„Ich griff eine Gitarre und spielte“

Coco Schumann

Musik ist sein Leben – erst recht, seitdem sie ihn gerettet hat. Der Jazzmusiker Coco Schumann überlebte die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz, weil er für seine Peiniger spielte. Nach Kriegsende galten er und sein Partner Helmut Zacharias als die deutschen Beatles. Als einer der Ersten spielte er E-Gitarre und steht noch heute unter Strom: Auch mit 81 ist Schumann so beschäftigt, dass er Termine doppelt vergibt. Beim Interview im Wohnzimmer seines Zehlendorfer Reihenhäuschens sitzen zwei Musikstudentinnen daneben, die für eine Hausarbeit recherchieren. Thema: Pioniere des Jazz in Deutschland – Menschen wie Coco Schumann also.

Interview David Denk
und Tina Hüttl

taz: Herr Schumann, wie lange können Sie mit Reportern reden, bis das Wort Auschwitz fällt?

Coco Schumann: Nicht lange, aber das gehört zu meinem Leben. Ich habe 40 Jahre nicht darüber gesprochen. Jetzt weiß ich, dass es meine Pflicht ist.

Warum haben Sie so lange geschwiegen?

Ich wollte wegen meiner Musik geschätzt werden und nicht, weil ich in Auschwitz war.

Was hat Sie umgestimmt?

Ein WDR-Reporter drehte einen Film über ein Treffen von Überlebenden des Arbeitslagers Wulkow, wo meine Frau eine Zeit lang war. Sie war ja wie ich eine Mampe – so hieß das damals – also halb jüdisch, halb deutsch. Als der Journalist erfuhr, dass auch ich im KZ war, sagte er: „Wenn Sie nicht darüber sprechen, wer soll die Wahrheit sonst erzählen?“ Da habe ich ihm spontan ein Interview gegeben. Später hat der Reporter dann einen Dokumentarfilm über mich gemacht. Der hieß „Coco, der Ghetto Swinger“ – wie mein Buch, das 1997 erschien.

In Ihrer Biografie betonen Sie: „Ich bin Musiker. Ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZler, der Musik macht.“

So ist es. Mein Motto ist ja auch: Ich jammere nicht, dass ich drin war. Sondern ich jubele, dass ich raus gekommen bin.

Trotzdem: Können Sie Ihre Vergangenheit hinter sich lassen?

Es gibt Leute, die sind nie wieder raus gekommen. Die leben bis zu ihrem Tode in Auschwitz. Aber Gott sei Dank ist es auch meine Natur, dass das Glücksgefühl, es geschafft zu haben, überwiegt. Ein bisschen drin bleibt man natürlich immer.

Als Zeitzeuge sind Sie sehr aktiv. Sie gehen an Schulen und klären auf. Wie aktiv sind Sie noch als Jazzmusiker?

Ich übe hier in meinem Haus fast jeden Tag eine Stunde. Am 13. November stehe ich mit meinem Quartett wieder auf der Bühne. Musik ist mein Leben. Ich bin – toi toi toi – immer ausverkauft. Wer mit Swing Musik heute noch von jungen Leuten Standing Ovations bekommt, der kann gar nicht anders als weitermachen.

Am Mittwoch beginnt das Jazzfest in Berlin. Hört man dort tatsächlich Neues, oder dominiert die Nostalgie?

Es ist natürlich eine ganz andere Zeit. Größen wie Sammy Davis Junior oder Dean Martin waren einfach nicht austauschbar. Kürzlich wurde ich gefragt, was ich von Robbie Williams halte. Da habe ich gesagt: Ich halte ihn für sehr gut, aber ein Sinatra ist er nicht. Die großen Superstars, die damals aus Amerika kamen, gibt’s nicht mehr.

Moment. Superstars gibt es zuhauf, sie heißen nur heute Britney Spears …

Wer? Die sagt mir nichts.

Muss sie auch nicht. Aber gibt es im Jazz passablen Nachwuchs?

Ganz wenige. Als ich noch unterrichtete, habe ich zu meine Schülern gesagt: „Wenn ihr alles spielen könnt, was da steht, dann müsst ihr anfangen, Musik zu machen.“ Und da hört’s bei den meisten heute auf. Das Geheimnis im Jazz ist die Dynamik, also der Wechsel zwischen laut und leise. Heute fangen sie laut an und hören laut auf. Wenn ich Konzerte besuche, habe ich immer eine Schachtel Ohropax dabei.

Wo gehen Sie denn hin? Am Ku’damm ist ja verglichen mit damals nichts mehr los.

Ich gehe nur noch sonntags, meist ins Yorckschlösschen. Wenn man früher den Kurfürstendamm runterging, wurde in jeder dritten Bar Musik gespielt und getanzt. Ein Tag ohne Ku’damm war für mich ein verlorener Tag. Jetzt bin ich monatelang nicht mehr da gewesen.

Wie kamen Sie überhaupt zur Musik? Wuchsen Sie in einer musikalischen Familie auf?

Nein, meine Mutter hatte einen Friseurladen. Mein Vater war Tapezierer. Aber mein Onkel Arthur, der auch Friseur war, hatte ein Schlagzeug. Ich war etwa vier Jahre, als er es zur Geburtstagsfeier meiner Großmutter mitbrachte. Da war ich nicht mehr zu halten. Als Onkel Arthur nach Amerika ausgewandert ist, hat er mir das Schlagzeug vermacht. Von einem Cousin, der zum Militär eingezogen wurde, bekam ich eine Wandergitarre.

Die Gitarre ist dann zu Ihrem Instrument geworden. Sie galten ja als der deutsche Django Reinhardt.

Auf der Gitarre kann man sowohl Musik als auch Rhythmus spielen. Ich hatte dieses spezielle Feeling, das Rhythmusgefühl. Das war’s wohl auch, was mich schon damals besonders machte.

Was aber trieb Sie zur Jazz- und Swingmusik?

Ich war vielleicht 13 Jahre, als ein Freund eine Platte von Ella Fitzgerald anschleppte. „A tisk-it a task-it“ – seitdem wusste ich, dass das meine Musik ist.

Als „Niggermusik“ war sie bald verboten, trotzdem haben Sie selbst auf der Bühne gestanden und gejazzt. Wie blieb das unentdeckt?

Die von der Reichsmusikkammer kamen immer im Ledermantel und Schlapphut an und waren so leicht zu erkennen. Im Groschenkeller, wo wir gejazzt haben, stand oberhalb und unterhalb der Kellertreppe jeweils ein Student. Wenn der oben einen Spitzel sah, hat er gepfiffen. Dann hat der unten gepfiffen, und wir Musiker haben sofort von Jazz auf „Rosamunde“ umgestellt.

Hat Ihre jüdische Herkunft dort keinen interessiert?

Dass ich Mampe war – so hieß der Hersteller des damals beliebten Likörs „Halb und Halb“ –, wusste dort keiner. Den Judenstern hatte ich immer in der Tasche. Meine Mutter hat natürlich immer um mich gezittert.

Zu Recht. Sie sind 1943 während eines Konzerts aufgeflogen.

Ich weiß bis heute nicht, wer mich verpfiffen hat. Eigentlich sollte ich gleich nach Auschwitz. Aber mein Vater, der ja Arier und Frontkämpfer war, hat beim Obersturmführer erwirkt, dass ich nach Theresienstadt kam. Damals wusste man schon, dass das nicht so schlimm war.

Dort spielten Sie in der Band mit dem makaberen Namen die „Ghetto Swingers“.

Das war ja ein Vorzeigelager. Als ich dort nach meiner Ankunft die Straßen runterging, traute ich meinen Augen nicht: Es gab ein Kaffeehaus. Dort sagte ich, dass ich ein Musiker sei, und sie führten mich zum Hinterhof. Da waren viele ganz berühmte Künstler, die gerade Pause machten. Die sagten: „Spiel doch mal was.“ Instrumente gab es ja zur Genüge, weil sie den Deportierten an der Rampe abgenommen wurden. Ich griff eine Gitarre und spielte. Daraufhin fragte mich einer, ob ich auch Schlagzeug könne, weil der Schlagzeuger im letzten Transport nach Auschwitz gegangen war. So wurde ich der Schlagzeuger bei den Ghetto Swingers.

Sie kamen dann doch nach Auschwitz.

Als ich dort ankam, zeigte ein SS-Mann auf die Schornsteine und sagte: „Hier ist das Vernichtungslager Auschwitz. Der Eingang ist durchs Tor und der Ausgang durch den Schornstein.“

Aber auch dort hat die Musik Ihnen das Leben gerettet.

In meinem Leben gab es so viele Zufälle. Ich sag immer, da muss irgendetwas sein. Immer wenn’s kurz vorm Sterben war, kam jemand, der mich rausgeholt hat. Einer der Blockältesten war ein Fan von mir. Der brachte mich zum Lagerältesten. Die Lagerältesten waren meistens Berufsverbrecher, die zum Aufpassen in die verschiedenen Lager von Auschwitz geschickt wurden. Jeder von denen hielt sich eine Kapelle, und jeder wollte die Beste haben. Meiner hatte eine Zigeunerband, die aber gerade vergast worden war. Also fing ich bei ihm an. Gott sei Dank bin ich in Bars groß geworden, wo man vom Walzer über Volksmusik bis hin zur Zigeunermusik alles können musste. Dafür gab es ab und an mal eine Sonderration zu essen.

Dafür mussten Sie „La Paloma“ spielen, während die Menschen in die Gaskammern geschickt wurden. Versaut einem das nicht die Liebe zur Musik?

Ich sage immer: „Was kann das Lied dafür, dass es vergewaltigt wurde?“ Ich habe es seitdem wieder gespielt, sogar vor den Toren von Auschwitz für eine Dokumention im ZDF.

Nach der Befreiung des Lagers im Mai 1945 hatten Sie abermals Glück. Sie überlebten den tödlichen Flecktyphus und trafen auch Ihre Eltern wieder in Berlin wieder. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Ausflug in der Nachkriegsstadt?

Berlin war ein Trümmerhaufen. Ich bin den Ku’damm hochgegangen, und an der Uhlandstraße hörte ich Musikfetzen. Da stand „Ronny Bar“ dran. Ich bin sofort rein, und drinnen saßen meine ganzen Freunde von früher. Plötzlich war es totenstill. Es ging ja das Gerücht um, ich wäre nicht mehr am Leben. Später habe ich dann dort gespielt.

Und so Ihre Frau kennengelernt.

Bei einem meiner ersten Auftritte stand sie mir gegenüber. Nachher fragte sie mich: „Sind sie nicht der Schlagzeuger von den Ghetto Swingers gewesen?“ Meine Frau war ja auch in Theresienstadt. Da habe ich sie nach Hause gebracht. Aber es war Sperrstunde, und ich musste noch bleiben. So ein Jammer.

Haben Sie Kinder?

Ich weiß nicht (lacht laut), jedenfalls nicht von meiner Frau.

Sie schwärmen noch heute von der „Hollywood-Atmosphäre“ der Nachkriegsjahre. Jazz, Alkohol, Frauen – so beschreiben Sie Ihr damaliges Leben.

Mein Partner, der Helmut Zacharias, und ich, wir waren umschwärmt und so etwas wie die Beatles in Deutschland. Ja, und der Alkohol: Jahrzehnte lang habe ich jede Nacht bis morgens um fünf Uhr gespielt. Unter einer Flasche Cognac bin ich nie nach Hause gekommen. Aber ich hatte Glück, dass ich nie Alkoholiker wurde.

War vieles davon nicht auch Verdrängung?

Ne, es hat mir einfach Spaß gemacht dieses Leben.

Und was hat Ihre Frau dazu gesagt?

Sie war eine tolle Musikerfrau, die ich sehr geliebt habe – auch weil sie so viel Verständnis für meine Arbeit hatte.

In den 50er-Jahren sind Sie nach Australien ausgewandert. Warum?

In Deutschland wurden die ganzen Schreibtischtäter wieder in Amt und Würden gehievt. Unter Adenauer war der Nazi Hans Globke Staatssekretär. Meine Frau und ich wollten hier nicht mehr leben. Nach vier Jahren in Australien habe ich aber Heimweh gekriegt, und wir sind zurück. Auch wegen meiner Eltern.

Hat sich Deutschland seitdem in Ihren Augen gewandelt?

Teils, teils. Ich habe hier so viele gute Freunde. Doch wenn ich das Fernsehen anmache, sehe ich wieder die Glatzköpfe marschieren. Die dürfen ganz offen ihre Propaganda betreiben. Also da frage ich mich schon, wo bin ich eigentlich.

Das Coco Schumann Quartett spielt am 13. November um 20 Uhr im Jazzclub Badenscher Hof, Badensche Straße 29, Berlin-Wilmersdorf