Wir steigern das Bruttosozialglück
Editorial

Gute Nachrichten und erfolgreiche Klimaschutzmodelle aus der ganzen Welt

Wenige Tage vor der Klimakonferenz in Kopenhagen präsentieren wir Ihnen – wie schon zu Pfingsten – Erfolgsmodelle aus der ganzen Welt. Zwei gute Nachrichten gleich vorweg: Erstens bedarf es nicht vieler Ressourcen, um glücklich zu sein. Das ist das Ergebnis des „Happy Planet Index“, den unsere Zeichnerin Juliane Pieper grafisch umgesetzt hat. Die Lebenszufriedenheit ist nicht etwa bei den Superreichen am höchsten, sondern bei den eher armen Mittelamerikanern. Auch im sozialstaatlich abgesicherten Skandinavien fühlen sich die Menschen überdurchschnittlich wohl. Den Index erstellte die New Economics Foundation in London. Die Stiftung kämpft für Ökosteuern, alternative ökonomische Messmethoden und den Schuldenerlass für Drittweltländer. Ihr Happy Planet Index für 143 Länder setzt sich aus drei Komponenten zusammen: dem subjektiven Wohlbefinden, der objektiven Lebenserwartung und dem Ressourcenverbrauch. Das Ergebnis bestätigt das aus der Glücksforschung bekannte „Wohlstandsparadox“: Obwohl sich das Einkommen in den westlichen Ländern vervielfacht hat, ist die Bevölkerung kaum glücklicher geworden. „Der Anspruch auf einen Platz an der Sonne ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass sie untergeht, sobald er errungen ist“, schrieb einst der österreichische Satiriker Karl Kraus und wird dabei wohl ein klein bisschen böse gelächelt haben. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Wenn wir unseren gewaltigen Ressourcenverbrauch reduzieren – und angesichts des drohenden Klimadesasters müssen wir das –, heißt das nicht, dass sich unser Wohlbefinden mindert. Wenn wir es klug anstellen, wird es sogar steigen. Die zweite gute Nachricht stammt aus dem kleinen Himalaja-Staat Bhutan, der zwar im Happy Planet Index nicht auftaucht, den aber taz-Reporter Sascha Zastiral bereist hat. Bhutan hat das Bruttosozialglück seiner Bewohner als Ziel in seine Verfassung hineingeschrieben, und eine Glücksbehörde ist für die Umsetzung zuständig. Ein geradezu visionäres Politikmodell. Klare Schlussfolgerung: Das Bruttosozialprodukt gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Das Wohlergehen muss neu definiert werden. Deshalb klären wir auf den folgenden Seiten darüber auf, welche wissenschaftlichen Ansätze und politischen Initiativen dazu existieren, geben einen Überblick über die Erkenntnisse der Glücksforschung und befragen den Wachstumskritiker Hans-Christoph Binswanger. Zudem stellen wir verschiedene Erfolgsmodelle zum Thema Ressourcenverringerung und Umweltgerechtigkeit vor. Viel Spaß und Glück beim Lesen! UTE SCHEUB

P.S.: Anregungen, Lob und Kritik bitte an: erfolgsmodelle@taz.de