theorie und technik

Abwehr der Gefühlslinken

Ist die Mehrheit links der Mitte nur ein Phantasma? Dagegen wird jedenfalls der „Sachverstand“ in Stellung gebracht

Man kann derzeit ein doch etwas unerwartetes Auftauchen des „Gefühls“ beobachten. Von der Meteorologie mit ihren „gefühlten“ Temperaturen oder der neuerdings „gefühlten“ Inflationsrate bis zu Schröders „gefühlter“ Mehrheit – es taucht an den unterschiedlichsten Stellen auf.

Nun auch noch auf Seiten der Linken als so genannte Gefühlslinke. Man sollte bei so viel Emotion jedoch nicht übersehen, dass es hier einen eminenten Unterschied gibt. Sowohl beim Wetter als auch bei den Teuerungen und beim Bundeskanzler steht das Gefühl im Gegensatz zu den nackten Zahlen. Es ist der Einspruch des Subjektiven gegen die Herrschaft eines blinden Objektivismus, der meint, mit seinen Zahlensystemen alles erfassen zu können. Nur bei der Linken ist es anders. Diese soll sich nämlich dadurch auszeichnen, dass ihre Gefühle sich nicht gegen die Zahlen, sondern vielmehr auf diese richten. 51 Prozent links der Mitte wären demnach nur eine „gefühlte“ Mehrheit, mehr noch: Es wäre ein „Phantasma“ (so etwa Heinz Bude), diesen Zahlen Glauben zu schenken. Es handele sich dabei bloß um Arithmetik (so etwa Hubert Kleinert), um eine rein rechnerische Mehrheit, der zu folgen eine Verirrung, ein Traum jener wäre, die eben darum als Gefühlslinke bezeichnet werden.

Was hat es nun mit diesen auf sich? Was ist so böse an ihnen? Und vor allem: Was für eine Bedrohung stellen sie dar, die immer heftiger abgewehrt werden muss? Laut Bude „fühlen sie sich links“. Lesen wir genau: Sie fühlen nicht links, sondern sie fühlen sich links. Das kann aber nur heißen, dass sie es nicht sind. Sie sind nicht links, nicht etwa weil man gegen das Gefühl die Überzeugung oder – ganz altmodisch – den Klassenstandpunkt ins Treffen führen würde. Nein, sie sind nicht links, weil ihr Gefühl genau gegen das steht, was ihren Gegnern gemäß Linkssein heute heißen soll.

Hier wird eine Demarkationslinie gezogen: Schlechte Linke sind jene, die von einer linken Mehrheit fantasieren; gute sind jene, die meinen, es gebe hier eine unüberwindliche Kluft. Man sieht, wie eng hier Analyse und Intervention beieinander liegen, wenn sie das, was sie ausspricht – das Schisma der Linken –, damit gleichzeitig auch reproduziert. Solch eine Sprachhandlung nennt man performativ.

Die Ursünde der Gefühlslinken sehen deren Gegner aber in ihrem Festhalten an einem verlorenen Objekt, dem Sozialstaat, den sie angeblich wie einen Fetisch hochhalten. Ein Fetisch ist ein Ersatzobjekt, so Freud, das den Schrecken der Kastration abwehren soll: Mit ihm lässt sich die unerwünschte Wahrnehmung verleugnen und der Glaube an den intakten Phallus retten. Der Signifikant „Sozialstaat“, an den sich die Gefühlslinken angeblich klammern, wäre demnach das Ersatzobjekt, durch den das zunehmende Verschwinden des realen Objekts „Sozialstaat“ kaschiert werden soll.

Dagegen steht in dieser Schlachtordnung der unbeirrbare Wille zur Reform, der als reiner Sachverstand auftritt. Als sei dies kein Diskurs, sondern gewissermaßen ein Nullpunkt des Ideologischen, an dem die Wirklichkeit selber spricht. Sie diktiert die notwendigen, harten Entscheidungen. Die politische Entscheidung reduziert sich demnach darauf, unmittelbarer Effekt wirtschaftlicher Notwendigkeiten zu sein. Das ist „neoliberaler Dezisionismus“.

Von dieser Position aus lautet die größtmögliche politische Dichotomie nicht mehr progressiv versus konservativ, sondern Sachverstand versus Gefühl. Als wäre dies eine unhintergehbare Differenz, bei der man nur die Wahl hat, sich entweder auf Seite der reinen Rationalität zu stellen oder sich bei den Fantasten ohne Verständnis für Objektivitäten einzureihen.

Nun wo der Zug in Richtung große Koalition abgefahren ist, wo die Vorstellung einer linken Mehrheit nicht mehr abgewehrt werden muss, sollte man beginnen zu überlegen, dass in einer Demokratie, nach dem Wort von Claude Lefort, die politische Repräsentation nicht nur etwas ihr Vorangehendes ausdrückt, sondern sich diese Meinungen, Interessen usw. durch ihre Repräsentation auch etablieren. In diesem Sinne sollte man die Frage stellen, ob die Arithmetik vielleicht keiner Mehrheit, aber doch einer linken Hegemonie entspricht. Eine Hegemonie, die, in Abwandlung von Marx, eine „allgemeine Beleuchtung (ist), worin alle übrigen Farben getaucht sind und die sie in ihrer Besonderheit modifiziert“ – eine bestimmte Stimmung gewissermaßen, eine Gefühlslage.