Wie die Sonne aufgeht, wie die Sonne untergeht

In den Herbstbüchern Plebejische Schroffheit, Gattin auf hoher See, kaputtes Köln, neue Deutsche, alte Österreicher, Naziland ohne Nazis, Monstereltern

Wie die Sonne untergeht

Den schönsten Abgesang auf die Ära des Kathodenstrahlröhrenfernsehers hat die italienische Konzeptkünstlerin Daniela Comani mit ihrer 28-teiligen Fotoserie „Off − Landscapes with Sunset“ geliefert. Typisch für Endzeiten sieht Comani plötzlich einen kaum je thematisierten Gestaltungsaspekt des Fernsehgeräts, der sich eben nur im Off offenbart: den gläsernen Bildschirm. Selbstredend ist uns bewusst, dass dieser Bildschirm im ausgeschalteten Zustand eine Reflexionsfläche ist, in der sich etwa Menschen und Möbel spiegeln. Daniela Comani allerdings erkennt in ihm die Projektionsfläche (als die er eigentlich nur in Betrieb gesehen wird), deren Bedingung die gebogene Mattscheibe der alten Geräte ist. Die Künstlerin fotografiert das Fernsehgerät nicht einfach, sie blitzt es. Der Flash

Wie die Sonne untergeht

Den schönsten Abgesang auf die Ära des Kathodenstrahlröhrenfernsehers hat die italienische Konzeptkünstlerin Daniela Comani mit ihrer 28-teiligen Fotoserie „Off − Landscapes with Sunset“ geliefert. Typisch für Endzeiten sieht Comani plötzlich einen kaum je thematisierten Gestaltungsaspekt des Fernsehgeräts, der sich eben nur im Off offenbart: den gläsernen Bildschirm. Selbstredend ist uns bewusst, dass dieser Bildschirm im ausgeschalteten Zustand eine Reflexionsfläche ist, in der sich etwa Menschen und Möbel spiegeln. Daniela Comani allerdings erkennt in ihm die Projektionsfläche (als die er eigentlich nur in Betrieb gesehen wird), deren Bedingung die gebogene Mattscheibe der alten Geräte ist. Die Künstlerin fotografiert das Fernsehgerät nicht einfach, sie blitzt es. Der Flash überstrahlt ihr eigenes Spiegelbild und zeigt sich stattdessen selbst − entsprechend der verschiedenen Designs der Mattscheiben − in Formen, die man unbedingt als Sonnenuntergänge interpretieren möchte.

Tatsächlich drängen uns kunsthistorisch überkommene Bildkonventionen zu Natur und Landschaft, den Blitz als Sonne zu sehen, wobei seine Position auf der Mattscheibe den jeweiligen Horizont definiert, während die Landschaften durch die verschieden starke Biegung der Bildschirme entstehen, deren mehr oder minder sauberen oder auch beschädigten Oberflächen die Stimmung von Licht und Wetter beitragen. Traditionell gerahmt durch das Gehäuse, von dem Comani feinsäuberlich die Markennamen entfernt hat, geht die Sonne einmal im flirrenden Licht einer heftig zerkratzten Mattscheibe unter, während sie ein anderes Mal makellos strahlend auf einer blanken Mattschiebe versinkt. „Sunsets“ heißt die Publikation, die die im Maßstab 1:2,5 verkleinerte Serie jetzt in einem Band versammelt. In der originalen Installation (wie das Foto auf unserer Doppelseite zeigt) hängen die einzelnen auf MDF-Platten aufgezogenen Bilder höchst ironisch wie Flachbildschirme an der Wand. Brigitte Werneburg

Daniela Comani: „Sunsets. No. 217“ Edition Patrick Frey, Zürich 2016, 64 S., 30 Euro

Zur Hölle fahren

Die Öffentlichkeit hatte John Fante schon fast vergessen, als Charles Bukowski ihn Ende der 70er Jahre als literarische Vaterfigur in Beschlag nahm und ihm dadurch immerhin den verdienten Nachruhm sicherte. „Little Italy“, die bisher umfangreichste Sammlung seiner Short Storys, enthält vor allem Arbeiten aus den 30ern, seiner stärksten Werkphase. Die Parallelen zwischen den beiden sind offensichtlich. Auch Fante hat die Außenseiter und Randständigen im Blick. Bei ihm sind es die italienischen Einwanderer, die armen, streng katholischen Itaker, die an einem ziemlichen Minderwertigkeitskomplex laborieren und den mit großer Fresse, Fäusten und forciertem Machogehabe kompensieren müssen.

Der Titel „Littly Italy“ ist mehrdeutig. Fante lässt hier seine eigene Kindheit in Colorada auferstehen. Die Erzähler sind kleine Jungs, die sich nur wundern können über die geduldige Unterwürfigkeit der sich zuschanden arbeitenden Mütter und die lauten, latent gewalttätigen Väter. Noch dazu müssen sie ständig befürchten, zur Hölle zu fahren, weil der katholische Tugendterror auch noch die letzten Freiräume ihres Alltags durchdringt. Die kleinen Rebellionen, die sie trotzdem anzetteln, erfordern in diesem repressiven System echten Heldenmut.

Fante ist ein großartiger Ethnograf seines Milieus, der auch unter der kruden, plebejischen Schroffheit noch einen Glutkern von Zärtlichkeit ausmachen kann. „Ich habe das tapfer wie ein Mann ertragen“, erzählt einer von Fantes juvenilen Helden über seine letzte Prügelstrafe. „Der Grund war einfach, ich wusste, dass er mein Vater war und mit der Prügelei aufhören würde, bevor er mir zu wehtat. Er sagte immer wieder, er würde mich totschlagen, aber er war mein Vater und konnte mich mit solchem Zeug nicht erschrecken.“

Fante schreibe aus „dem Herzen und aus dem Gedärm“, hat ihm der dreckige alte Mann attestiert. Ein größeres Lob gibt es von ihm nicht. Frank Schäfer

John Fante: „Little Italy“. Aus dem Englischen von Kurt Pohl und Rainer Wehlen. Maro, Augsburg 2016. 367 Seiten, 20 Euro

Jane Austens Frauenbilder

Was ist der Anreiz, sich einen Roman der Weltliteratur, den man vermutlich schon vor Jahren gelesen hat, noch einmal vorlesen zu lassen? Kurze Antwort: um die Geschichte noch einmal zu genießen. Eva Mattes’ ungekürzte Lesung von „Überredung“ – dem letzten Roman, den Jane Austen 1816 ein Jahr vor ihrem Tod vollendete, hier in der Übersetzung von Ursula und Christian Grawe aus dem Jahr 1983 – verlockt zu einer ausführlicheren Antwort.

Der Roman handelt von Anne Elliott, einer 27-jährigen Landadeligen, die acht Jahre zuvor von ihrer mütterlichen Freundin Lady Russell überredet wurde, ihre Verlobung mit Frederick Wentworth zu lösen. Sie hat nie aufgehört, den Marine-Offizier zu lieben. Als sie durch Zufall wieder regelmäßig auf den inzwischen zum Captain avancierten Wentworth trifft, brechen sorgsam verwahrte Gefühle wieder auf und frühere Entscheidungen werden infrage gestellt.

Die gewählte Perspektive der gereiften jungen Frau gibt der ebenfalls gereiften 39-jährigen Autorin Austen Gelegenheit, die Dinge distanziert zu reflektieren. Nie ergeht Austen sich in Beschreibungen irgendwelcher Dekors, die Erwähnung von Profanem erfolgt nur, um intellektuelle oder charakterliche Defizite einer Figur zu illustrieren. Jane Austen bedient sich dabei der Mittel beißender Satire, sprachlicher kleiner Spitzen, die oftmals nur in Nebensätzen fallen. Und die Eva Mattes mit unerbittlicher Bestimmtheit bei gleichzeitig zerbrechlicher Besonnenheit zum Klingen bringt – und damit vor dem „Überlesen“ bewahrt.

Die für das frühe 19. Jahrhundert sehr emanzipatorische Zeichnung der Frauenfiguren – die Admiralsgattin Mrs Croft begleitet ihren Mann auf See, Anne Elliott ist der Inbegriff weiblicher Charakterfestigkeit – unterstreicht Mattes mit lichter Eleganz, was die Hörer*innen zu weiterem Nachdenken über gängige Frauenbilder bringt, damals wie heute.

Dass die Lesung so organisch ist, mag auch an Mattes’ Vertrautheit mit dem Stoff liegen: Bereits 2010 hat sie für HörbuchHamburg eine gekürzte Fassung der Übersetzung von Sabine Roth eingelesen. Sylvia Prahl

Jane Austen: „Überredung“. 8 CDs, 9 h 32 min., Argon Verlag, 2016

Wunsch nach Frieden

Zu ihrer Zeit war Irmgard Keun eine der erfolgreichsten deutschen SchriftstellerInnen. Als die Nazis ihre Literatur verboten, ging sie ins Exil. Auf ihren 2016 wiederentdeckten Roman „Kind aller Länder“ folgte nun die Neuauflage eines weiteren Keun-Klassikers. „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ aus dem Jahr 1936 erzählt genau wie „Kind aller Länder“ aus der Sicht einer Zehnjährigen.

Köln im Jahr 1918, zum Ende des Ersten Weltkriegs. Die namenlose Protagonistin ist ein lebensfroher Quälgeist, der den Eltern und Lehrern das Leben schwer macht. Fantasievoll eröffnet Keun eine Welt voller Flausen. Vor trübenden Problemen bleibt allerdings auch ein Kind nicht verschont. Denn da sind diese vielen Erwachsenen, vor denen kein Streich sicher zu sein scheint. Den KlassenkameradInnen wird sogar der Umgang mit der frechen Zehnjährigen untersagt. Mit den Nachbarskindern lässt sich dennoch unbekümmert Unfug treiben.

Die Abgründe des Kriegsalltags und der folgenden Besatzung sind dennoch deutlich spürbar: Mangel, Krankheiten und die Trauer um Gefallene. Die bedrückenden Umstände sind nicht nur beängstigend, sondern lassen dem Mädchen auch die absurdesten Lösungen einfallen. Soldaten werden zu Spielkameraden, verlassene Häuser zu Abenteuerplätzen und das Stehlen der Steckrüben zu einem spannenden Ausflug.

Der Roman begleitet die Ich-Erzählerin über drei Jahre, hinein in die Pubertät. Keun kreiert unbeschwert scharfsinnig Begegnungen zwischen Verstehen und Ungläubigkeit, Erwachsenwerden und Kindbleiben. Sie schreibt mit einer ordentlichen Portion Naivität und Komik.

In ihrem ersten Exilroman spielt trotz aller Leichtigkeit der Wunsch nach Frieden die zentrale Rolle. Genau 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist der Roman mit seinem kindlichen Erzählton immer noch genauso erfrischend. Verena Krippner

Irmgard Keun: „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 208 Seiten, 16 Euro

Optimistisch ungemütlich

Herfried und Marina Münklers Buch „Die neuen Deutschen“ ist im Untertitel viel zu kühl mit „Ein Land vor seiner Zukunft“ bezeichnet. Der Clou der Streitschrift steckt bereits in den Überschriften, denn beide diskutieren die politischen und gesellschaftlichen Umstände, die neu eingewanderten Bürger*innen, vor allem die Geflüchteten, als zu lösende Aufgabe, nicht als apokalyptische Heimsuchung (wie die Rechtspopulisten) oder als schweres Zeichen postkolonialer Rechthaberei (wie viele Linke). Sie wollen, dass gelingt, was Kanzlerin Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“ so lakonisch wie anregend als Credo in die öffentliche Arena getragen hat.

Es sei keine „erbauliche“ Schrift, die sie schreiben wollten, sondern eine „politische“. Keine Schaumschlägerei um „Fluchtursachen“, „Kapitalismus“ oder „Schuldfragen“, also analytisch Scheinmuskuläres für Sonntagsreden.

Vielmehr verstehen sie ihren großen Text als pragmatisch und lösungs-, mithin zukunftsorientiert. Ihre These: Jene, die kommen und kamen, werden deutsch werden (müssen), also die neuen Deutschen, die bislang Einheimischen werden sich auch ändern (müssen), sie sind in diesem Sinne dann auch neue Deutsche. Woher sie ihre Zuversicht nehmen? Weil es, sehr schön nachgewiesen in diesem Buch, historisch immer schon so war: Deutschland war schon immer eine Migrationsgesellschaft – mit hohem Integrationsvermögen.

Zu ihren Vorschlägen für das Alltägliche unterbreiten sie auch die kluge Idee, dass keine Schulklasse einen höheren als einen 25-Prozent-Anteil an migrantischen Kindern haben sollte, das verhindere die üblichen Probleme. Wie man das löse, da es doch diese (klassen- und kultur-)gemischten Viertel nur selten gäbe? Durcn Schulbusse. Wie in den USA. Na: Das wird die elitebewussten Mittelschichten aber freuen, möchte man anfügen, vor allem die grünen.

Nicht nur dieser Punkt überzeugt, auch dieser: Die Münklers finden, dass der Kern, der den „beschwerlichen Weg“ ermöglichen kann, jener ist, den man als Verfassungspatriotismus bezeichnen müsste. Die Verpflichtung, ähnlich wie in den USA, aller auf den guten Zweck der solidarischen Anstrengung im Namen der Nation.

Dass dies nicht als Hitlerei misszuverstehen ist, finden nur bequem-internationalistische Linke nicht. Dass dieser Trick ein Solidaritätstreiber der nichtvölkischen Inklusion wäre, entspricht der Argumentation der Autor*innen sehr. Die Streitschrift der Saison, optimistisch und ungemütlich zugleich. Jan Feddersen

Herfried und Marina Münkler: „Die neuen Deutschen“. Rowohlt Berlin, Berlin 2016, 338 Seiten, 19,95 Euro

Ach, Österreich!

Schon der Titel ist ein Seufzer. Und Armin Thurnher, Mitbegründer und Herausgeber der Wiener Stadtzeitung Falter, verzweifelt immer wieder an der österreichischen Realpolitik. Eigentlich wollte er ein Buch über die Medien schreiben. Der Zsolnay Verlag hatte den Titel schon in der Werbung. Dann kam Anfang Juli die Aufhebung der Bundespräsidentenstichwahl und Thurnher sah sich veranlasst, sein Versprechen, kein Österreich-Buch mehr zu schreiben, zu brechen.

Er ist angesichts der Umfragewerte der FPÖ und des möglichen Wahlsiegs des FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer ehrlich besorgt über den Vormarsch des Rechtspopulismus und dass gerade in Österreich eine Rechte an die Macht kommt, „die man in Teilen als faschistisch bezeichnen kann“. Die FPÖ habe die Defizite des Systems „beinhart für sich auszunutzen gewusst“, komme gleichermaßen „bieder, elterntauglich und hetzerisch rüber“ und meist „mit einem gewissen Schuss Dämonie“.

Die ÖVP bleibt für Thurnher immer noch ein großes Rätsel: zerrissen von den Interessen der Bünde, aus denen sie besteht, und immer wieder blockiert von Querschüssen der mächtigen Landeshauptmänner, gelinge es ihr nicht, das bürgerliche Profil anzunehmen, das sie eigentlich beanspruche. Ein Vorabdruck dieses Kapitels provozierte den Zorn der Konservativen: Ein Linker habe nicht das Recht, ihre Partei zu kritisieren. Vom Furor des Autors bleibt aber auch die SPÖ nicht verschont: Gekettet an eine ungeliebte Koalition mit der ÖVP habe sie ihre „inhaltliche und organisatorische Schwachbrüstigkeit“ veranlasst, die Gunst der Boulevardmedien zu erkaufen. Der Bevölkerung, die immer wieder den Nachweis erbringe, dass sie nichts Besseres verdient habe als ebendiese politische Klasse, wirft er Untertanenmentalität vor. An einer Stelle sogar „Sklavenmentalität“, was er dann doch nicht so kategorisch nicht gemeint haben will.

Auch der Verfassungsgerichtshof bekommt sein Fett ab. Denn, so hat sich der Autor von befreundeten Juristen überzeugen lassen, die Aufhebung der Stichwahl sei eine Fehlentscheidung gewesen. Und er resümiert, dass er lieber in einem Staatswesen leben würde, „in dem saubere Gesetze bei Bedarf etwas schlampig angewendet werden, als umgekehrt schlampige Gesetze auf Punkt und Beistrich exekutiert“.

Ralf Leonhard

Armin Thurnher: „Ach, Österreich! Europäische Lektionen aus der Alpenrepublik“. Zsolnay Verlag, Wien 2016, 176 Seiten, 16 Euro

Kein Nazi nirgends

Den ehemaligen stern-Reporter Niklas Frank hat das Thema NS sein Leben lang verfolgt. Und das ist kein Wunder, denn als Sohn von Hans Frank, der zwischen 1939 und 1945 Generalgouverneur von Polen war und 1946 hingerichtet wurde, konnte er seiner Vergangenheit nicht entfliehen, zu monströs war für Niklas Frank die Tatsache, dass er von zwei Monstern abstammte, die sich als Herrscher über „minderwertiges“ Leben und Tod aufspielten.

Die meisten Kinder von NS-Prominenten haben die Schuld ihrer Eltern relativiert und verdrängt. Niklas Frank hingegen hat schonungslos gegenüber sich selbst seinen Hass auf seinen Vater publik gemacht. „Der Vater. Eine Abrechnung“ hieß sein 1987 erschienenes und im stern vorabgedrucktes Buch, das die Gesellschaft stark in Wallung geraten ließ und das ihm wahrscheinlich mehr Anfeindungen einbrachte als seinem Vater, der als „Schlächter von Polen“ bekannt wurde.

Immer wieder hat Niklas Frank mit unversöhnlicher Kritik des NS und seiner Mitläufer das Trauma seiner Kindheit bearbeitet. Nachsehen muss man ihm, dass er das nicht mit einem historisch-distanzierten Blick tun kann. Niklas Frank hat in seinem neuen Buch, „Dunkle Seele feiges Maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen“, den Blick auf das große Herausreden der Nazis gerichtet, und das Präsens im Untertitel zeigt an, dass für Frank die Geschichte der „Feigheit“ nicht zu Ende ist. Er sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Nazis, die nicht zu dem standen, was sie getan hatten, und der geistigen Verfassung der Täter, die Asylbewerberheime anzünden und ihre politische Heimat bei der AfD gefunden haben.

3.660.648 Entnazifizierungsakten in den alten Bundesländern gibt es. Niklas Frank hat in zahlreichen Archiven wahllos Akten durchgesehen und ist immer auf dasselbe gestoßen: auf Dokumente der Niedertracht und Dummheit, die er unermüdlich und mit großer Empörung kommentiert, obwohl sich der Schrecken dadurch nicht steigern lässt.

Im schleswig-holsteinischen Landesarchiv sagte der Archivar: „Bei mir werden Sie nur Widerständler finden“, denn als solche haben sich die Deutschen in der Nachkriegszeit stilisiert. An dieser Einstellung sind schon Kriegsreporterinnen wie Martha Gellhorn verzweifelt, denn nirgends konnte sie auch nur einen Nazi entdecken. Die Dokumente sind aber auch von unfreiwilliger Komik, wenn sich Belastete mit den absurdesten Argumenten aus der Verantwortung stehlen wollen, so ähnlich wie das Vernehmungsprotokoll von Adolf Eichmann, das Hannah Arendt gelesen hat und dabei laut lachen musste.

Aber auf 584 Seiten ist die Lektüre deprimierend und kaum auszuhalten. Die fremdenfeindlichen 20 Prozent der deutschen Bevölkerung, die hier in einen Spiegel sehen könnten, werden das Buch kaum lesen, und es ist schade, dass man sie nicht dazu verurteilen kann, diese Anklageschrift Wort für Wort zu lesen, sie zu konfrontieren mit der jämmerlichen Wirklichkeit ihres xenophobischen Daseins.

Klaus Bittermann

Niklas Frank: „Dunkle Seele, feiges Maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen“. Dietz Verlag, Bonn 2016, 584 Seiten, 29,90 Euro

überstrahlt ihr eigenes Spiegelbild und zeigt sich stattdessen selbst − entsprechend der verschiedenen Designs der Mattscheiben − in Formen, die man unbedingt als Sonnenuntergänge interpretieren möchte.

Tatsächlich drängen uns kunsthistorisch überkommene Bildkonventionen zu Natur und Landschaft, den Blitz als Sonne zu sehen, wobei seine Position auf der Mattscheibe den jeweiligen Horizont definiert, während die Landschaften durch die verschieden starke Biegung der Bildschirme entstehen, deren mehr oder minder sauberen oder auch beschädigten Oberflächen die Stimmung von Licht und Wetter beitragen. Traditionell gerahmt durch das Gehäuse, von dem Comani feinsäuberlich die Markennamen entfernt hat, geht die Sonne einmal im flirrenden Licht einer heftig zerkratzten Mattscheibe unter, während sie ein anderes Mal makellos strahlend auf einer blanken Mattschiebe versinkt. „Sunsets“ heißt die Publikation, die die im Maßstab 1:2,5 verkleinerte Serie jetzt in einem Band versammelt. In der originalen Installation (wie das Foto auf unserer Doppelseite zeigt) hängen die einzelnen auf MDF-Platten aufgezogenen Bilder höchst ironisch wie Flachbildschirme an der Wand. Brigitte Werneburg

Daniela Comani: „Sunsets. No. 217“ Edition Patrick Frey, Zürich 2016, 64 S., 30 Euro

Zur Hölle fahren

Die Öffentlichkeit hatte John Fante schon fast vergessen, als Charles Bukowski ihn Ende der 70er Jahre als literarische Vaterfigur in Beschlag nahm und ihm dadurch immerhin den verdienten Nachruhm sicherte. „Little Italy“, die bisher umfangreichste Sammlung seiner Short Storys, enthält vor allem Arbeiten aus den 30ern, seiner stärksten Werkphase. Die Parallelen zwischen den beiden sind offensichtlich. Auch Fante hat die Außenseiter und Randständigen im Blick. Bei ihm sind es die italienischen Einwanderer, die armen, streng katholischen Itaker, die an einem ziemlichen Minderwertigkeitskomplex laborieren und den mit großer Fresse, Fäusten und forciertem Machogehabe kompensieren müssen.

Der Titel „Littly Italy“ ist mehrdeutig. Fante lässt hier seine eigene Kindheit in Colorada auferstehen. Die Erzähler sind kleine Jungs, die sich nur wundern können über die geduldige Unterwürfigkeit der sich zuschanden arbeitenden Mütter und die lauten, latent gewalttätigen Väter. Noch dazu müssen sie ständig befürchten, zur Hölle zu fahren, weil der katholische Tugendterror auch noch die letzten Freiräume ihres Alltags durchdringt. Die kleinen Rebellionen, die sie trotzdem anzetteln, erfordern in diesem repressiven System echten Heldenmut.

Fante ist ein großartiger Ethnograf seines Milieus, der auch unter der kruden, plebejischen Schroffheit noch einen Glutkern von Zärtlichkeit ausmachen kann. „Ich habe das tapfer wie ein Mann ertragen“, erzählt einer von Fantes juvenilen Helden über seine letzte Prügelstrafe. „Der Grund war einfach, ich wusste, dass er mein Vater war und mit der Prügelei aufhören würde, bevor er mir zu wehtat. Er sagte immer wieder, er würde mich totschlagen, aber er war mein Vater und konnte mich mit solchem Zeug nicht erschrecken.“

Fante schreibe aus „dem Herzen und aus dem Gedärm“, hat ihm der dreckige alte Mann attestiert. Ein größeres Lob gibt es von ihm nicht. Frank Schäfer

John Fante: „Little Italy“. Aus dem Englischen von Kurt Pohl und Rainer Wehlen. Maro, Augsburg 2016. 367 Seiten, 20 Euro

Jane Austens Frauenbilder

Was ist der Anreiz, sich einen Roman der Weltliteratur, den man vermutlich schon vor Jahren gelesen hat, noch einmal vorlesen zu lassen? Kurze Antwort: um die Geschichte noch einmal zu genießen. Eva Mattes’ ungekürzte Lesung von „Überredung“ – dem letzten Roman, den Jane Austen 1816 ein Jahr vor ihrem Tod vollendete, hier in der Übersetzung von Ursula und Christian Grawe aus dem Jahr 1983 – verlockt zu einer ausführlicheren Antwort.

Der Roman handelt von Anne Elliott, einer 27-jährigen Landadeligen, die acht Jahre zuvor von ihrer mütterlichen Freundin Lady Russell überredet wurde, ihre Verlobung mit Frederick Wentworth zu lösen. Sie hat nie aufgehört, den Marine-Offizier zu lieben. Als sie durch Zufall wieder regelmäßig auf den inzwischen zum Captain avancierten Wentworth trifft, brechen sorgsam verwahrte Gefühle wieder auf und frühere Entscheidungen werden infrage gestellt.

Die gewählte Perspektive der gereiften jungen Frau gibt der ebenfalls gereiften 39-jährigen Autorin Austen Gelegenheit, die Dinge distanziert zu reflektieren. Nie ergeht Austen sich in Beschreibungen irgendwelcher Dekors, die Erwähnung von Profanem erfolgt nur, um intellektuelle oder charakterliche Defizite einer Figur zu illustrieren. Jane Austen bedient sich dabei der Mittel beißender Satire, sprachlicher kleiner Spitzen, die oftmals nur in Nebensätzen fallen. Und die Eva Mattes mit unerbittlicher Bestimmtheit bei gleichzeitig zerbrechlicher Besonnenheit zum Klingen bringt – und damit vor dem „Überlesen“ bewahrt.

Die für das frühe 19. Jahrhundert sehr emanzipatorische Zeichnung der Frauenfiguren – die Admiralsgattin Mrs Croft begleitet ihren Mann auf See, Anne Elliott ist der Inbegriff weiblicher Charakterfestigkeit – unterstreicht Mattes mit lichter Eleganz, was die Hörer*innen zu weiterem Nachdenken über gängige Frauenbilder bringt, damals wie heute.

Dass die Lesung so organisch ist, mag auch an Mattes’ Vertrautheit mit dem Stoff liegen: Bereits 2010 hat sie für HörbuchHamburg eine gekürzte Fassung der Übersetzung von Sabine Roth eingelesen. Sylvia Prahl

Jane Austen: „Überredung“. 8 CDs, 9 h 32 min., Argon Verlag, 2016

Wunsch nach Frieden

Zu ihrer Zeit war Irmgard Keun eine der erfolgreichsten deutschen SchriftstellerInnen. Als die Nazis ihre Literatur verboten, ging sie ins Exil. Auf ihren 2016 wiederentdeckten Roman „Kind aller Länder“ folgte nun die Neuauflage eines weiteren Keun-Klassikers. „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ aus dem Jahr 1936 erzählt genau wie „Kind aller Länder“ aus der Sicht einer Zehnjährigen.

Köln im Jahr 1918, zum Ende des Ersten Weltkriegs. Die namenlose Protagonistin ist ein lebensfroher Quälgeist, der den Eltern und Lehrern das Leben schwer macht. Fantasievoll eröffnet Keun eine Welt voller Flausen. Vor trübenden Problemen bleibt allerdings auch ein Kind nicht verschont. Denn da sind diese vielen Erwachsenen, vor denen kein Streich sicher zu sein scheint. Den KlassenkameradInnen wird sogar der Umgang mit der frechen Zehnjährigen untersagt. Mit den Nachbarskindern lässt sich dennoch unbekümmert Unfug treiben.

Die Abgründe des Kriegsalltags und der folgenden Besatzung sind dennoch deutlich spürbar: Mangel, Krankheiten und die Trauer um Gefallene. Die bedrückenden Umstände sind nicht nur beängstigend, sondern lassen dem Mädchen auch die absurdesten Lösungen einfallen. Soldaten werden zu Spielkameraden, verlassene Häuser zu Abenteuerplätzen und das Stehlen der Steckrüben zu einem spannenden Ausflug.

Der Roman begleitet die Ich-Erzählerin über drei Jahre, hinein in die Pubertät. Keun kreiert unbeschwert scharfsinnig Begegnungen zwischen Verstehen und Ungläubigkeit, Erwachsenwerden und Kindbleiben. Sie schreibt mit einer ordentlichen Portion Naivität und Komik.

In ihrem ersten Exilroman spielt trotz aller Leichtigkeit der Wunsch nach Frieden die zentrale Rolle. Genau 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist der Roman mit seinem kindlichen Erzählton immer noch genauso erfrischend. Verena Krippner

Irmgard Keun: „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 208 Seiten, 16 Euro

Optimistisch ungemütlich

Herfried und Marina Münklers Buch „Die neuen Deutschen“ ist im Untertitel viel zu kühl mit „Ein Land vor seiner Zukunft“ bezeichnet. Der Clou der Streitschrift steckt bereits in den Überschriften, denn beide diskutieren die politischen und gesellschaftlichen Umstände, die neu eingewanderten Bürger*innen, vor allem die Geflüchteten, als zu lösende Aufgabe, nicht als apokalyptische Heimsuchung (wie die Rechtspopulisten) oder als schweres Zeichen postkolonialer Rechthaberei (wie viele Linke). Sie wollen, dass gelingt, was Kanzlerin Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“ so lakonisch wie anregend als Credo in die öffentliche Arena getragen hat.

Es sei keine „erbauliche“ Schrift, die sie schreiben wollten, sondern eine „politische“. Keine Schaumschlägerei um „Fluchtursachen“, „Kapitalismus“ oder „Schuldfragen“, also analytisch Scheinmuskuläres für Sonntagsreden.

Vielmehr verstehen sie ihren großen Text als pragmatisch und lösungs-, mithin zukunftsorientiert. Ihre These: Jene, die kommen und kamen, werden deutsch werden (müssen), also die neuen Deutschen, die bislang Einheimischen werden sich auch ändern (müssen), sie sind in diesem Sinne dann auch neue Deutsche. Woher sie ihre Zuversicht nehmen? Weil es, sehr schön nachgewiesen in diesem Buch, historisch immer schon so war: Deutschland war schon immer eine Migrationsgesellschaft – mit hohem Integrationsvermögen.

Zu ihren Vorschlägen für das Alltägliche unterbreiten sie auch die kluge Idee, dass keine Schulklasse einen höheren als einen 25-Prozent-Anteil an migrantischen Kindern haben sollte, das verhindere die üblichen Probleme. Wie man das löse, da es doch diese (klassen- und kultur-)gemischten Viertel nur selten gäbe? Durcn Schulbusse. Wie in den USA. Na: Das wird die elitebewussten Mittelschichten aber freuen, möchte man anfügen, vor allem die grünen.

Nicht nur dieser Punkt überzeugt, auch dieser: Die Münklers finden, dass der Kern, der den „beschwerlichen Weg“ ermöglichen kann, jener ist, den man als Verfassungspatriotismus bezeichnen müsste. Die Verpflichtung, ähnlich wie in den USA, aller auf den guten Zweck der solidarischen Anstrengung im Namen der Nation.

Dass dies nicht als Hitlerei misszuverstehen ist, finden nur bequem-internationalistische Linke nicht. Dass dieser Trick ein Solidaritätstreiber der nichtvölkischen Inklusion wäre, entspricht der Argumentation der Autor*innen sehr. Die Streitschrift der Saison, optimistisch und ungemütlich zugleich. Jan Feddersen

Herfried und Marina Münkler: „Die neuen Deutschen“. Rowohlt Berlin, Berlin 2016, 338 Seiten, 19,95 Euro

Ach, Österreich!

Schon der Titel ist ein Seufzer. Und Armin Thurnher, Mitbegründer und Herausgeber der Wiener Stadtzeitung Falter, verzweifelt immer wieder an der österreichischen Realpolitik. Eigentlich wollte er ein Buch über die Medien schreiben. Der Zsolnay Verlag hatte den Titel schon in der Werbung. Dann kam Anfang Juli die Aufhebung der Bundespräsidentenstichwahl und Thurnher sah sich veranlasst, sein Versprechen, kein Österreich-Buch mehr zu schreiben, zu brechen.

Er ist angesichts der Umfragewerte der FPÖ und des möglichen Wahlsiegs des FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer ehrlich besorgt über den Vormarsch des Rechtspopulismus und dass gerade in Österreich eine Rechte an die Macht kommt, „die man in Teilen als faschistisch bezeichnen kann“. Die FPÖ habe die Defizite des Systems „beinhart für sich auszunutzen gewusst“, komme gleichermaßen „bieder, elterntauglich und hetzerisch rüber“ und meist „mit einem gewissen Schuss Dämonie“.

Die ÖVP bleibt für Thurnher immer noch ein großes Rätsel: zerrissen von den Interessen der Bünde, aus denen sie besteht, und immer wieder blockiert von Querschüssen der mächtigen Landeshauptmänner, gelinge es ihr nicht, das bürgerliche Profil anzunehmen, das sie eigentlich beanspruche. Ein Vorabdruck dieses Kapitels provozierte den Zorn der Konservativen: Ein Linker habe nicht das Recht, ihre Partei zu kritisieren. Vom Furor des Autors bleibt aber auch die SPÖ nicht verschont: Gekettet an eine ungeliebte Koalition mit der ÖVP habe sie ihre „inhaltliche und organisatorische Schwachbrüstigkeit“ veranlasst, die Gunst der Boulevardmedien zu erkaufen. Der Bevölkerung, die immer wieder den Nachweis erbringe, dass sie nichts Besseres verdient habe als ebendiese politische Klasse, wirft er Untertanenmentalität vor. An einer Stelle sogar „Sklavenmentalität“, was er dann doch nicht so kategorisch nicht gemeint haben will.

Auch der Verfassungsgerichtshof bekommt sein Fett ab. Denn, so hat sich der Autor von befreundeten Juristen überzeugen lassen, die Aufhebung der Stichwahl sei eine Fehlentscheidung gewesen. Und er resümiert, dass er lieber in einem Staatswesen leben würde, „in dem saubere Gesetze bei Bedarf etwas schlampig angewendet werden, als umgekehrt schlampige Gesetze auf Punkt und Beistrich exekutiert“.

Ralf Leonhard

Armin Thurnher: „Ach, Österreich! Europäische Lektionen aus der Alpenrepublik“. Zsolnay Verlag, Wien 2016, 176 Seiten, 16 Euro

Kein Nazi nirgends

Den ehemaligen stern-Reporter Niklas Frank hat das Thema NS sein Leben lang verfolgt. Und das ist kein Wunder, denn als Sohn von Hans Frank, der zwischen 1939 und 1945 Generalgouverneur von Polen war und 1946 hingerichtet wurde, konnte er seiner Vergangenheit nicht entfliehen, zu monströs war für Niklas Frank die Tatsache, dass er von zwei Monstern abstammte, die sich als Herrscher über „minderwertiges“ Leben und Tod aufspielten.

Die meisten Kinder von NS-Prominenten haben die Schuld ihrer Eltern relativiert und verdrängt. Niklas Frank hingegen hat schonungslos gegenüber sich selbst seinen Hass auf seinen Vater publik gemacht. „Der Vater. Eine Abrechnung“ hieß sein 1987 erschienenes und im stern vorabgedrucktes Buch, das die Gesellschaft stark in Wallung geraten ließ und das ihm wahrscheinlich mehr Anfeindungen einbrachte als seinem Vater, der als „Schlächter von Polen“ bekannt wurde.

Immer wieder hat Niklas Frank mit unversöhnlicher Kritik des NS und seiner Mitläufer das Trauma seiner Kindheit bearbeitet. Nachsehen muss man ihm, dass er das nicht mit einem historisch-distanzierten Blick tun kann. Niklas Frank hat in seinem neuen Buch, „Dunkle Seele feiges Maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen“, den Blick auf das große Herausreden der Nazis gerichtet, und das Präsens im Untertitel zeigt an, dass für Frank die Geschichte der „Feigheit“ nicht zu Ende ist. Er sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Nazis, die nicht zu dem standen, was sie getan hatten, und der geistigen Verfassung der Täter, die Asylbewerberheime anzünden und ihre politische Heimat bei der AfD gefunden haben.

3.660.648 Entnazifizierungsakten in den alten Bundesländern gibt es. Niklas Frank hat in zahlreichen Archiven wahllos Akten durchgesehen und ist immer auf dasselbe gestoßen: auf Dokumente der Niedertracht und Dummheit, die er unermüdlich und mit großer Empörung kommentiert, obwohl sich der Schrecken dadurch nicht steigern lässt.

Im schleswig-holsteinischen Landesarchiv sagte der Archivar: „Bei mir werden Sie nur Widerständler finden“, denn als solche haben sich die Deutschen in der Nachkriegszeit stilisiert. An dieser Einstellung sind schon Kriegsreporterinnen wie Martha Gellhorn verzweifelt, denn nirgends konnte sie auch nur einen Nazi entdecken. Die Dokumente sind aber auch von unfreiwilliger Komik, wenn sich Belastete mit den absurdesten Argumenten aus der Verantwortung stehlen wollen, so ähnlich wie das Vernehmungsprotokoll von Adolf Eichmann, das Hannah Arendt gelesen hat und dabei laut lachen musste.

Aber auf 584 Seiten ist die Lektüre deprimierend und kaum auszuhalten. Die fremdenfeindlichen 20 Prozent der deutschen Bevölkerung, die hier in einen Spiegel sehen könnten, werden das Buch kaum lesen, und es ist schade, dass man sie nicht dazu verurteilen kann, diese Anklageschrift Wort für Wort zu lesen, sie zu konfrontieren mit der jämmerlichen Wirklichkeit ihres xenophobischen Daseins.

Klaus Bittermann

Niklas Frank: „Dunkle Seele, feiges Maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen“. Dietz Verlag, Bonn 2016, 584 Seiten, 29,90 Euro