taz. thema

Anthroposophie

die verlagsseiten der taz.die tageszeitung

Das Waldorf-Wirtschaftswunder

Unternehmensführung Auch Firmen mit anthroposophischem Hintergrund können wirtschaftlich erfolgreich sein. Dabei machen sie einige Dinge anders

von Karin Chladek

Waldorf und wirtschaftlicher Erfolg – das passt ganz gut zusammen, wie einige namhafte Unternehmen im deutschsprachigen Raum beweisen. Bei den Naturkosmetikfirmen Weleda und Dr. Hauschka, beim Bio-Markt Alnatura oder der Drogeriemarktkette dm ist die Anthroposophie-Verbundenheit gemeinhin bekannt. Überraschender ist sie etwa beim Kamera-Hersteller Leica oder der Triodos Bank.

„Ein Ideal anthroposophischer Unternehmen ist es, mit Firmeneigentum und Gewinn anders umzugehen. Viele beteiligen ihre Mitarbeiter oder die Allgemeinheit an der Wertschöpfung“, sagt Benjamin Kolass, Sprecher der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. „Oft werden hohe Ansprüche an eine umweltverträgliche Produktion gestellt und es wird versucht, Arbeitsprozesse besonders sozialverträglich zu gestalten. Das knüpft an das anthroposophische Menschenbild an, das eine spirituelle Dimension beinhaltet, im Umgang mit Menschen, aber auch mit der Natur.“

Rudolf Steiner ordnet im Zuge der Dreigliederung des sozialen Organismus (siehe unten) dem Wirtschaftsleben den Idealzustand der Brüderlichkeit zu. Angestrebt werden etwa Solidarität, geringe Einkommensunterschiede, kleine Hierarchien. Diese Ideen greifen die Unternehmen mehr oder weniger stark auf. „Es gibt keine gemeinsamen Standards oder Verabredungen, was ein anthro­posophisches Unternehmen ausmacht“, so Kolass. Allen gemein sei jedoch ein ganzheitlicher, nachhaltiger Ansatz.

„Die Triodos Bank war die erste Bank, die Windräder in den Niederlanden finanziert hat“, erzählt Florian Koss, Sprecher bei der niederländischen Bank, die auch in Deutschland aktiv ist. Ihre vier Gründungsmitglieder fanden 1968 in einem Studienkreis zusammen und beschäftigten sich mit alten Ideen – etwa wie das Zusammenspiel zwischen Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft besser funktionieren könnte. Auch mit den Ansätzen Rudolf Steiners befassten sie sich. 1980 wurde die Triodos Bank in den Niederlanden gegründet, das anthroposophische Menschen- und Gesellschaftsbild gehört zu ihrem Fundament.

So finanziert Triodos etwa nur Projekte und Unternehmen mit ethischen Grundsätzen. „Unsere Gründer haben schnell erkannt, dass Geld ein mächtiges Instrument zum gesellschaftlichen Wandel ist“, so Florian Koss. „Ihr Motto war ,change finance in order to finance change'. Eigentlich dachten wir, dass Triodos irgendwann nicht mehr gefragt sein würde, weil ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel eingesetzt hätte, der Banken überflüssig macht. Es gibt uns aber immer noch.“

Weleda geht auf zwei Unternehmen zurück. Die schweizerische Futurum AG wurde von Rudolf Steiner und Ita Wegmann selbst gegründet, die Firma „Der kommende Tag“ in Stuttgart von Steiner zumindest mitgegründet. 1921 ging es mit dem operativen Geschäft los. Heute beschäftigt der Konzern mehr als 2.000 Mitarbeitende weltweit. Etwa 40 Prozent des Kapitals und 80 Prozent der Stimmrechte der Weleda AG liegen bei zwei Mehrheitsgesellschaftern, der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Klinik Arlesheim, die mit Ita Wegmann verbunden war, beide in der Schweiz. Hier sind die anthroposophischen Wurzeln am deutlichsten zu erkennen. Eine weitere bekannte Naturkosmetikfirma, Dr. Hauschka, ist Teil der Wala GmbH, die wiederum vom Wiener Chemiker Rudolf Hauschka gegründet wurde, einem Schüler Steiners.

Der dm-Gründer und bekennende Anthroposoph Götz Werner ist bekannt als Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens. dm, gegründet 1973, ist bekannt für viele Bio-Produkte. Weniger bekannt ist, dass dm-Lehrlinge („Lernlinge“ nennt sie Werner) Theaterworkshops absolvieren oder malen – Angebote, die Mitarbeiter dem Unternehmen zufolge in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen können.

Die Zahl anthroposophischer Unternehmen liegt bei schätzungsweise 50 mittelständischen Firmen in Deutschland und mehr als 100 weltweit. Zählt man die Demeter-Betriebe hinzu, sind es mehrere Tausend weltweit. Viele sind untereinander gut vernetzt. So haben sich etwa die Sekem-Farm in Ägypten, Lebensbaum, Alnatura und weitere Unternehmen im Partnerschaftsnetzwerk IAP zusammengeschlossen, um „durch Austausch und Unterstützung die Basis für die biologisch-dynamische und organische Landwirtschaft weltweit zu stärken“. Die Triodos Bank finanziert viele Waldorfschulen und -kindergärten, „aber nicht wegen deren Wurzeln in der Anthroposophie“, wie Florian Koss erklärt, „sondern des gemeinsamen ganzheitlichen Weltbildes wegen.“

Seit Kurzem ist auch Leica in anthroposophischen Händen: Die Traditionsfirma wurde in einer existenziellen Krise von Andreas Kaufmann übernommen, einem ehemaligen Waldorf-Lehrer, der sich nach einer Erbschaft auf „unterschätzte“ Unternehmen spezialisiert hatte. Er führte Leica zurück zum Erfolg. Seine Frau Karin Rehn-Kaufmann, eine Eurythmistin, leitet die Leica-Galerien. In einem Interview mit dem Demeter Journal sagte Andreas Kaufmann: „Wir gehören nicht zu denen, die den Begriff Anthroposophie im Alltag vor sich hertragen. Von dem Begriff halte ich gar nicht viel, wenn er nicht gelebt wird. Und wenn er gelebt wird, brauche ich ihn nicht.“