Stadt. Land. Schluss

MAUERSchrift. Bild. Listen: Annett Gröschner und Arwed Messmer haben in Archiven gegraben. Ihre Ausstellung „Inventarisierung der Macht“ im Haus am Kleistpark erzählt von Kontrolle und Langeweile im Leben der DDR-Grenzer

Tote Ödnis: Mauerstreifen mit flankierender Bewachung Foto: Arwed Messmer unter Verwendung von BArch, DVH 60 Bild-GR31-00-003/ohne Angabe aus: Inventarisierung der Macht

von Katrin Bettina Müller

Die Sätze sind auf die Wände geschrieben, sie kesseln den Besucher ein im schmalen Kabinett. Alle sind gleich gebaut, ein Rhythmus stellt sich ein, ein Korsett einer Sprache wird sichtbar, Maßstäbe der Beobachtung. „Er schämt sich, in Uniform in Urlaub zu fahren. / Er hörte westliche Rundfunksendungen im Boot. / Er trat aus Langeweile im Grenzdienst Figuren in den Schnee.“ „Lob und Tadel“ ist dieser Raum in der Ausstellung „Inventarisierung der Macht“ im Haus am Kleistpark überschrieben. Klein machen die Sätze, enge Klammern ziehen sie um das Leben. Die Urteile über die Grenzsoldaten hat die Schriftstellerin Annett Gröschner im Bundesarchiv in Freiburg recherchiert. Dort lagert inzwischen das Archiv der DDR-Grenztruppen.

Vor etwas mehr als zwanzig Jahren, damals arbeiteten Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer an einem Projekt über die Gleimstraße, hatten die beiden das erste Mal Archivmaterial der Grenzregimenter in der Hand. Daraus sind mehrere Projekte entstanden, über die Mauer, über den Umgang mit Archivmaterial, über das Interpretieren von Dokumenten. Die Ausstellung „Inventarisierung der Macht“, eine großzügige, aufgeräumte Text- und Bildarbeit und eine zweibändige Publikation gleichen Titels, bilden den Abschluss.

Die Bücher sind mehr als drei Kilo schwer. Auf über 1.300 Seiten sieht man darin im Band „Die Mauer“ Fotografien der Grenze, die 1965/66 entstanden, immer mit dem Blick aus der DDR nach Westberlin. Gut 160 Kilometer fasst dieser Band, die Messmer aus den ursprünglichen Kleinbildnegativen in Panoramabilder übersetzt hat. Man kommt mit den Bildern also Schritt für Schritt einmal um das Westberlin von 1965/66 rum und erhält eine physische Anmutung dieser ausgedehnten Nicht-mehr-Stadt-Landschaft.

Die Aufnahmen dienten der Dokumentation des Zustands der Befestigungsanlagen vor einer Erneuerung. Man sieht viel Wald und Wasser, mehr Stacheldrahtzäune als Mauer, erkennt Brücken und Häfen, den Reichstag und Friedhöfe längs des innerstädtischen Grenzverlaufs wieder.

Was alle Bilder verbindet, ist vor allem die Entleerung einer Landschaft, ihr Totstellen. In der Ausstellung sind die Panoramen in große, auf einem Lesetisch einzusehende Mappen gebunden. Vorn sieht man immer ein Nichts, ein übersichtliches Schussfeld, vielleicht mal Reifenspuren im Schnee. Man freut sich, längs der Invalidenstraße mal gestapelte Kisten der VEB Weinverarbeitung an einer alten Mauer zu sehen, kurze Abwechslung. Oft aber stellt sich vor allem das Abstandhalten ein, das Wegschieben des Lebens hinter den Zaunanlagen. Aber man konnte den Westen hören, das doch. Annett Gröschner hat aus den Protokollen der Grenzregimente Beobachtungen gesammelt und zu den Bildern gestellt, die vom Rufen über den Zaun erzählen. „Kommt rüber, wir feiern die schöneren Feste.“

Die Ausstellung „Inventarisierung der Macht – Die Berliner Mauer aus anderer Sicht“ von Arwed Messmer und Annett Gröschner ist im Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6/7, bis 21. August zu sehen, Di.–So. 11–18 Uhr, Eintritt frei.

Zeitgleich zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag eine zweibändige Publikation, in der Ausstellung kostet sie 68, im Handel 98 Euro. Buchpremiere ist am 1. Juni um 20 Uhr im Haus am Kleistpark, erster Termin der die Schau begleitende „Mauermittwoch“-Veranstaltungsreihe über den Umgang mit der Berliner Mauer in Kunst, Literatur, Film und Wissenschaft. www.hausamkleistpark.de

Die Ausstellung ist in große Schrift und Textblöcke gegliedert. Sie ist keine Gedenkstätte. Vielmehr geht es den beiden Autoren darum, wie man Archivmaterial mit möglichst minimalem Eingriff zum Sprechen bringt. Jeder zitierte, damals protokollierte Satz ist ja nicht nur ein O-Ton der Beteiligten, sondern auch Zeugnis eines Systems von ständiger Beobachtung, Anpassung, Normierung.

Beeindruckend ist eine Wand voller Karten, auf denen die Namen der Wachhunde eines Grenzregiments verzeichnet sind: Scheich, Lord, Ackbar v. Charlottenhof, Wetter v. Torlau, Axel v. Leuchtfeuer, Diana v. Grenzerhof. Als ob sich die Fantasie einen Vertriebenenverbandes, ostelbischer Landadel und die Phantomschmerzen einer verhinderten Aristokratie in dieser Namensgebung hätten austoben können. Im Textband erzählt Gröschner dazu die Geschichte eines Offiziers für Diensthunde, der mit Scheinverkäufen, verschenkten und zurückgekauften Hunden, falschen Bescheinigungen ein für eine kleine Clique effektives, wenn auch nur kurzlebiges System der Bereicherung aufgebaut hatte.

Jeder Raum, jede Bildwand hat eine andere Perspektive, nutzt einen anderen Zugriff auf das Material. Am Beispiel der Bernauer Straße werden dem horizontalen Bildmaterial vertikal Fundstücke zugeordnet, die den gleichen Ort, aber zu verschiedenen Zeiten betreffen. Mit Blick auf den Wedding wird Willy Brandt zitiert: „Wir haben uns vorgenommen, den Wedding so zu erneuern, dass das Odium der Zweitklassigkeit verschwindet.“ Ein Flächenabriss wurde vorbereitet, der Altbestand fotografisch dokumentiert, auch das hat Messmer zu nun parallel laufenden Panoramen zusammengesetzt.

Beklemmend ist diese Schau nicht und nicht moralisch wertend, das ist schon ein Kunststück beim Thema Mauer. Was Messmer und Gröschner aus der Fülle der Archive destilliert haben, ist vielmehr zu einem durchlässigen Konstrukt geworden. Weitere Geschichten können andocken.