BERLIN - VON KENNERN FÜR KENNER Herr Hung hat alles fein im Blick

Jan Feddersens Gastro-Kritik: Am Rande des Kreuzberger Marheineke-Kiezes liegt „Via he“, der beste Vietnamese östlich von Ho-Chi-Minh-Stadt

Der Begleiter war noch erkältet und brauchte zunächst keinen Wein oder Bier, sondern Ingwertee. Das war eine gute, eine sehr gesundheitsfördernde Wahl, dieser bezaubernd zubereitete Tee mit Ingwerstückchen im grünen Steingutkännchen.

Herrlich anregend und beruhigend in einem! Und dann das Essen. Man isst ja abends im Restaurant eigentlich keine Suppe; vielleicht weil dies eine gewisse Nebensächlichkeit signalisieren würde – und das ist sie im Via he wahrlich nicht. Wir bekamen Pho empfohlen, Bandnudeln mit Rindfleisch, dazu viel Gemüse, vietnamesisches Grünzeug, gesotten in einer Brühe aus Gewürzen, aus der man Anisstern und Kardamon herausschmeckt. Zutaten geschmacklicher Art, die in unseren Breiten ja eher zu Weihnachtlichem passen. Vietnam ist da ganz anders, und das beweist Herr Hung auch im besten Kreuzberger Marheineke-Kiez, etwas verborgen am oberen Ende der Heimstraße.

So satt waren wir selten – es war reichlich serviert worden. Herr Hung nickt verständig, als der eine von uns die halbe Terrine zurückgehen lassen muss: „Ja, die Bandnudeln quellen auf – da isst man sie besser schnell.“

Hastige Esser – das soll das wohl bedeuten – dürfen zulangen, schlabbern und schlürfen. Überhaupt: Besser kann man vietnamesisch nicht essen. Eine Küche, die auf sachte Garung setzt und keine verfugten Magenwände hinterlässt, sondern einen Eindruck von wohligem Antihunger. Auch die frischen, ungebratenen Frühlingsröllchen (Nem goi cuon) sind eine Lust. Die Hühnerfleischvariante (Thit gà) besonders, denn sie enthalten, gerollt in Reispapier, gehäckselte Salate, dazu zerbröselte Erdnüsse, die dann als quasi Ultracannelloni in Sauce mit dem Namen Nuoc Mam getunkt werden. An einem Nebentisch haben sich daran drei Kinder fast ohnmächtig gegessen – und Herr Hung lächelte dazu verständig.

Die Getränke sind von deutsch-konventioneller Art. Hervorgehoben werden müssen aber die Shakes, die Lassi heißen. Ob mit frischen Avocados, Banane, Mango oder Kiwi: köstlich, frisch und im Grunde fast eine Mahlzeit für sich. Herr Hung hat das alles übrigens fein im Blick: Überhaupt ist Herr Hung von unaufdringlicher Freundlichkeit, die einem Patron freilich ziemt. Er weiß um seine Qualitäten, strunzt allerdings damit nicht so herum. Er lässt essen und gut sein.

Ein Wort zum Interieur: kein Asia-Ornamenten-Schnickschnack; fast skandinavisch kühl die Wände: Wer schon immer mal ein menschenwürdiges Glutorange sehen wollte, der findet es im Via he. Guten Tag und Auf Wiedersehen heißt übrigens Xin chào: Man wünscht dem Hause viel Gutes!