Fest Sie treffen sich und wissen, es ist Liebe. Dann überfallen Kämpfer des IS ihre Heimat Sindschar im Irak. Zusammen mit Tausenden jesidischen Frauen wird Viyan verschleppt. Ali kann sie befreien, sie fliehen nach Deutschland. Unsere Autorin war bei ihrer Hochzeit in Lehrte

Viyan und Ali

Ali und Viyan. Finden sich im Nordirak, fliehen vor dem IS, heiraten in Deutschland. Bei ihrer Feier im September 2015 fehlen ihre jesidischen Familien. Viele aus der jesidischen Gemeinde aber sind gekommen

Text und Fotos vonRonya Othmann

Ihre schwarzen Locken fallen ihr ins Gesicht. Sie trägt ein langes, weißes Kleid. Das Kleid glitzert. Viyan ist schön. Ich kann nicht anders, als sie ansehen.

Als sie aus dem Auto steigt, bindet man ihr eine Schärpe um. Die jesidische Flagge ist darauf abgebildet, weiß und rot, in der Mitte eine gelbe Sonne. Auf der Schärpe steht Şingal in weißen Lettern, darunter steht die Zahl 74.

„Ser xêre be!“

Glückwunsch.

Wir stehen am Eingang der Halle, um das Brautpaar zu begrüßen. Ein komplettes Kamerateam ist gekommen, um die Hochzeit zu filmen. Überhaupt macht jeder Fotos und filmt. Bevor Viyan und Ali die Halle betreten, werfen sie einen Tonkrug zu Boden. Die Scherben sollen Glück bringen. In dem Krug waren Süßigkeiten und Münzen, jetzt liegen sie auf der Straße, die Kinder stürzen sich darauf.

Ich schäme mich. Ich kann Viyan nicht ansehen, ohne daran zu denken, was man ihr angetan hat.

Im Dezember 2013 treffen sich Viyan und Ali das erste Mal auf einem Pilgerweg. Es ist Cejna Ezî, das Fest zu Ehren Gottes, das jedes Jahr am Ende der dreiwöchigen Fastenzeit begangen wird. Ali ist gerade zwanzig Jahre alt. Er arbeitet auf Baustellen. Viyan ist zwei Jahre jünger als er und geht noch zur Schule. Sie leben im Norden Şingals, in zwei verschiedenen Dörfern. Şingal oder Shingal, das ist „Sindschar“ auf Deutsch. Sindschar im Irak.

Später in einem Interview wird Ali einmal sagen: Ich wusste von Anfang an, dass Viyan die Richtige ist.

In einem Video, das das Nachrichtenportal Êzîdî Press veröffentlicht, sagt er: „Wir freuen uns über jeden, der auf unserer Hochzeit anwesend sein wird.“ Und: „Es ist richtig, dass weder die Familie von Viyan noch meine eigene dabei sein wird. Aber wir betrachten alle jesidischen Familien als die unseren. Wir sind Tochter und Sohn jeder jesidischen Familie.“ Ich sehe das Video und weiß, dass ich dabei sein will. Dass ich somit auch zur Familie gehöre.

Tanzen

Im Laufe des Nachmittags füllt sich die Halle in einem Industriegebiet in Lehrte. Hunderte Gäste sind gekommen. Nicht nur aus Lehrte, sondern auch aus Bremen, Oldenburg, Hannover und anderen Teilen Deutschlands.

Die Gäste haben sich schick gemacht. Die Frauen in kurzen Cocktailkleidern, geschminkt, mit hochgesteckten Haaren, in Blusen und Jeans oder in glänzenden kurdischen Trachten. Die Männer tragen Anzug.

Überall sind jesidische Flaggen. Sie haften als Aufkleber an Wangen, an Hemden und Smartphones, sie werden um die Schultern getragen, als Kleid an Kinderkörpern. Sie hängen an Wänden, von der Decke, am Wagen des Brautpaars. Selbst beim „Govend“, dem Tanz, bei dem man sich mit den kleinen Fingern einhakt und in einer Reihe bewegt – stundenlang, bis spät in die Nacht wird das so gehen –, selbst da halten sie noch Flaggen in den Händen. Schon am Nachmittag ist die Musik so laut – Saz, Trommeln, Keyboard –, dass man sich selbst kaum hört. Hühnchen mit Reis gibt es, Salat und Brot auf Plastiktellern. Es werden Reden gehalten, viele und lange, in denen es um Politik geht, um Liebe, Religion und vor allem um das, was passiert ist im Şingal im August 2014.

Emotional werden die Reden dann, sie treiben den Gästen Tränen in die Augen. Schließlich wird unter einer Flagge, die auf dem Boden liegt, mit Teelichtern der Schriftzug “Shingal 74“ geformt. Die Gäste zünden sie einzeln an. 74: So viele Genozide hat es der Überlieferung nach an Jesiden gegeben.

Ali und Viyan küssen die Hand des Sheikhs. Sie nehmen an einem Tisch auf der Bühne Platz, der mit der jesidischen Flagge ­geschmückt ist. Die weißen Stühle sind so prunkvoll verziert, dass es aussieht, als säßen die beiden auf je einem Thron

Ich weiß nicht, wohin mit mir. Meinen Verwandten und den Gästen, mit denen ich spreche, sage ich, dass ich hier bin, um über Viyan und Ali zu schreiben. Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, Fotos zu machen.

Im August 2014, als Kämpfer des „Islamischen Staates“ Dörfer in Şingal überfallen, als sie die Männer töten und Tausende jesidische Mädchen und Frauen verschleppen, weiß ich von Viyan und Ali noch nicht.

Den August 2014 verbringe ich vor dem Fernseher. Die „Tagesschau“ taktet meine Tage. An das, was ich im August 2014 sonst noch getan habe, erinnere ich mich nicht mehr.

Bei jeder „Tagesschau“ fange ich an zu weinen. Leute auf der Flucht, mit nichts als dem, was sie mit sich tragen. Die Tausende Jesiden und Jesidinnen, die im Şingal-Gebirge eingekesselt sind, bei vierzig Grad ohne Essen und Trinken, manche von ihnen verhungern und verdursten; Kinder, die mit angesehen haben, wie Mitglieder ihrer Familie ermordet wurden. Ich denke an meine jesidische Großmutter, die Mutter meines Vaters. Ich denke an meinen jesidischen Onkel, meine jesidische Tante, ihre jesidischen Kinder. Es ist nur ein paar Wochen her, dass sie Syrien verlassen haben.

Meine Schwester ruft mich an und erzählt, dass sie in Hannover auf einer Demonstration war; Hannover, Bielefeld – fast täglich demonstrieren Jesiden dort jetzt auf der Straße. Die Leute waren total aufgelöst, sagt sie; dass einige Familienmitglieder haben, die im Gebirge eingekesselt sind. Seit Tagen können sie sie nicht mehr erreichen.

Im kurdischen Fernsehsender Rûdaw fangen zwei Reporter an zu weinen, als sie von der Situation in Şingal berichten. Rojda, eine Sängerin aus dem kurdischen Teil der Türkei – ich liebe ihre Stimme –, singt „Şingal birîndar ê“. Şingal ist verletzt.

Als Ali im August 2014 erfährt, dass auch Viyan verschleppt wurde, schließt er sich den jesidischen Einheiten um Heydar Şeşo an, die an der Pilgerstätte Sherfedîn kämpfen.

Nach 116 Tagen gelingt es ihnen endlich, Viyan zu befreien.

Viyan und Ali beschließen, nach Deutschland zu gehen. Wie viele Jesiden und Jesidinnen sehen sie im Nordirak keine Zukunft mehr. Viyan kann mit dem Flugzeug einreisen. Ali flieht über den Balkan.

Täglich lese ich die Nachrichten von der Front. Die „Operation Free Shingal“ beginnt, im November 2014 ist Şingal befreit. Alle paar Tage werden neue Massengräber gefunden, alle paar Tage erscheint irgendwo ein Artikel über die Sklavenmärkte des IS. Die ehemalige Sexsklavin Nadia Murad berichtet vor dem UN-Sicherheitsrat und wird wenig später für den Friedensnobelpreis nominiert, ich sehe mir ihren Bericht wieder und wieder an – und muss dabei „Viyan“ denken.

Am Morgen noch, bevor sie Braut wird, bin ich zu Besuch bei der Föderation der Êzîdischen Vereine, einem jesidischen Exilkomitee in Delmenhorst. „Wir sind alle Familienmitglieder von Viyan und Ali, obwohl wir nicht mit ihnen verwandt sind. Wir sind gekommen, um sie zu unterstützen“, sagt Orhan Onat, ein Mitglied des Komitees.

Sinan Shikho, auch ein Mitglied des Komitees, ist Jeside aus Syrien und erzählt mir die Geschichte seines Dorfes Chafa: „Es war noch vor der Gründung des IS. Damals drangen Terroristen in ein Dorf nicht weit von meinem ein. Einen Bewohner köpften sie dort sofort, einen anderen banden sie an ihr Auto und schleiften ihn kilometerweit hinterher.“

Die Gäste erinnern an „Shingal“ – den 74. Genozid an Jesiden

Shikho lebte damals schon in Deutschland, von hier aus hielt er Kontakt zu den Leuten in seiner Heimat.

„Kurdische Kämpfer und Kämpferinnen sind gekommen und haben vor den Terroristen gewarnt.“ Daraufhin, sagt Shikho, haben die jesidischen Familien das Dorf verlassen. Die Kämpfer haben es verteidigt, acht von ihnen kamen dabei ums Leben. „Am Ende gelang es ihnen, die Terroristen zu vertreiben. Sie konnten jedoch nicht verhindern, dass die Terroristen das Dorf niederbrannten. Ein paar der Familien, die aus Chafa nach Deutschland geflohen waren, sind mittlerweile zurückgekehrt.“

Leben

Während meines Besuchs bei der Föderation wird Tee serviert. Wir rauchen Zigaretten, aus dem Irak, wie man mir sagt, Süßigkeiten werden herumgereicht. Man erklärt mir die Flagge der Föderation, die man dem Hochzeitspaar als Geschenk überreichen will: Die rote Farbe ist Symbol für das Blut, das vergossen wurde; die Sonne ein wichtiges Zeichen der Jesiden, man findet sie auch auf kurdischen Flaggen.

Die vier längeren Sonnenstrahlen symbolisieren die vier Elemente, die im jesidischen Glauben eine große Rolle spielen, sie bedeuten auch die vier Himmelsrichtungen, in die verstreut die Jesiden heute leben – allein in Viyans Familie befinden sich noch dreißig Mitglieder in IS-Gefangenschaft.

Die zwölf Sterne um die Sonne stehen für die zwölf Monate. Der achte Stern ist schwarz gefärbt. Er steht für den Monat August 2014.

Der Monat August.

Ich brauche lange, um den Text über Viyan und Ali zu schreiben. Ich schreibe immer langsam, meist tragen Deadlines ihren Teil bei, dass ich mit meinen Texten fertig werde. Aber diesmal ist es anders. Deadlines helfen nicht. Die Sätze sind brüchig. An vielen Stellen habe ich keine Worte. Oder die Worte, die ich habe, sind nicht die richtigen. Ich habe das Gefühl, dass es keine Sprache gibt fürŞingal.Ich höre Rojda,„Şingal birîndar ê“. Ich habe Angst, beim Schreiben Viyan und Ali noch einmal zu verletzen. Angesichts ihrer Geschichte, angesichts von Şingal fühle ich mich wie die beiden Reporter im kurdischen Fernsehen, die, anstatt zu berichten, zu weinen angefangen haben.

74 Genozide sollen es sein. Ich kenne keine einzige jesidische Familie, die nicht von Massakern, Vertreibung und Diskriminierung berichten kann.

Meine Großmutter ist im Gebiet der heutigen Türkei aufgewachsen. Als sie noch ein Kind war, in den dreißiger Jahren, wurde ihr Vater von fanatischen Muslimen getötet. Er war mit einem Freund unterwegs, sie machten Rast unter einem Baum, als man ihnen auflauerte und ihn zwingen wollte, zum Islam zu konvertieren. Er weigerte sich. Seine Frau blieb mit fünf Kindern zurück.

Am 10. August 2014 belagerten IS-Terroristen die als Hochburg der Jesiden bekannte Stadt Sindschar und umliegende Dörfer im Nordirak. Hunderte starben, Tausende wurden im nahen Gebirge eingekesselt. Die IS-Kämpfer trennten Männer gewaltsam von Frauen und zwangen sie, zum Islam zu konvertieren. Etwa 5.000 Frauen wurden in Gebiete des „Islamischen Staats“ verschleppt und als Sexsklavinnen gehalten. Ende 2015 sollen sich noch 3.000 Menschen, größtenteils Frauen und Kinder, in IS-Gefangenschaft befunden haben. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat nach eigenen Angaben 2.500 Frauen befreien können, 1.000 davon „freigekauft“ – mit einem Lösegeld von bis zu 150.000 Euro für eine versklavte Jesidin.

Später wurde das Dorf, in dem die Familie lebte, von fanatischen kurdischen Muslimen eingekesselt, die für die Nacht einen Überfall geplant hatten. Die Großfamilie teilte sich und flüchtete in alle Richtungen, ließ damals alles zurück. Ein Teil der Familie fand Zuflucht im heutigen Syrien, ein anderer im Şingal. Beide Teile der Familie sind mittlerweile nach Deutschland geflohen, aus Angst vor den Massakern des IS.

„Liebe Brüder, wie die Tradition des Jesidentums es will, wird die Trauung von Braut und Bräutigam nicht mit Druck und Gewalt geschlossen, sondern freiwillig. Die Trauzeugen bezeugen das und auf ihre Aussage wird der Sheikh das Trauungsgebet sprechen.

Bruder Ali, akzeptierst du Schwester Viyan gemäß dem Weg und der Tradition des Engels Pfau, Tausî Melek. Bleibst du ihr treu, auch wenn sie behindert oder krank ist?“

„Ja.“

„Schwester Viyan, akzeptierst du Bruder Ali gemäß dem Weg und der Tradition des Engels Pfau, Tausî Melek. Bleibst du ihm treu, auch wenn er behindert oder krank ist?“

„Ja.“

Der Sheikh fragt die Trauzeugen: „Könnt ihr es bezeugen?“

Ali sagt: „Ich wusste von Anfang an, dass Viyan die Richtige ist“

„Ja, wir haben es gehört und gesehen und bezeugen es.“

Gott, Engel Pfau und Trauungsheiliger. O Sheikh Adi, Engel Melek, Sheikh Hissen und Dawidê bin Derman. Weg und Tradition, Anfang und Ende haben sie als Wegweiser und Wissen für dieses Volk gegeben.

Wir hoffen auf Sheikh Hissen, den Sheikh der Trauung, dass du die Trauung von Viyan und Ali akzeptierst. Wir hoffen auf Sheikh Hissen, den Sheikh der Trauung, dass du Braut und Bräutigam schützt vor Krankheiten, für die es kein Heilmittel gibt, vor den bösen Blicken, dass sie als Eltern für Familie und Kinder sorgen können und dass ihre Wünsche erfüllt werden.

Feiern

Ali und Viyan küssen die Hand des Sheikhs. Sie nehmen an einem Tisch auf der Bühne Platz, der mit der jesidischen Flagge geschmückt ist. Die weißen Stühle unter ihnen sind so prunkvoll verziert, dass es aussieht, als säßen die beiden auf je einem Thron.

Die Gäste stehen Schlange, um ihnen zu gratulieren und sie mit Geld zu beschenken. Als ich an der Reihe bin, frage ich Ali, wie er sich die Zukunft vorstellt, ihre gemeinsame. Die Gäste tanzen Govend, es wird Abend, die Musik immer lauter. Wir müssen fast brüllen, um uns zu verstehen. „Ich will in Deutschland bleiben und leben wie alle anderen auch“, antwortet er. „Ich wünsche mir eine Zukunft ohne Schmerz. Ich will, dass meine Kinder groß werden können, mit Spielzeug und nicht zwischen Bomben.“

Als ich nach Hause zurückkehre, zeige ich meiner Cousine die Fotos, die ich auf der Hochzeit gemacht habe. „Sie lächelt wenig, die Braut“, sagt sie. Und ich traue mich fast nicht, diesen Satz aufzuschreiben. Weil mir das auch aufgefallen ist und ich mir wünsche, es wäre anders.

Ronya Othmann, 23, studiert Arabistik und Literarisches Schreiben in Leipzig. Sie wuchs in München auf. Ihr Vater ist Jeside aus Syrien, ihre Mutter Protestantin und aus Deutschland