man sich in Bremen leistet, ist ein ungeheuerlicher Vorgang, einmalig in der Bundesrepublik. Dass man mit der Insolvenz-Drohung Tarifrecht aufbrechen will, dass man rechtswidrig Gehälter vorenthält, das ist durch nichts zu rechtfertigen – auch nicht durch Verweise auf tarifrechtliche Probleme. Die hätte man eher in den Griff nehmen können. In unserem „Normalvertrag Bühne“ gibt es eine eindeutige Öffnungsklausel, die besagt, dass man in Verhandlungen eintreten kann. Wir haben fast an allen Bühnen im Osten der Bundesrepublik über Haustarifverträge Lösungen gefunden.

Eine Stadt im Osten, nämlich Weimar, ist einen anderen Weg gegangen und hat sich vom Flächentarifvertrag verabschiedet. Mit dem Argument, dass so Arbeitsplätze gesichert werden und dass dies im Interesse aller Arbeitnehmer sei. Sie haben das damals scharf kritisiert.

Von einem „Weimarer Modell“ kann man nicht reden. Denn das ist das, was wir in den Haustarifsvertragsverhandlungen erreichen müssen: das Überleben der Bühne unter drastisch verschlechterten Zuschussbedingungen. Es geht nicht um künstlerische Probleme, sondern darum, dass die Träger Probleme mit der Theaterfinanzierung haben, weil der kommunale Finanzausgleich nicht funktioniert.

Das Problem liegt also weniger in der Gesamtsumme der Gehälter als in der Art und Weise wie das Theater vom Kulturressort geführt wird...

...oder besser nicht geführt wird. Lenkung und Steuerung des Theaters wären die Aufgaben. Der Senat hat hier versagt. Es gab weder eine Organisationsuntersuchung mit Stellenbemessung noch eine funktionierende innere Revision. Das passiert, wenn man als politischer Gewährsträger nur im Aufsichtsrat sitzt und allein den Verwaltungsleiter und den Intendanten als haftende Gesellschafter hinstellt. Angesichts der erpresserischen Drohung in die Insolvenz zu gehen, wenn wir nicht auf Tarifrechte verzichten, gehorchen wir nur der Not und kehren an den Verhandlungstisch zurück. Die eigentlichen Probleme löst das nicht.