Ausstellungsempfehlung für Berlin

Distanz im Tiefenraum

Tipp der Woche: Eindrückliche Landschafts-Photogramme von Marie Rief – erstmals auch in Farbe. Die taz sprach mit der Künstlerin.

Marie Rief, „Throw 1“ (Ausschnitt), c-print, analogue unique, 110 x 127 cm, 2016 Foto: Courtesy Bourouina Gallery

Marie Rief hat ihre neue Serie aus großformatigen Photogrammen, die in ihrer Einzelausstellung „A Far Shot“ bei Bourouina zu sehen ist, „throw“ getauft. Schleuderte man einen Gegenstand in Richtung des Horizonts, der hier auf immer neue Weise abgebildet ist, er würde die unendliche Weite, über die sich die Landschaft erstreckt, niemals überqueren.

Doch es stellt sich kein Gefühl der Leere ein, sondern ein Eindruck „offener Distanz“. Von Bild zu Bild schiebt sich der Horizont weiter dem Himmel entgegen, ändern die Grautöne sich von kalt zu warm, blitzt ein Streifen kupfern am Bildrand auf.

Auf der zweiten Bildebene zeichnen sich die Arbeiten durch die Spuren der Verfahren aus, mit denen Rief ihre Photogramme anfertigt. Sie setzt keine dreidimensionalen Objekte der Belichtung aus, sondern zweidimensionale Schichten aus lichtdurchlässigen Papieren und Zeichnungen, die übereinander geschichtet werden – oder wie hier, erstmals auch eine auf transparentes Papier gedruckte Landschaftsfotografie.

Bourouina Gallery, bis 21. 1.; Di.–Fr. 11–18, Sa.

12–16 Uhr; bis 10. 1. nur nach

Vereinbarung: office@bourouina.

com, Carmerstr. 11

Klebebänder und Magnete, die das Fotopapier in der Dunkelkammer fixieren, bleiben sichtbar; unscharfe Elemente zeugen von Wölbungen im Material. Gerade weil sie aus Fragmenten zusammengefügt sind, finden Riefs Bilder zu ihrer eindrücklichen Präsenz und Tiefe.

Einblick (654): Marie Rief, Künstlerin

taz: Welche Ausstellung in Berlin hat dich zuletzt an- oder auch aufgeregt? Und warum?

Marie Rief: Aufregen ist für mich etwas zu viel gesagt … Aber mir sind die Bunkerzeichnungen von Joachim Bandau letztens bei Thomas Fischer noch stark im Gedächtnis, lange hatte ich keine Zeichnungen mehr gesehen, die gleichzeitig brachial, direkt und anrührend wirken.

Ebenso eindringlich sind die Videoarbeiten von Omer Fast im Gropius-Bau. Außerdem: „Surreale Sachlichkeit“ der Sammlung Scharf-Gerstenberg.

Welches Konzert oder welchen Klub in Berlin kannst du empfehlen?

Im Februar spielen im Roten Salon der Volksbühne „the pitch & Koenraad Ecker“. Es sind dunkle melancholische Geräusch- und Klangteppiche, die man wie Räume/Landschaften durchquert.

Welche Zeitschrift/welches Magazin und welches Buch begleitet dich zurzeit durch den Alltag?

Dostojewski, Nicolai Gogol. In Abschnitten arbeite ich mich durch „Saturn und Melancholie“ (Klibanski/Panofsky/Saxl) und Musils „Mann ohne Eigenschaften“ durch. Durch einen Glücksgriff habe ich eine ganze Sammlung von „Texten zur Kunst“ erstanden, die werden peu à peu abgearbeitet. Und einzelne Ausgaben der Lettre International.

Marie-Luise Rief, geb. 1987 in Berlin, lebt und arbeitet in Berlin. 2008–2014 Studium an der Universität der Künste Berlin bei Prof. Pia Fries und Prof. Gregory Cumins; Abschluss als Meisterschülerin. 2015 Regina Pistor-Preis der UdK. Gruppenausstellungen 2016 unter anderem „Im Gegenüber“, Lage Egal, Berlin (European Month of Photography); „Sonne auf Papier“, Städtische Galerie, Nordhorn; „Blanks“, Studio Galerie im Haus am Lützowplatz, Berlin. Rief wird durch die Galerie Bourouina vertreten, die zurzeit ihre Einzelausstellung „A Far Shot“ zeigt.

Was ist dein nächstes Projekt?

Mit der letzten Arbeitsserie gab es einen Aufbruch, daher schaue ich derzeit, ob es gleich mit Landschaft weitergehen soll oder ob ich eine andere Idee vorziehe. Dann wird im Labor etwas mit Spiegelung, einer Inszenierung von Gegenständen, passieren, die nicht genauer erkennbar, sondern vorhanden sind, um einen Raum, eine Stimmung zu umschreiben.

Welcher Gegenstand/welches Ereignis des Alltags macht dir am meisten Freude?

Woran ich mich nicht sattsehen kann, ist der Himmel, an seinem Wolkenziehen und Lichtspiel. Immer wieder beobachte ich eine Zeit lang, wie sich die Massen über-und ineinanderschieben, auseinanderziehen und auflösen, gleichgültig gegen alle Handlungen darunter.

Text und Interview erscheinen im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg immer Donnerstags in der Printausgabe der taz.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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