Größter deutscher Agrarkonzern ist pleite

Wachstum in die Insolvenz

Die Insolvenz von Deutschlands größtem Ackerbaukonzern KTG zeigt: Agrarunternehmen von diesem Umfang sind kaum zu managen.

Riesige Traktoren von KTG bei der Ernte

Dicke Traktoren, dürre Gewinne: KTG-Fahrzeuge bei der Ernte Foto: KTG Agrar

BERLIN taz | Nonnendorf ist KTG-Land: Auf fast allen Feldern rund um den brandenburgischen 250-Einwohner-Ort fahren die Traktoren von Deutschlands größtem Ackerbaukonzern KTG Agrar. Mit rund 30 Beschäftigten ist er der wichtigste Arbeitgeber. Doch nun geht die Angst um. Denn KTG hat sich am Dienstag für zahlungsunfähig erklärt.

In Ostdeutschland bewirtschaftet der börsennotierte Konzern aus Hamburg ganze Landstriche, Ende vergangenen Jahres insgesamt etwa 38.000 Hektar (eigene Zahl), eine Fläche fast so groß wie Köln. Hinzu kommen noch 8.000 Hektar in Litauen und Rumänien. Kein Landwirtschaftsunternehmen der Republik beeinflusst die Umwelt auf einer so großen Fläche. Keines produziert mehr Biogetreide wie Weizen, Roggen oder Mais. Und keines ist so sehr ein Symbol für die Agrarindustrie im Ackerbau, die Kleinbauern verdrängt und gleichzeitig Millionensubven­tionen kassiert.

Deshalb befeuert die KTG-Pleite die Diskussion darüber, wie groß ein landwirtschaftliches Unternehmen sein sollte. „Hier zeigt sich wieder einmal, dass es ein Irrweg ist, zu glauben, größere Betriebe seien bessere Betriebe“, sagt die Grünen-Europaabgeordnete Maria Heubuch. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die einflussreichste Stimme der linken Agrarbewegung, wertet die Krise der KTG in einer Presseerklärung als „Signal gegen den Agrarindustriehype“. Und der Bauernbund Brandenburg, der „bäuerliche Familienbetriebe“ vertritt, erklärt: „Die Propheten des unbegrenzten Größenwachstums werden jetzt wohl etwas leiser werden.“

Parlamentarierin Maria Heubuch hat einen Betrieb mit 48 Milchkühen und 34 Hektar im Allgäu. „Uns auf den Höfen redet man seit Jahrzehnten ein, dass wir wachsen müssen, dass wir rationalisieren müssen, dass wir dann weltmarktfähig sind“, sagt sie. „Und nun sehen wir hier einen Betrieb mit 45.000 Hektar, und auch der war nicht weltmarktfähig, er war nicht überlebensfähig. Größe an sich rettet uns nicht.“

Auch Kleinbauern nutzen ihre Maschinen gut aus

KTG hatte immer wie folgt argumentiert: Weil der Konzern so viel Land habe, könne er beispielsweise seine Mähdrescher besser ausnutzen. Aber diesen Größenvorteil hält Heubuch für nicht sehr bedeutend. Kleinere Bauern nutzten ihre Maschinen auch gut aus, wenn sie sie mit Kollegen teilten, etwa über Organisationen wie die Maschinenringe.

Große Agrarkonzerne dagegen hätten einen gravierenden Nachteil: „Die Entfernung der Entscheidungsträger zum eigentlichen Geschäft, nämlich zur Arbeit auf dem Hof, ist viel zu groß, um das noch gut managen zu können.“ Landwirtschaftliche Betriebe seien keine Fabriken mit Maschinen, die, einmal eingestellt, ihr Produkt ausspucken. „Wenn ich nicht vor Ort bin und sehe, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist zur Ernte, weil das Getreide gut aussieht und das Wetter gerade mitmacht, sondern das eine theoretische Entscheidung ist von irgendjemand, dann funktioniert das nicht“, sagt Heubuch.

Tatsächlich gibt es Gerüchte, wonach KTG vergleichsweise wenig pro Hektar erntet. Das Unternehmen weist das zurück. „Die Erträge waren durchschnittlich, oft auch besser“, teilt die PR-Agentur des Konzerns mit. Mit Zahlen will KTG das aber nicht belegen. Es bleiben also Zweifel.

Alfons Balmann ist Direktor des Leibniz-Instituts für Agrar­entwicklung in Transforma­tions­ökonomien. Er ist bei Kleinbauernvertretern wie dem Bauernbund nicht sonderlich beliebt. Aber selbst er sagt: „Holdings wie die KTG Agrar haben in der Regel in Westeuropa keine Überlegenheit gegenüber regional agierenden Unternehmen.“ Auch er hält es für sehr schwierig, Landwirtschaft aus der Ferne zu betreiben.

Andere Großbetriebe sind rentabel

Anders als die Grünen-Politikerin Heubuch verteidigt Balmann allerdings nach wie vor die ostdeutschen Großbetriebe, die in einer Region verankert sind. „Gerade die sehr großen ostdeutschen Unternehmen einschließlich der mit über 2.000 Hektar haben in den letzten Jahren enorm rentabel gewirtschaftet“, sagt der Agrar­ökonom.

Er beruft sich auf Daten aus der Buchführung von Testbetrieben. Sie hätten so viel Land, dass ihre Mitarbeiter sich spezialisieren können und dass sie stark genug seien etwa in Verhandlungen mit Lieferanten.

KTG dagegen habe auf Pump und viel zu schnell expandiert, vor allem dank des Kapitals von Anleihekäufern und Aktionären. Ende 2015 bezifferte der Konzern seine Verbindlichkeiten mit 606 Millionen Euro. Dabei setzte er im gesamten Jahr 2015 lediglich 326 Millionen Euro um und verbuchte nur 3,7 Millionen Euro Gewinn.

Für seinen hohen Schuldenstand musste KTG meist auch noch exorbitante Zinsen zahlen: mehr als 7 Prozent. Dass der Konzern eine für Anfang Juni geplante Zinszahlung einer Anleihe nicht leisten konnte, hat schließlich die Insolvenz ausgelöst. „Ein solide finanziertes Agrarunternehmen aber, das überwiegend mit Eigenkapital wirtschaftet und viele eigene Flächen hat, kann derzeit Bankdarlehen für unter 2 Prozent bekommen“, sagt Balmann.

Groß zu sein kann also sehr wohl Vorteile haben. Aber KTG war einfach zu groß.

Agrarsubventionen fördern Größe

Doch die Agrarsubventionen der EU animieren dazu, riesige Betriebe aufzubauen. Denn das Geld wird pro Hektar verteilt. Wer also viel Land hat, bekommt auch viel Subventionen. Zwar könnte die Bundesregierung laut EU-Recht durchaus entscheiden, dass kleinere Höfe mehr erhalten und dass große Unternehmen ab einer bestimmten Grenze kein zusätzliches Geld bekommen. Aber bislang sperrt sich die schwarz-rote Koalition dagegen, trotz aller Warnungen von Leuten wie Maria Heubuch.

Die Grüne will zudem, dass das Land, das KTG Agrar von der öffentlichen Hand gepachtet hat, „an kleine und mittelgroße bäuerliche Betriebe vergeben wird“. Allerdings ist bislang unklar, wie viel Hektar vor allem der Bund der KTG überlassen hat. Das Unternehmen sagt nur, der Anteil sei „vernachlässigbar“. Die bundeseigene Boden­verwertungs- und -verwaltungs GmbH verweigert Angaben dazu „aus Datenschutzgründen“.

Ungewiss ist außerdem, was jetzt mit Nonnendorf und den anderen KTG-Dörfern passiert. Das Geschäft laufe weiter, die Tochtergesellschaften, die die KTG-Niederlassungen verwalten, seien nicht von dem Insolvenzantrag betroffen, beteuert der Konzern selbst. Aber wie sehr man sich auf diese Versprechungen der Pleitiers von KTG Agrar noch verlassen kann, ist fraglich.

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