Klein oder abgehoben Bei der Gründung der Bremer Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft ging es nicht um Schnäppchenjagd, sondern eher darum, dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen

„Die Backgruppewar der Anfang“

Interview Benno Schirrmeister

taz: Frau Draub-Ketelaar, Sie sind Aufsichtsrätin bei der Bremer Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft?

Jutta Draub-Ketelaar: Herrjeh, diese hochtrabenden Worte.

Aber es stimmt doch?!

Ja, ich bin Aufsichtsrätin der EVG, weil das Gesetz verlangt, dass eine Genossenschaft einen Aufsichtsrat hat. Wir haben auch eine Generalversammlung. Aber das ist bei uns nicht so abgehoben wie es klingt.

Was heißt abgehoben?

Unter diesen Begriffen stellt man sich immer wunders was vor. Die passen zu den oft riesigen Genossenschaften, die längst über Delegiertensysteme funktionieren, aber nicht zu uns. Bei uns sind die Ebenen stark verzahnt, die Bildungs- und Ladenarbeit, die Geschäftsführung und die Tätigkeiten des Aufsichtsrats. Uns ist wichtig, überschaubar zu bleiben.

Das liegt so ein bisschen in der Natur der Sache?

Nein, das war eine Entscheidung. Andere Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften sind ja völlig andere Wege gegangen. Die in Lübeck beispielsweise haben sich stark professionalisiert: Die betreiben mittlerweile fünf Bio-Supermärkte und haben richtige Arbeitsplätze geschaffen. Das ist schon auch beeindruckend und gut. Aber das ist nicht, was wir wollten. Wir sind lieber klein und fein.

Und ein bisschen elitär?

Das wird uns immer ein bisschen unterstellt.

Deshalb frage ich ja.

Wir kommen mehr aus der bürgerlichen Ecke, ja. Und bestimmte Milieus zu erreichen, fällt uns schwer. Das ist so. Viele sagen, Bio, das können wir uns ja gar nicht erlauben, viel zu teuer. Das finde ich nicht immer nachvollziehbar, wenn ich sehe, was die Leute oft an Elektroniksachen haben. Das kostet ja auch viel Geld. Das ist ein Bedürfnis, das ist mir fremd. Aber wir versuchen die Schwelle niedrig zu halten. Der Geno-Anteil kostet einmalig 50 Euro, und man kann den auch abstottern. Und die monatliche Pauschale, das sind zwölf Euro, die kann man durch Ladendienst reduzieren. Und dafür bekommt man dann die Sachen zum Einkaufspreis.

Aber ist es dann so billig wie im Supermarkt?

Mit Ramschangeboten können wir nicht konkurrieren. Es geht aber eben nicht nur um den Ladenpreis. Es geht auch um eine Qualität: Sie wissen, woher die Produkte herkommen und wie sie erzeugt werden. Und es geht um ideelle Werte.

Es geht doch ums Essen?

Es ist aber auch ein Bildungsprojekt – für jeden: Wir machen Veranstaltungen hier in Bremen, wir machen gemeinschaftliche Unternehmungen, wie die Ausflüge zu den Höfen: Welcher Supermarkt macht Exkursionen zu den Herstellerbetrieben?

Warum sollte er denn?

Dadurch bekommt man Einblick in die anderen sozialen Wirklichkeiten: Wir kennen die Bauern, von denen wir unser Gemüse bekommen, wir haben die alle schon besucht. Wir kennen deren Probleme. Die Bauern sind für uns Partner, nicht Lieferanten. Und wir sind für die auch nicht bloß Kunden. Und das können sie als Mitglied alles kostenlos mitmachen. Elitär ist vielleicht eher das Interesse für alternative Ernährung, der besondere Blick auf die Landwirtschaft. Das Engagement selber ist sehr basisdemokratisch: Man muss ja noch nicht mal Mitglied sein, um uns zu sagen, was einem fehlt und was man im Laden bräuchte.

Meckern kann ich immer überall.

Aber bei uns wird darüber diskutiert: Man ist bei uns nicht bloß Verbraucher. Wir sind auch BürgerInnen. Wir können Einfluss nehmen, auch wenn wir nicht die Welt bewegen, mit unseren 250.000 Euro Jahresumsatz. Aber als Modell im Kleinen haben wir, das bilde ich mir wenigstens ein, schon etwas verändert: Dass es an Bremer Schulen das Biobrotbox-Programm gibt, den Öko-Markt im Viertel und so viele, viele Bio-Betriebe ...

War denn die Welt zu verändern auch ursprünglich der Plan?

Wahrscheinlich mehr noch als heute. Es ging immer auch darum, dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen, durch eine Tauschwirtschaft zum Beispiel, das war noch in der Selbstversorgungs-Kooperative, also über zehn Jahre, bevor wir 1988 die Genossenschaft gegründet haben. Und die Kooperative war aus der Anti-Atom-Bewegung hervorgegangen.

Wie hängt das miteinander zusammen?

Wir wollten nicht nur Protest gegen die AKW artikulieren, sondern Alternativen entgegensetzen: das, was mittlerweile Post-Wachstumsökonomie heißt. Vieles von dem, was heute der Oldenburger Ökonom Niko Paech vertritt, haben wir damals erprobt, in möglichst vielen Bereichen: Kultur, Bildung, wir haben auch die Kinderschule gegründet, die Frauengruppen, und, ganz wichtig, die Wohngemeinschaften. Daraus hat sich das Interesse entwickelt, sich gemeinschaftlich zu versorgen. Wir wollten unabhängig sein von den Supermärkten und dem immer anonymeren Handel. Wir hatten da aber keine Strategie oder Konzept. Es ging da eher um die handfesteren Dinge. Die Backgruppe war da der Anfang.

Die Backgruppe?

Ja 1976/77 haben wir mit dem Brotbacken angefangen. Und die Stadt-Land-Kooperation aufzubauen, lag für uns da nahe.

Inwiefern?

Weil wir zum Backen auch Getreide brauchten.

Logisch.

Wir hatten uns eine große Mühle angeschafft, also brauchten wir Korn. Und, wie die Zufälle so sind, haben wir dann einen Getreidebauer gefunden, in Zeven, mit dem wir noch heute zusammenarbeiten. Und im Landkreis Vechta, in Goldenstädt, haben wir einen Gemüsebauern aufgetan. Und dann hat eine Praktikantin des Getreidebauern einen eigenen Gemüsebetrieb gegründet, und so ist nach und nach ein kleines Netzwerk gewachsen.

Aber kontrolliert biologisch war das noch nicht?

Nein, wie denn auch! Es gab allenfalls ein paar Pioniere, die anfingen, ihre Ideen von einer ökologischen Landwirtschaft auszuprobieren. Es gab zwar die Verbände, aber an staatliche Kontrollen war da noch gar nicht zu denken. Deshalb haben wir uns Grundprinzipien ausgedacht, also einen Katalog von Anforderungen, die wir als VerbraucherInnen an die Produktion hatten. Uns kam es zum Beispiel darauf an, dass da aktive Bauern mitmachen. Wir hatten deshalb auch einen Neuland-Bauern dabei. Der erfüllte zwar nicht die Vorgaben eines ökologischen Landbaus ...

... aber Tierschutz-Standards?

Ja, und vor allem war er agrarpolitisch ungeheuer engagiert. Für uns war wichtig, dass wir den auch mit aufnehmen – obwohl er nie die Kurve gekriegt hat in die ökologische Landwirtschaft.

Also Vertrauen vor Label?

Jutta Draub-Ketelaar

Foto: privat

gibt als Erwachsenenbildnerin Seminare über Umwelt, Ernährung und Naturschutz und ist Aufsichtsrätin der Bremer Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft. Am 12. Januar gehört sie zu den Gästen des taz Salons zur Agrarkrise im Bremer Kulturzentrum Lagerhaus.

Dieses Vertrauensprinzip ist mir nach wie vor das Wichtigste. Aber wir müssen uns natürlich auch absichern, indem wir heute für unsere Produzenten die Einhaltung der EU-Verordnung und nach Möglichkeit eine Verbandszugehörigkeit voraussetzen.

Wobei das Vertrauen in Verbände seit dem Neuland-Skandal erschüttert ist.

Ich sehe das als ein Problem der Größe: Die wachsen. Und die Kontroll-Infrastruktur wächst nicht mit. Wir haben seinerzeit vergeblich dafür gekämpft, einen Beirat von Verbrauchern im Kontrollsystem zu verankern.

Das hat nicht geklappt?

Nein, da sind wir dann leider außen vor geblieben: Ich glaube, die Verbraucher haben viel härtere Anforderungen, wie man ja auch beim Hickhack um die Novelle der EU-Verordnung zum ökologischen Landbau sieht. Die musste ja zurückgezogen werden.

Die Biobauern wollten keine schärferen Pestizid-Grenzwerte erfüllen.

Ja. Aber ich finde, wenn man die stärker auf Verbraucherschutz abstellen möchte, muss man eben schon auch eine Produktqualität berücksichtigen, und nicht nur wie bislang allein die Prozessqualität überprüfen. Das waren teilweise doch recht einseitige Interessen, die in der Diskussion den Ausschlag gegeben haben.

Es war darauf hingewiesen worden, dass die Biolandwirtschaft einfach nicht mehr wächst ...

Wir wollen den Biobauern sicher keine Knüppel zwischen die Beine werfen. Und wenn die sich durch solche Kontrollen zu sehr beengt fühlen, ist das so. Für die geht es um die Existenz, das ist bei uns anders. Aber wenn Bio so groß und so anonym wird, ist das in meinen Augen eine Gefahr.

Also bleibt die Herausforderung in dem Sektor, dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen?

Die Durchkommerzialisierung der Landwirtschaft ist erschreckend, und man muss versuchen, ihr etwas entgegenzuhalten. Das sehen wir als unsere gesellschaftliche Aufgabe. Deshalb fahren viele von uns am 16. Januar zur Demo nach Berlin. Wir würden es schon begrüßen, wenn sich eine Bürgerbewegung gegen die Massentierhaltung und gegen Tierfabriken entwickeln würde.

Aber gibt es nicht auch kleine und Bio-Betriebe, in denen es den Tieren schlecht geht?

Das stimmt sicher, und die Stärke und die Bedeutung des ökologischen Landbaus liegt für mich nicht in der Tierhaltung. Es geht auch nicht um Gesundheit, sondern um Umwelt- und Klimaschutz. Das ist entscheidend. Das ist das wichtige, gesellschaftliche Problem.