Nach der Utopie

Pop Die Berliner Band Il Civetto liefert zum aufregenden Party-Soundtrack die melancholische Kehrseite gleich mit

Erfolgreiche Crowdfunder: die Band ll Civetto Foto: Alexander Ullmann

Schade, Chance verpasst. Für gerade mal 25 Euro hätte man die Band Il Civetto mit Mehl bewerfen dürfen. Aber das Crowdfunding-Projekt ist bereits erfolgreich abgeschlossen. Die 9.000 Euro, die die Berliner Gruppe anstrebte, um ihr Debütalbum veröffentlichen zu können, sind zusammengekommen. Am kommenden Freitag erscheint das selbstbetitelte Werk „Il Civetto“ – und immerhin ein Unterstützer darf dem Mehlschmeißen nun erwartungsfroh entgegenschauen.

Andere Supporter dürfen sich immerhin freuen auf einen Haarschnitt von Hobbycoiffeur und Gitarrist Tristan Böttger (für 75 Euro zu erwerben), ein von Ukulele-Spieler Leonard Schulz und Bassist Leon Keiditsch gekochtes Menü (200 Euro) oder gleich Hilfe beim nächsten Umzug, zu dem dann die gesamte Band antreten muss (225,50 Euro).

Die größte Belohnung ist aber wohl das Album, das sie alle finanzieren geholfen haben. Denn das Debüt ist ein kleines Wunderwerk – und eine große Überraschung. Eine Platte, die nicht nur gute Laune macht, sondern auch noch sehr viel erzählt über diese Stadt. Und das, obwohl der dreiste Sprachenmischmasch, in dem Il Civetto ihre aufgeregt hüpfenden Songs besingen, kaum verständlich ist. So schwerelos, wie sie zwischen Spanisch und Portugiesisch, Englisch, Französisch und Arabisch, Jiddisch und auch ein wenig Deutsch hin und her springen, so problemlos adaptieren sie auch Lateinamerikanisches und Afrikanisches im Geiste der Straßenmusik, während Schatten von Balkan-Beats, Gypsy-Swing, Flamenco oder texanisch-mexikanische Klänge vorbeiwehen – und einmal sogar ein elektronischer Rhythmus von einer anderen, sehr typischen Berliner Feierkultur erzählen darf. Der Videoclip, mit dem Il Civetto auf Startnext um Unterstützung für ihr Albumprojekt warben, beginnt mit einer einfahrenden U-Bahn auf dem Bahnhof Hallesches Tor. Die Band steigt ein und spielt einfach mal los im Waggon. Bierflaschen werden geköpft, die Reise führt in die Berliner Nacht. Genau so sind Il Civetto vor fünf Jahren entstanden: In einer U-Bahn fragte ein Fahrgast die Straßenmusiker, ob sie nicht auf seiner Party spielen wollten. Das war der Moment, in dem die Band geboren wurde, die sich später nach der auch im Italienischen eigentlich weiblichen Eule „civetta“ benannte.

Später im Startnext-Clip blickt die Kamera dann noch von einem Dach über das nächtliche Berlin. So viel Klischee darf aber ruhig sein. Schließlich repräsentieren Il Civetto mit ihrem verwegenen Stilmix, mit den vielen verschiedenen Assoziationen und Anspielungen ziemlich genau den Geist, nach dem Millionen Erlebnishungrige aus aller Welt auf der mittlerweile berüchtigten Partymeile zwischen Kreuzberg und Friedrichshain suchen.

Sicherlich können Il Civetto dieses für viele überwältigende, aber doch eher unbestimmte Gefühl so konkret in Töne gießen, weil alle fünf selbst aus dieser Generation stammen. Nicht nur sind sie alle in ihren frühen Zwanzigern, das Quartett verbindet neben der Musik auch das Reisen. Zusammen oder getrennt, mit Instrumenten im Rucksack hat man Südamerika und Afrika besucht. Dort in erster Linie sind die Lieder entstanden, die so zielgerichtet den toten Winkel finden zwischen Hedonismus und Sehnsucht, Eskapismus und Fernweh. Ein Lied wurde im Senegal geschrieben und aufgenommen. Den letzten Schliff bekam das Album folgerichtig während einer gemeinsamen Arbeitsreise in die Türkei.

Es greift die Trauer um sich, dass nichts mehr so ist, wie es wohl nie war

In aller Welt also sind sie entstanden, die Lieder, die aber doch so eindeutig in Berlin zu Hause sind. Als Dokumente einer Generation, die getrieben von einer unbestimmten Sehnsucht in der Ferne doch nur nach sich selbst sucht. Einer Generation, die glaubt, in Berlin sein zu können, was sie sein möchte, durch die nächtlichen Straßen treibend auf der Suche nach einer Utopie, die verloren gegangen ist oder höchstwahrscheinlich nie existiert hat. Es greift die Trauer um sich, dass nichts mehr so ist, wie es wohl nie war.

Diese Trauer ist bei Il Civetto zu hören. Durch die Texte in der bandeigenen Fantasiesprache, die von afrikanischen Leuchtturmwärtern, Ungeheuern, Feen oder bloß vom Tanzen handeln, wehen Begriffe wie Revolution, Liebe oder Leben, als wären sie bloß noch Schatten aus einer sagenhaften Vergangenheit. Aber so aufgeräumt die Songs auch erscheinen, immer schwingt in ihnen – das haben sie womöglich vom jiddischen Klezmer gelernt – auch eine feine Melancholie mit, die sich dem zügellosen Hedonismus entgegenstellt.

Diese zusätzliche Qualität ist es, die „Il Civetto“ vom reinen, aber schon ziemlich aufregenden Berliner Party-Soundtrack zu einem Dokument seiner Zeit befördert. In den Liedern von Il Civetto ist er schließlich dann doch deutlich zu spüren, der Kummer über den Verlust einer schönen Utopie. Und nicht zuletzt auch die Reue, dabei gewesen zu sein, mitgeholfen zu haben, als diese Utopie zu Grabe getragen wurde.