Religion und Prostitution in Pinneberg

Moschee gegen Bordell

Ein Bordell gegenüber einer Moschee – wie viel Rücksichtnahme ist angebracht und gehört ein Puff zur abendländischen Kultur?

Links Moschee, rechts Bordell: Straßenansichten aus Pinneberg Foto: Miguel Ferraz

Freitagmittag, kurz nach 13 Uhr. Menschen kommen zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die ruhige Seitenstraße im Zentrum Pinnebergs. Dort, in der Friedensstraße 11, hat die Türkisch-Islamische Gemeinde ihren Sitz. „Zu den Freitagsgebeten kommen bis zu 600 Menschen“, sagt der Vorsteher Șeref Çiftçi.

Die Moschee Yeni Camii, die dem bundesweiten Dachverband Ditib angehört, ist die einzige in der 42.000 Einwohner zählenden Kreisstadt, ein schmuckloser, zweistöckiger Anbau an ein älteres Haus. Das Gerüst steht noch an der gerade renovierten Fassade, die in einem freundlichen Grünton strahlt.

Bis vor Kurzem war sie noch blassgelb, wie die des ebenfalls zweistöckigen Hauses schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Das Haus hat zwei Eingänge. Links hat die Stadtverwaltung Geflüchtete untergebracht. Rechts kann man bei Damen klingeln, die sich „Olesja“, „Celin“ und „Elly“ nennen. Seit drei Monaten ist die Doppelhaushälfte ein Bordell. Auf der einen Straßenseite wird gebetet, auf der anderen gebumst.

Dagegen wehrt sich die islamische Gemeinde. Sie will keine Prostitution in Sichtweite zu ihrem Gotteshaus. Çiftçi hatte angekündigt, notfalls eine Unterschriftensammlung gegen das Bordell zu starten. Das sorgte deutschlandweit für großes Aufsehen. „Zwei Wochen lang wurden wir förmlich belagert. Das Fernsehen war hier, überall wurde darüber geschrieben“, sagt Çiftçi genervt. So ein großes Echo hatte niemand erwartet.

Die Gemeinde argumentiert, es sei pietätlos, gegenüber ihrem Gotteshaus käuflichen Sex anzubieten. „So etwas kann ich mir auch vor einer christlichen Kirche nicht vorstellen“, sagte Çiftçi. Rund 170 Kinder würden in der Moschee betreut. Die Straße ist Schulweg für viele Kinder. Die Frauen seien am Fenster mit entblößten Brüsten zu sehen gewesen, sagte Çiftçi. Vormittags würden sie mit einer Limousine zum Haus gebracht, danach herrsche reger Betrieb.

Von den anderen Glaubensgemeinschaften kamen warme Worte. „Wenn so etwas in der Nachbarschaft vorkommt, kann das schon sehr nerven“, sagte Probst Thomas Drope vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis. Aber Prostitution sei eben gesellschaftliche Realität. „Ich habe Verständnis, wenn das Unruhe in der muslimischen Gemeinde auslöst“, erklärte Wolfgang Seibert, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Pinneberg. „Frauen, die nackte Haut zeigen, sind ein Problem“, so Seibert im Hinblick auf die strengeren Sitten des islamischen Glaubens.

Die Friedensstraße liegt mitten in Pinneberg. Das Jobcenter befindet sich in der Straße, die Polizei ist keine 200 Meter entfernt, „Tanja’s Friseursalon“ ist drei Häuser weiter und eine Grundschule am anderen Ende der Straße. Vor allem aber ist es ein ruhiges Wohngebiet. Doch es geht um etwas mehr als nur einen Nachbarschaftsstreit. Es stellen sich grundsätzliche Fragen: Wie viel Rücksicht soll auf religiöse Gemeinden genommen werden? Ist Prostitution Teil einer liberalen Gesellschaft oder soll sie in düstere Industriegebiete verbannt werden? Müssen Schulkinder vor dem Anblick von Prostituierten geschützt werden?

Man müsseaufpassen, dass man sich nicht von „vermeintlichen Hütern der Frauenrechte“ vereinnahmen lasse, meint eine Grüne. Die islamfeindliche Webseite „Politically Incorrect“ bezeichnete die Pinneberger Moschee bereits als „türkische Landnahmeeinheit“

Für Beate Seifert aus dem Vorstand der Pinneberger Grünen war das blassgelbe Haus schon vor dem Protest der Moscheegemeinde Stein des Anstoßes. Dass Geflüchtete Tür an Tür mit Prostituierten untergebracht wurden, findet Seifert nicht hinnehmbar. „Da muss die Stadt tätig werden. Das ist Neuankömmlingen nicht zumutbar“, sagt sie.

Doch gegen das Bordell wird die Stadtverwaltung wohl nichts unternehmen können. Bisher müssen sich Prostituierte für ihre Dienste nicht bei der Stadtverwaltung melden. Dennoch weiß die Stadtverwaltung von einem Dutzend Bordellen in Pinneberg. Etwa 40 Prostituierte gehen dort ihrer Arbeit nach.

Wenn im kommenden Jahr das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz in Kraft tritt, müssten Prostituierte ihre Dienstleistung bei der Kommune anmelden – und Städte und Gemeinden dürften den angemeldeten Bordellen auch den Betrieb untersagen.

Bis dahin versucht die parteilose Bürgermeisterin Urte Steinberg zwischen Moscheegemeinde und Bordellbetreiber zu vermitteln. Den Gemeindevorsteher Çiftçi hat sie ins Rathaus eingeladen. „Über das, worüber wir gesprochen haben, haben wir aber Stillschweigen vereinbart“, sagt sie. Auch der Bordellbetreiber soll seinen Standpunkt darlegen können.

Der sagte dem Pinneberger Tageblatt, dass er die ganze Aufregung nicht verstehen könne. Er verstoße gegen kein Recht. Und da die Prostituierten erst ab 23 Uhr anfingen zu arbeiten, gebe es auch kein Problem mit Kindern, auf deren Schulweg sich das Bordell befindet. Bau- und ordnungsrechtlich ist nichts zu beanstanden. Rechtlich kann die Stadt deshalb nicht eingreifen, solange kein Verdacht etwa auf Zwangsprostitution besteht.

In einem anderen Bordell in Pinneberg gab es vor einigen Wochen eine Razzia wegen des Verdachts auf Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Diesen Verdacht gibt es aber in der Friedensstraße nicht. Auch in einer anderen Straße in Pinneberg gibt es Protest gegen ein Bordell. Anwohner haben sich mit einem Schreiben an Stadtverwaltung und Politik gewandt.

„Da die rechtliche Lage eindeutig ist, wird sich die islamische Gemeinde damit abfinden müssen“, sagt Seifert von den Grünen. Ein paar nackte Brüste machten auch noch keinen Skandal. Sie hofft jedoch, dass der Bordellbetreiber freiwillig nach einem anderen Gebäude suchen wird. „Vielleicht fühlen sich die Freier durch die Debatte abgeschreckt.“

Man müsse aber aufpassen, dass man sich nicht von „vermeintlichen Hütern der Frauenrechte“ vereinnahmen lasse, so Seifert. Im Internet haben rechte Blogs das Thema aufgenommen. Die islamfeindliche Webseite „Politically Incorrect“ bezeichnete die Pinneberger Moschee als „türkische Landnahmeeinheit“, die mit ihrer Kritik am gegenüberliegenden Bordell eine „Unterwerfung Deutschlands“ vorantreiben wolle. Die Kommentarspalten der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit quollen über mit rassistischen Beleidigungen gegen die Moscheegemeinde.

In der Pinneberger Bevölkerung sei die Debatte deutlich entspannter, so Seifert. Einige fänden das Anliegen der islamischen Gemeinde überzogen, andere fordern die Stadt zu einem sensibleren Umgang mit den Gläubigen auf. „Hier vor Ort will man den Streit in erster Linie auflösen, statt sich in Debatten zu verstricken“, so Seifert.

Gemeindevorsteher Çiftçi berichtet von wenig positivem Feedback, stattdessen von vielen Beleidigungen. „Dabei wollen wir dafür sorgen, dass alle in Pinneberg gut miteinander auskommen“, sagt Çiftçi. Er will nun abwarten. „Wir haben viel zu tun mit Flüchtlingen, die unsere Hilfe benötigen. Das ist ja alles ehrenamtlich, verstehen Sie?“, sagt Çiftçi. Erst einmal soll in der Friedensstraße wieder Ruhe einkehren.

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