„Journal of Interrupted Studies“

Forschen, fliehen, schreiben, hoffen

In Oxford geben geflüchtete Akademiker eine Zeitschrift heraus. Noch erfüllt das Journal nicht alle wissenschaftlichen Standards.

70er-Jahre-Gebäude, davor ein Bus, Menschen an einem Tisch, tropische Pflanzen

Universität in Addis Abeba (Äthiopien). Ein wissenschaftlicher Job bedeutet, auch die Regierung zu unterstützen. Foto: imago/chromorange

Natürlich könnte er auch ohne sie überleben. Aber ohne politische Ökonomie und Staatstheorie wäre es hart für Mesfin Mulugeta Woldegiorgis. Vor gut einem Jahr ist der 33-Jährige aus Äthiopien nach Deutschland geflohen. In seiner Heimat war er in der Opposition aktiv und hatte die Regierung in Artikeln und im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Hawassa-Universität kritisiert. So lange und so scharf, bis ihm ein Gerichtsprozess und Folter drohten. Er ließ Land und wissenschaftliche Karriere zurück.

Doch jetzt bekommt der junge Wirtschaftswissenschaftler mit einem Bachelor- und zwei Masterabschlüssen eine neue Chance, wieder zu veröffentlichen. Und die kommt gerade aus Oxford, dem Inbegriff exklusiver Bildungselite. Dort hat ein Team um den deutschen Studenten Paul Ostwald im vergangenen Sommer das Journal of Interrupted Studies gegründet. Ab Juni soll die akademische Zeitschrift gedruckt und online erscheinen. Einen inhaltlichen Schwerpunkt hat das Magazin nicht, sondern einen formellen: Die Artikel stammen ausschließlich von geflüchteten und im Exil lebenden AkademikerInnen.

Mulugeta Woldegiorgis steuert zwei Aufsätze zur Erstausgabe bei: einen zu wirtschaftlichen Optimierungsprozessen in Afrika südlich der Sahara, einen weiteren zu Demografie und Immigration in Deutschland. Er hofft: Das Journal, das so „einfach zugänglich ist für geflohene Wissenschaftler“ wie ihn, könnte ihm helfen, endlich zu promovieren – in Deutschland. Ein TV-Talk hatte Paul Ostwald zu dem Projekt inspiriert. Mitten im Sommer der offenen Grenzen kam „Hamid, der Flüchtling“ gerade mal drei Minuten bei „Maischberger“ zu Wort. Danach wurde über ihn gesprochen, nicht mit ihm. „Bieder und schade“ fand Ostwald das. Er wollte Geflüchteten ihre Stimme zurückgeben, sie aus der Mitleidsecke herausholen, wollte weg vom „eurozentrischen Blick“.

Dafür setzt der 19-Jährige auf die Wissenschaft. „Jeder kann das tun, wo er gut drin ist. Das, was er geben kann.“ Ostwald studiert in Oxford den Bachelorstudiengang Philosophie, Politik und Wirtschaft. Um Aufsätze für das englischsprachige Journal zu sammeln, startete er mit zwei Freunden, einem Kommilitonen und einem Historiker, über soziale Netzwerke und ehrenamtliche HelferInnen einen Aufruf, Artikel für das Journal einzusenden.

Mehr Chancen auf Promotion in Deutschland

Mesfin Mulugeta Woldegiorgis erreichte er über den Frankfurter Verein Academic Experience Worldwide, der sich für die Integration von geflüchteten AkademikerInnen einsetzt. Für den Äthiopier war klar, dass er dem Journal Vorschläge einreichen wird. Aktuell kann er an der Goethe-Universität Frankfurt Kurse belegen. Ebenso wie 31 andere Geflüchtete, die vom neuen Academic Welcome Program profitieren. Für einen Monat arbeitet Woldegiorgis zudem als wissenschaftliche Hilfskraft für ein Forschungsprojekt zu Afrika südlich der Sahara.

Damit ist der Äthiopier nicht viel weiter als andere Geflüchtete. An vielen deutschen Hochschulen können Asylsuchende nur als Gasthörer Kurse besuchen. Prüfungen können sie oft nicht ablegen. Ein „richtiges“ Studium ist nur für diejenigen möglich, die ausreichende Deutschkenntnisse, einen dem Abitur gleichgestellten Schulabschluss, Originalzeugnisse aus ihrem Heimatland sowie einen Aufenthaltstitel vom Bamf vorlegen können.

In der ersten Ausgabe druckt das „Journal“ auch Fluchtgeschichten

Deshalb wartet auch für Mulugeta Woldegiorgis nach Abschluss des Willkommensprogramms an der Frankfurter Uni keine Doktorandenstelle. Doch vielleicht, so hofft er, hat eine Publikation in dem Journal aus Oxford Gewicht bei einer Bewerbung.

Sehr nah schien die Promotion vor einem Jahr, als er in Äthiopien ein staatlich bezuschusstes Angebot erhielt, in Kooperation mit der muslimischen Universität Aligarh in Indien. Doch er lehnte ab: „Dadurch hätte ich mich verpflichten müssen, für die Regierung zu arbeiten.“ Unmöglich für sein politisches Gewissen.

Auf das Exposé kommt es an

Bis zur Deadline am 1. April können geflüchtete und im Exil lebende AkademikerInnen noch englischsprachige Aufsätze zwischen 1.000 und 5.000 Wörter Länge einreichen. Vorgaben zum Thema oder zur Fachrichtung gibt es nicht.

Das Journal of Interrupted Studies aus Oxford erscheint erstmals am 1. Juni online als auch in gedruckter Version. Anschließend soll es vierteljährlich erscheinen. Weitere Informationen: www.jis-oxford.co.uk

Seine Hoffnung setzt er nun auf zwei hessische ProfesorInnen: Alexander Ebner, Professor für politische Ökonomie und Wirtschaftssoziologie an der Universität Frankfurt, und Regina Kreide, Professorin für politische Theorie und Ideengeschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Kreide engagiert sich in Frankfurt bei Academic Experience Worldwide, wo sie Mulugeta Woldegiorgis kennengelernt hat.

Bald wird er sein Exposé einreichen. Vor allem darauf wird es letztlich ankommen, ob er in Deutschland seinen Doktortitel macht – und nicht so sehr auf veröffentlichte Artikel im Journal. Für die Universitäten macht es prinzipiell keinen Unterschied, ob jemand als internationaler Student aus Ghana kommt oder als Flüchtling aus Äthiopien. Vorausgesetzt, er erfüllt die formalen Kriterien.

Auch seitens der zuständigen Ausländerbehörde in Frankfurt darf der junge Mann prinzipiell seine Doktorarbeit schreiben. Falls sein Asylantrag jedoch abgelehnt werden sollte, würde ihn auch das nicht vor einer Abschiebung schützen. So oder so wird Mesfin Mulugeta Woldegiorgis seinen Themenvorschlag einreichen.

Noch fehlen 500 Euro

Zunächst werden seine Artikel im Juni im Journal of Interrupted Studies erscheinen – vier Monate später als ursprünglich geplant. Denn zusammen mit der sommerlichen Willkommenseuphorie verpufften auch zwei in Aussicht gestellte Finanzspritzen. Für die ursprünglich geplante Auflage von 1.000 Heften fehlen derzeit noch 500 Euro. Doch Initiator Paul Ostwald, der gleichzeitig auch Verleger ist, gibt sich „unheimlich optimistisch, was das Finanzielle angeht“.

Notfalls springt die Uni Oxford mit einem Zuschuss zu den Druck- und Versandkosten ein. Das aber, sagt Ostwald, ist ihm eigentlich nicht recht. „Wir wollen keine Institution, die uns sponsert, sondern wollen zeigen, dass die Zivilgesellschaft interessiert ist.“ Außerdem sei in Oxford „alles sehr bürokratisch, und die Uni würde sehr viel Einfluss nehmen“.

Aktuell führt er Gespräche mit der Studienstiftung des Deutschen Volkes und mit privaten SponsorInnen, um die akademische Zeitschrift künftig viertel- bis halbjährlich herausgeben zu können. Dann könnte der Fokus noch stärker auf akademischen Inhalten liegen. Für die erste Ausgabe ist das Themenspektrum breiter, auch persönliche Geschichten sind darunter. Denn auch manche geflüchteten AkademikerInnen wollten über ihre Flucht schreiben. Und weil das Journal ja gerade für Offenheit steht, finden auch sie ihren Platz. Um die Texte möglichst authentisch zu halten, werden außerdem nur Grammatik und Rechtschreibung verbessert.

Die Hälfte der AutorInnen kommt aus Deutschland

Interessanterweise kommen sowohl über die Hälfte der AutorInnen und fast alle SponsorInnen aus Deutschland. Nicht nur wegen Paul Ostwalds Kontakten, sondern weil das Thema Flucht und Asyl in der englischen Realität „noch nicht wirklich angekommen ist“, wie Ostwald glaubt. Ein paar seiner KommilitonInnen seien nach Calais gefahren, um Geflüchteten zu helfen, ansonsten sei das Thema „im verschlafenen Dörfchen Oxford“ aber noch „weit weg.“

Nicht so in Deutschland. Mulugeta Woldegiorgis schwärmt von „hilfsbereiten und respektvollen“ Menschen: „Sobald sie etwas Intellekt und Visionen in uns erkennen, wollen sie uns helfen, diese Qualitäten nicht zu verlieren.“ Diesen Anspruch hat auch das neue Journal aus Oxford. Der wissenschaftliche ist nachrangig.

 

Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und Armut. Im Mittelmeer sterben Zehntausende. Und die EU setzt auf Abschottung.

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