Konflikt in der vegan-vegetarischen Szene

Der Vebu und die Fleisch-Firmen

Wiesenhof & Co. stellen jetzt auch vegetarische Wurst her. Der Vegetarierbund findet das gut. Andere rein vegane Firmen, ganz und gar nicht.

An einem grünen Messestand serviert eine Frau verschiedene Wurst-Proben

Topas, Hersteller der Fleischalternative Wheaty, will aus dem Vebu aussteigen Foto: imago/Michael Schick

BERLIN taz | Der Streit in der vegan-vegetarischen Szene über die Zusammenarbeit von Vegetarierbund (VEBU) und Fleischindustrie geht in die nächste Runde: Topas, Pionier der veganen Produkte in Deutschland, kündigte an, den deutschen Vegetarierbund (Vebu) zu verlassen. „Wenn der Vebu dauerhaft Firmen unterstützt, die sich nicht von der Verarbeitung von Tieren abwenden oder diese reduzieren, dann passt das für mich nicht mehr zusammen“, sagte Geschäftsführer Klaus Gaiser der taz. Den Vegetarierbund hatte er ursprünglich so verstanden, dass sich dieser für die Reduzierung von Tierleid einsetzten wolle. Aber de facto sei genau das Gegenteil der Fall.

2015 wurden laut dem Kölner Institut für Handelsforschung Waren mit Fleisch- und Milchalternativen im Wert von 454 Millionen Euro umgesetzt, ein Viertel mehr als im Jahr zuvor. Der Markt boomt, ein Ende ist laut Institut „nicht in Sicht“.

Diesen Trend nutzt auch die Fleischindustrie. Immer mehr Unternehmen, die ihr Geld bisher überwiegend mit ethisch problematischen Produkten verdienten, springen auf den Trend auf. Schattenseite des Ganzen: Die vegetarischen Alternativen der Fleischindus­trie bestehen zu großen Teilen aus Eiweiß von Hühnereiern, kritisiert Topas-Chef Gaiser. Es sei mathematisch nachweisbar, dass dadurch sogar mehr Tierleben geopfert werden müssten.

Für vegetarische Mortadella beispielsweise müssten mehr Tiere sterben als für die Mortadella aus Fleisch: Einem einzigen für die Fleischvariante geschlachtetes Schwein stünden elf für die vegetarische Variante getötete Hühner gegenüber. Es sei ihm unbegreiflich, wie der Vebu so etwas unterstützen könne. Kritik übt Gaiser vor allen an den auf diesen Produkten prangenden Logos. Aufschrift: „Unterstützt vom Vebu“.

Topas ist nicht das erste Unternehmen, das den Vebu verlässt. Bereits im Oktober vergangen Jahres war das Lörracher Familienunternehmen Lord of Tofu ausgetreten. Es hatte damals als Grund angegeben, dass man von immer mehr Lebensmittelgeschäften ausgelistet werde, seit der Vebu große konven­tio­nelle Fleischkonzerne unterstütze.

„Richtige Strategie aus tierischer Sicht“

Auch bei Topas spürt man eine gewisse Stagnation, gibt Geschäftsführer Gaiser zu. Die Umsatzsteigerung der letzten Jahre fehle nun. „Ein Teil der Kunden geht jetzt einfach im Supermarkt einkaufen und kauft eben diese Alternativen, die hauptsächlich von den Fleischfirmen kommen.“ Die Situation sei aber nicht existenzbedrohend.

Zu den bekanntesten Beispielen von Fleischkonzernen, die nun vermehrt auf den vegan-vegetarischen Markt drängen, zählen die Rügenwalder Mühle und der Geflügelriese Wiesenhof. Auch hinter der Marke „Vegetaris“ steckt beispielsweise die wegen Listerienbefall in die Insolvenz gegangene Sieber Wurst GmbH aus Bayern. Hinter „Veggie Gourmet“ die Metzgerei Ponnath. Der Geschäftsführer von „Like Meat“, Timo Recker, ist zudem gleichzeitig Teammitglied der „Schnitzelmacher“, einer Marke des Familienunternehmens Recker Convenience.

Für vegetarische Mortadella müssen mehr Tiere sterben als für die Mortadella aus Fleisch

Der Vebu wehrt sich gegen die Kritik. Jedes Tier, das sterbe, sei für den Verband mit seinen 12.000 Mitgliedern eines zu viel, sagt Sprecherin Stephanie Stragies der taz. Man wolle Unternehmen unterstützen, die fleischfreie Produkte am Markt etablieren möchten, unterstütze aber nicht nur rein vegan-vegetarische, sondern alle Arten von Unternehmen.

Langfristig hoffe der Vebu, so mehr Menschen für den ausschließlichen Konsum veganer Produkte zu begeistern. Auch Topas erreiche mit seinen eifreien Produkten Flexitarier, so Gaiser. Rein geschmacklich seien die Konkurrenzprodukte der Fleischindustrie nicht schlecht, gibt er zu. Er habe sie selbst schon probiert. Aber: Die Tiere würden nicht davon profitieren. Gaiser: „Wenn ich der Vebu wäre, dann würde ich solche Firmen unterstützen, die die aus tierischer Sicht richtige Strategie fahren.“

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