Schweiz

Höchste Zeit, ein paar Fragen zu stellen

Ein „Stillhalteabkommen“ 1970 in Genf mit Palästinenservertretern sollte Terrorakte verhindern. Was genau geschah?

Mitten in einem Waldstück in der Nähe des im Kanton Aargau gelegenen schweizerischen Ortes Würenlingen steht seit Jahren eine Tafel. Sie soll an das größte Verbrechen erinnern, das nach dem Krieg die Alpenrepublik heimgesucht hat. Darauf ist eine Anklage zu lesen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: „Was hier geschah, war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das niemals verjährt. Die Urheber sind bekannt. Doch sie wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Die 47 Menschen, die bei tausend Grad Hitze im brennenden Kerosin und berstenden Aluminium verglühten, ließen die Justiz offenbar bis heute kalt.“

Mit dem Verbrechen ist ein Terroranschlag gemeint, ein mit einer Paketbombe verübtes Attentat auf eine Maschine der Swissair, bei dem am 21. Februar 1970 die Crew und alle Passagiere in den Tod gerissen wurden. Mit den Urhebern sind vier Palästinenser gemeint, deren Kommandochef ebenso einer Organisation namens PFLP – GeneralCommand (PLFP=Volksfront zur Befreiung Palästinas) angehörte wie deren Auftraggeber. Und mit Justiz wiederum ist die Schweizer Bundesanwaltschaft gemeint, die es an dem nötigen Willen mangeln ließ, der Terroristen habhaft zu werden, sie vor ein Gericht zu stellen und abzuurteilen.

Seit letzter Woche ist geklärt, warum es nicht zur Ahndung eines solchen Makroverbrechens gekommen ist. Die Neue Zürcher Zeitung hat einen Tag vor Erscheinen eines von ihrem Redakteur Marcel Gyr unter dem Titel „Schweizer Terrorjahre“ verfassten Dokumentarbandes dargestellt, warum sich der schweizerische Staat der Strafverfolgung entzogen hat.

Im September 1970 war ein Stillhalteabkommen mit einem führenden Mann der PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) eingefädelt worden. In einem Genfer Hotel hatten sich Bundesanwalt Hans Walder, Geheimdienstchef André Amstein und höchstwahrscheinlich auch der damalige Außenminister, Bundesrat Pierre Graber, mit keinem Geringeren als Farouk Kaddoumi getroffen, um ein Stillhalten zu vereinbaren. Kaddoumi war außenpolitischen Sprecher der PLO und zweitmächtigster Mann nach deren Chef Arafat.

Per Handschlag beschlossen sie, dass die PLO keine Anschläge mehr auf Schweizer Staatsgebiet oder Zielobjekte verüben würde. Dafür würde sich die Schweiz bei der UNO für die Anerkennung eines Palästinenserstaates und die Gründung eines eigenen Büros beim UN-Sitz in Genf einsetzen.

Geheimgespräche im Genfer Hotel

Zu dieser Vereinbarung dürfte auch gehört haben, palästinensische Terroristen respektive Unabhängigkeitskämpfer von der Strafverfolgung auszunehmen. Zu dieser Zeit gab es drei terroristische Vorfälle, die die Schweiz betrafen und von denen einer höchste Aktualität besaß:

– Im Februar 1969 war auf dem Flughafen Zürich-Kloten eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al von einem palästinensischen Terrorkommando überfallen worden.

– Fast genau ein Jahr später war die anfangs erwähnte Coronado der Swissair vom Himmel geholt worden. Bald darauf stellte sich heraus, dass ein Kommando der PFLP/GC dahintersteckte.

– Am 6. September 1970 waren gleichzeitig vier Passagiermaschinen auf dem Weg nach New York von der PFLP entführt worden, darunter auch eine der Swissair. Auf einem einstigen britischen Militärflugplatz in der jordanischen Wüste waren sie nach einigen Tagen in die Luft gesprengt worden. Um die Passagiere und Crew-Mitglieder freizubekommen, tagte in Genf wochenlang ein internationaler Krisenrat. Zugleich verhandelten die Schweizer Unterhändler insgeheim separat mit Farouk als PLO-Repräsentanten.

Am Ende kamen alle Passagiere, Piloten und das Bordpersonal frei. Im Gegenzug wurden mehrere palästinensischen Terroristen nach Kairo ausgeflogen – darunter die in Winterthur abgeurteilten Kloten-Attentäter.

Der Überfall auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München zeigte, dass die terroristischen Kräfte keineswegs gezähmt waren. Den spektakulären Anschlag verübte eine mysteriöse Organisation namens „Schwarzer September“. Wie ein geheimdienstliches Dossier vermeldete, soll niemand anders als Farouk Kaddoumi der eigentliche Chef des der PLO zugerechneten „Schwarzer September“ gewesen sein – der Mann, mit denen die Schweizer ihr Geheimabkommen abgeschlossen hatten.

Der 1931 im Westjordanland geborene Kaddoumi war wohl wie kaum ein Zweiter dafür geeignet, die damals von Arafats PLO verfolgten Ziele umzusetzen: Er musste als designierter Außenminister eines eigenen Palästinenserstaates auf dem internationalen Parkett agieren können – ebenso wie als Chef im mörderischen Kampf des Geheimdienstes Jihaz al-Rasd.

Diese Doppelrolle konnte den Schweizer Unterhändlern in Genf nicht unbedingt bekannt sein. Aber sie wussten durch das deutsche Bundeskriminalamt längst, dass er der mutmaßliche Bruder desjenigen Mannes war, der die Kommandogruppe für das Würenlingen-Attentat angeführt hatte.

Die damalige Sicherungsgruppe Bonn hatte 1970 ebenfalls ermittelt. Grund: An jenem 21. Februar gab es ein zweites Paketbombenattentat. Es hatte einer vom Frankfurter Flughafen aus gestarteten Maschine der Austrian Airlines den Rumpf aufgerissen und zur Notlandung geführt. In ihrem Abschlussbericht vom Januar 1971 stellte sie fest:

„Es ist wahrscheinlich, dass der Anschlag nicht der Maschine der österreichischen Luftfahrtgesellschaft AUA, sondern einem Linienflugzeug der israelitischen Luftfahrtgesellschaft EL AL gegolten hat. Diese Maschine flog laut Flugplan Februar 1970 als einziges israelitisches Flugzeug an Samstagen (21. 2. 70) von Frankfurt/M. nach Tel Aviv. Die Tatsache, dass aus postökonomischen Gründen mit diesem Flug keine Pakete befördert wurden, blieb Außenstehenden, zu denen auch die Verdächtigen zu rechnen sind, verborgen.”

Auch die Maschine der Swissair war ganz zufällig zum Zielobjekt geworden. Die beiden Bomben waren in Frankfurt und in München mit einer fiktiven Adresse in Jerusalem aufgegeben worden. Die Attentäter hatten geglaubt, dass die sorgfältig präparierten Pakete in den Frachträumen zweier El-Al-Maschinen, die an jenem Samstag von Frankfurt bzw. München aus nach Tel Aviv fliegen sollten, detonieren würden. Doch die Frankfurter Post wurde auf dem Rhein-Main-Flughafen nicht in die El-Al-Maschine geladen und der El-Al-Linienflug München – Tel Aviv fiel an diesem Tag überraschend aus.

Den BKA-Ermittlern kam das merkwürdig vor. Sie befragten den Leiter des Münchner El-Al-Büros nach den Hintergründen dieser Entscheidung. Dieser erzählte – wenig glaubhaft – von einer Reisegruppe, die man mit Bus und Bahn nach Köln befördert hätte, um dort eine anderes Flugzeug nach Tel Aviv zu besteigen. Die Akten geben keine Auskunft über eine Verifizierung dieser Aussage.

Denkwürdig auch: Die Frankfurter Kriminalpolizei war, wie aus den im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden deponierten Akten hervorgeht, nur 24 Stunden später durch den Hinweis eines israelischen Medizinstudenten auf die Spur des vierköpfigen und von Sufian Radi Kaddoumi geleiteten Palästinenser-Kommandos gekommen. Zwei wurden am gleichen Abend festgenommen. Der Dritte flog am 20. Februar nach Kairo. Kaddoumi setzte sich am selben Tag mit einem Pkw über die beschwerliche Balkan-Route in die jordanische Hauptstadt Amman ab.

Ein Foto und die Angaben zu seiner Person erhielten die bundesdeutschen Sicherheitsbehörden binnen kürzester Zeit von der israelischen Botschaft in Bonn. Es spricht vieles dafür, dass der Mossad den jüngeren der beiden Kaddoumi-Bruder schon längere Zeit im Visier gehabt haben musste. Womöglich war er auch über die Vorbereitungsaktionen seiner Kommandogruppe im Bilde.

Will die Schweiz die Antworten wirklich wissen?

Angesichts dieser Hinweise gibt es ein paar Fragen, die die Schweiz dem israelischen Staat stellen müssten, wenn sie wirklich wissen will, warum es gerade eine Maschine der Swissair war, die an jenem unglückseligen Samstag im Februar 1970 nur wenige hundert Meter von einem Kernreaktor entfernt wie eine Rakete in einem Wald einschlug. Sie lauten:

Warum geriet Sufian Radi Kaddoumi ins Visier der israelischen Sicherheitsbehörden? Was wussten die israelischen Behörden über dessen Rolle in der PFLP/GC und über die vierköpfige Kommandogruppe, die über Tage hinweg in München und Frankfurt agierte? Wie konnte ein israelischer Student mit einer Gruppe palästinensischer Studenten befreundet sein, von denen zumindest zwei zur Kaddoumi-Gruppe gehörten oder diese unterstützten?

Und weiter: Warum wurde von der am 21. Februar 1970 von Frankfurt nach Tel Aviv fliegenden Linienmaschine der El Al keine Paketpost entgegengenommen? Warum wurde der am selben Tag in München-Riem anstehende Flug einer weiteren El-Al-Maschine nach Tel Aviv abgesagt? Und für den Fall, dass es besorgniserregende Hinweise auf bevorstehende palästinensische Terroraktionen gegeben haben könnte: Warum ist keine einzige dafür in Frage kommende Fluggesellschaft, weder die österreichische, die schweizerische oder irgendeine andere vor einem möglichen Terroranschlag gewarnt worden?

Ohne Antwort auf diese Fragen wird weder die Schweiz noch Deutschland die Wahrheit über die terroristischen Zusammenhänge jener Zeit erfahren.

Bei alledem sollten mögliche Fragensteller aber auch, um voreiligen oder falschen Schlussfolgerungen vorzubeugen, der Tatsache Rechnung tragen, dass sich an Bord der bei Würenlingen abgestürzten Maschine auch 14 israelische Staatsbürger befanden. Und dass sich Israel angesichts der noch sehr viel weitreichenderen Tatsache, dass es seit dem Sommer 1968 zunächst ausschließlich El-Al-Maschinen waren, die als Adressaten palästinensischer Entführungs- und Anschlagsaktionen herhalten mussten, von den anderen westlichen Staaten völlig im Stich gelassen fühlte.

Wolfgang Kraushaar ist Politikwissenschaftler bei der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. 2013 veröffentlichte er bei Rowohlt das Buch „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“

 
  • aus der taz
vom 25. 1. 2016
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