US-Bürgerrechtsanwalt über Ehe für alle

„Die Ehe ist ein Inklusionsmotor“

Er ist der Kopf der „Freedom to marry“-Bewegung in den USA. Der Supreme Court gab den Forderungen nach. Evan Wolfson über Privilegien, Liebe und Aktivismus.

Drei Männer blicken lächelnd in die Handykamera.

Ein Selfie nach dem Urteil: drei Supporter am 26. Juni 2015 vor dem Supreme Court in Washington. Foto: imago/UPI Photo

taz: Herr Wolfson, Sie waren als Bürgerrechtsanwalt am stärksten am Urteil des Supreme Court in Washington beteiligt, nach dem die Ehe nun auch gleichgeschlechtlichen Paaren offensteht. Feiern Sie immer noch?

Evan Wolfson: Ich schwimme seit Juni auf einem Ozean der Freude. Es gibt viele Leute, die hart arbeiten und alles richtig machen, aber dann ist die Zeit noch nicht reif und sie bekommen den Erfolg nie zu sehen. Ich empfinde es als großes Glück, dass ich diesen Sieg miterleben darf.

Die jubelnde Menge – sind das lediglich Schwule, Lesben und Transsexuelle?

Natürlich habe ich viele glückliche Homosexuelle im Land gesehen. Für viele Menschen fühlt es sich zum ersten Mal so an, als ob wir vollwertige Mitbürger sind. Wir sind Teil der Gemeinschaft. Aber es sind nicht nur Schwule und Lesben, die feiern. Es ist ein Sieg für das ganze Land. Für alle, die sich um die Menschenrechte kümmern.

Warum war dieser Kampf so wichtig für sie?

Geboren: 4. Februar 1957 in Brooklyn, New York City. Lebt mit seinem Ehemann (seit 15. Oktober 2011) Cheng He in New York.

Beruf: Anwalt, als Jurist Dozent an der Columbia Law School.

Rang: Das Time Magazine zählte ihn zu den 100 einflussreichsten Personen in der Welt.

Berlin: Mit Unterstützung der US-amerikanischen Botschaft war Wolfson Ende Oktober einige Tage zu Gast im deutschsprachigen Raum, unter anderem in Wien und Berlin. In Berlin traf er, so erzählte er, politische Freunde und war Gast im Schwulen Museum* und beim Lesben- und Schwulenverband.

Ich habe 1983 meine juristische Dissertation darüber geschrieben, warum Schwule die Freiheit zu heiraten haben sollten.

Ja, warum?

Das Recht auf die Ehe bedeutet einen Zugang zu einer riesigen Reihe greifbarer wie nichtgreifbarer Bedeutungen, Begünstigungen und Verpflichtungen. Es ist ein Inklusionsmotor. Die Ehe ist diese sinnliche Institution nicht nur in unserer Gesellschaft, sie trägt einen besonderen Rang. Sie vorenthalten zu bekommen, bedeutet, etwas sehr Wichtiges vorenthalten zu bekommen.

Manche Schwule und Lesben sagen, die Ehe ist nicht nötig, für niemanden, vor allem nicht für Homosexuelle.

Ich würde aber sagen: Indem wir für die Freiheit zu heiraten kämpfen, fordern wir auch einen Wortschatz der Liebe und der Hingabe, der Beziehung und der Inklusion ein. Und dies könnte zum Umwandlungsmotor werden. Es könnte nichthomosexuellen Menschen dabei helfen, Schwule und Lesben besser zu verstehen. Die Ehe ist nicht der einzige, aber der herausragende Ausdruck für Liebe. Indem wir also die Ehe für uns einfordern, zielen wir auf das Herz des eigentlichen Grunds dafür, warum wir diskriminiert werden.

Die New Yorker Historikerin Dagmar Herzog sagte uns neulich, die Homosexuellenbewegung habe in gewisser Weise auf das Sprechen über Sex von Lesben und Schwulen in den heterosexuellen Mainstream hinein verzichtet – um sich auf die Ehe zu konzentrieren. Ist das nicht ein Verrat?

Nein. Ich glaube, hier wird ein falsches Dilemma beschrieben. Historisch ist es so: Schon kurz nach den berühmten Unruhen im „Stonewall“ von New York 1969, drei Jahre danach also, versuchten erste Paare als Schwule oder Lesben zu heiraten. Der „Freedom to marry“-Fokus ist nicht erst in jüngerer Zeit öffentlich geworden. Der oberste Gerichtshof entschied aber nach vielen Instanzen 1972, diese Freiheit abzulehnen. Die Zeit war noch nicht reif.

Michael Warner schrieb schon in den Neunzigern über die Hierarchie von respektablen Schwulen und nichtrespektablen Schwulen, die mit der „Freedom to marry“ entstünde.

Ich verstehe die Kritik. Ich stimme ihr nur nicht zu. Die Debatte ist eine akademische. Die deutliche Mehrheit von Homosexuellen wollte schon immer das Recht auf die Ehe. Ihnen ist nur gesagt worden, dass sie es nicht haben können. Einige Aktivisten und Akademiker, die die Ehe vielleicht verachten, waren bereit, der Mehrheit der Lesben und Schwulen ihre Meinung aufzudrücken. Die Freiheit zur Ehe sollte nicht Michael Warners Entscheidung sein, auch nicht meine. Es sollte die von jedem Einzelnen sein.

Kurze Zeit nach der Rebellion von New York, der Geburt der modernen Homosexuellenbewegung 1969: Muteten da die Debatten um das Heiratsrecht von Homosexuellen in der Community nicht bizarr an?

Das weiß ich nicht sicher, weil es damals noch keine Meinungsumfragen gab. Wir waren auch nicht so sichtbar wie heute – und entsprechende Diskussionen waren nicht im Spiel. Wenn man sich frühe Filmaufnahmen unserer Bewegung anschaut, sieht man jedoch die Pioniere der „Freedom to marry“-Aktivitäten. Etwa: Auf dem Wagen einer Gay-Pride-Parade sitzt ein Paar, das auf einem Schild das Recht auf die Ehe fordert.

Okay, alles eine Frage, wer Geschichte schreibt. Meist sind und waren das ja AkademikerInnen ohne Bewusstsein für das politisch Naheliegende.

Ende der Neunziger waren es erst 27 Prozent, die glaubten, die Ehe werde es für Homosexuelle geben, am Ende waren es mehr als zwei Drittel, die offenbar dieses Recht erwarteten und befürworten.

Sie sagten vor einiger Zeit, man muss neue Horizonte entdecken, um neue Ideen zu haben. Was meinten Sie damit konkret?

Während der vielen Jahre, als ich nicht nur als Rechtsanwalt arbeitete, sondern bei Aufklärung und politischen Aktionen mitgemacht habe, trug ich einen Zettel in meinem Geldbeutel mit mir herum. Darauf stand etwas von einer Frau, die im 19. Jahrhundert das Wort Feminismus geprägt hat – sie war eine der Führerinnen der Sufragettenbewegung. Ihr Name war Hubertine Auclert. Sie kämpfte für das Wahlrecht für Frauen. Sie schrieb: Wenn man ein Recht erhalten möchte, muss man es erst ausrufen. Man muss sagen: Wir schaffen das!

Der Spruch des obersten Gerichshofs gab Ihnen recht.

Was ich sagen will, ist: Als wir uns trauten, die „Freedom to marry“ zu denken, war eine Vision geboren. Ein Traum. Der hat uns den Weg nach vorn gewiesen. Es war ein harter Weg – aber kein Kampf und keine Ehe ohne Gefecht (im Original: engagement). Und nebenbei: Beim Kampf für das Frauenwahlrecht gab es viele, auch weibliche Stimmen, die davon sprachen, Frauen wollten gar nicht wählen.

Abermals: Einige Leute hier in Deutschland und in den USA sagen: Schwule repräsentieren eine neue sexuelle Welt – wozu da so eine bürgerliche Ehe?

Wir forderten nicht die gleichgeschlechtliche Ehe, sondern die Ehe. Nicht mehr, nicht weniger. Wer keine Ehe will, muss sie ja nicht wollen. Einerlei ob Heteros oder Homos. Im Übrigen: Viele der Akademiker und der Aktivisten gegen unsere Arbeit an der „Freedom to marry“ sind inzwischen verheiratet.

Der deutsche Sexualwissenschaftler Martin Dannecker sagt, die Begriffe „mein Mann“ oder „meine Frau“ seien heteronormativ vergiftet.

Auch hier gilt: Jeder hat das Recht auf eigene Ansichten. Ich bin gegen ideologische Positionen, die so tun, als seien sie das Beste für alle anderen.

Ist es denn nötig, alle Energie in die „Ehe für alle“ zu stecken?

Wer hat gesagt, wir sollten all unsere Energie für diese rechtliche Gleichstellung aufwenden? Warum soll man die politischen Projekte gegeneinander ausspielen?

Aber ist es nicht oft so gewesen? Als die Lesben zur Frauenbewegung stießen, wurde gesagt: Erst kämpfen wir für die Frauenrechte und dann kommen wir zu dem, was lesbische Fragen sind.

Nein, die Geschichte hat uns gezeigt, dass es nicht so war. Wir haben mehr Absicherungen für Trans*menschen erstreiten können – während unserer Ehekampagne. Es gibt in den USA viel mehr Antidiskriminierungsprogramme, in vielen US-Bundesstaaten andere Schullehrpläne, mehr Aufklärung über Programme für schwule und lesbische SeniorInnen. Da ist nichts gegeneinander ausgespielt worden, aber die Kampagne „Freedom to marry“ hat alle anderen Projekte erheblich beflügelt.

Farbige Trans*gender-Frauen wollen auch präsent sein, oder?

Diese Anliegen zeigen uns, dass die Arbeit noch nicht getan ist. Ineinem Text für die New York Times nach dem Urteil des Supreme Court schrieb ich, dass uns ein extrem wichtiger Sieg gelungen ist. Aber dass es weitergehen muss, steht außer Frage. Es gibt noch so viel zu tun.

Wie haben andere soziale Bewegungen auf den Sieg Ihrer Bewegung reagiert?

Erstaunlich – und naheliegend. Viele gucken uns jetzt an und wollen wissen, wie wir unseren Erfolg errungen haben. Die Bewegung gegen die Todesstrafe, gegen Rassismus, für eine bessere Gesellschaft überhaupt. Ich denke vor allem dies: Man muss an das, was man erreichen will, glauben.

 

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