Kein Entweder-oder

Metabolismus und Symbiosis: Das Deutsche Architektur Zentrum stellt das Werk des japanischen Architekten Kisho Kurokawa vor

Als Kisho Kurokawa vor ein paar Jahren in der Berliner Humboldt-Universität auf das berühmte Karl-Marx-Zitat im Foyer stieß, die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern, rief er spontan aus: „Das ist es ja, was ich mein Leben lang gemacht habe!“ Die Anekdote findet sich im Katalog zur Ausstellung „Metabolismus und Symbiosis“ des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main. Eine etwa um die Hälfte reduzierte Fassung der Schau ist jetzt im Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) in Berlin zu sehen.

Metabolismus und Symbiosis sind die Schlüsselbegriffe zum Verständnis Kurokawas. Sie sind seine Weltanschauung. Kurokawa ist nicht auf den Architekten zu reduzieren. Er selbst versteht sich zuallererst als Philosoph. Und seine Architektur ist praktische Philosophie. Die Bewegung des Metabolismus, den Kurokawa 1960 zusammen mit anderen japanischen Architekten gründete, ist deshalb nicht nur eine Architekturströmung oder ein Stil. Kurokawa war überhaupt der Einzige, der die utopischen Entwürfe der Gruppe in dauerhafte Architektur überführen konnte. Zwar hatte der Metabolismus mit temporären Bauten auf der Weltausstellung 1970 in Osaka seinen Höhepunkt erreicht, für die weitere Entwicklung in der Architektur spielte er jedoch lange keine Rolle mehr. Doch Kurokawa hielt an seinen Vorstellungen fest und war außerordentlich erfolgreich. Etwa 100 Projekte in vierzig Jahren in aller Welt hat Kurokawa verwirklicht. Jede Retrospektive des Architekten muss sich daher mit einer Auswahl bescheiden. Die Ausstellung im DAZ liefert allerdings schon eine ganze Menge. Das liegt auch daran, dass Kurokawa seine Arbeiten – neben den üblichen Fotos und Zeichnungen – in Modellen vorführt, die so klein wie von Hand möglich gefertigt wurden.

Zwischenbereiche moderieren den Gegensatz zwischen innen und außen, öffentlich und privat

Bei seinem berühmten Nakagin Capsule Tower in Tokio, immerhin ein 13-stöckiges Hochhaus mit 140 Wohneinheiten, sind die Wohnkapseln kleiner als Streichholzschachteln. Das Gebäude zeigt praktisch, was unter Metabolismus zu verstehen ist: An zwei zentralen Betonkernen sind die aus Metall vorgefertigten und komplett ausgestatteten Einraumappartements mittels Bolzen befestigt. Das Ganze sieht aus, als hätte man sie zu einer Art Baum zusammengesteckt. Doch Kurokawa kopiert die Natur nicht formalistisch. Sein Metabolismus nimmt Anleihen an der Funktionsweise des Lebens. Leben ist Wandel, Austausch, ständige Erneuerung. So liegt das zentrale Moment des Kapselturms darin, dass die Container ohne größere Probleme ausgetauscht werden könnten.

Austauschbarkeit und Recycling, wie im Stoffwechsel der Natur oder innerhalb eines Organismus, das ist die Kernidee des Metabolismus. Seit der Fertigstellung 1972 blieben die Kapseln allerdings an Ort und Stelle. Die mit der damaligen Technik ausgestatteten Wohncontainer für je eine Person erfüllen offenbar noch immer ihren Zweck.

Die DAZ-Ausstellung zeigt noch ein weiteres metabolistisches Projekt als Modell: Die unrealisierte Helix-City, die nach dem Vorbild der DNS-Struktur im Meer hätte errichtet werden sollen. Als Pendant zu den Molekülen sind hier ganze Wohnungen an gigantische Stahlspiralen eingehängt. Neben dem Prinzip der Austauschbarkeit kommt hier noch das der Unabgeschlossenheit der Struktur. Kurokawa hat das beim Flughafen für die Malayische Hauptstadt Kuala Lumpur beibehalten. Der 1998 fertig gestellte Airport könnte jederzeit bei Bedarf erweitert werden. Man müsste nur ein paar mehr Stützpfeiler dazusetzen und mit weiteren stählernen Überdachungen verbinden.

Die Flughafenanlage kann exemplarisch für den zweiten zentralen Begriff in Kurokawas Denken stehen: Symbiosis. Auf Wunsch des Ministerpräsidenten von Malaysia sollte an dem Gebäude etwas Islamisches zutage treten. Kurokawa entwarf daraufhin jene hyberbolischen Parabolid-Schalen als Dachkonstruktion, die einerseits an die Kuppeln von Moscheen erinnern sollen, andererseits ein reinstes High-Tech-Produkt darstellen. Die Idee des Ausgleichs des Heterogenen kommt beim Flughafen aber noch durch etwas anderes zum Tragen. Denn in, um und durch den Flughafen wächst Dschungel. Auch dies ein Hinweis auf die Aufhebung der Gegensätze im symbiotischen Denken. Bei Kurokawa gibt es kein Entweder-oder. Das hat seine Wurzeln im japanischen Buddhismus. In Kurokawas Architektur sorgen Zwischenbereiche dafür, dass der Gegensatz zwischen innen und außen, öffentlich und privat moderiert wird. Beim „Riesenwürfel“ des Osaka International Convention Center aus dem Jahr 2000 gibt es etwa einen mit Bäumen bepflanzten öffentlichen Durchgangsraum inmitten des Gebäudes. Noch etwas bei Kurokawa-Bauten ist sehr japanisch. Die Mitte ist leer. Es gibt kein Zentrum und keine Hierarchie der Teile. Das Zentrum beim ellipsoiden Anbau an das Van-Gogh-Museum in Amsterdam von 1998 bildet ein Wasserbecken, der Mittelpunkt von Kurokawas Planung für die ringförmige Erweiterung der chinesischen Stadt Zhengdong für 1,5 Millionen Menschen besteht aus einem künstlich angelegtem See.

Kurokawa steht mit seiner gebauten Philosophie im Gegensatz zur Moderne mit ihrem Anspruch auf Totalität und Absolutheit. Kurokawa lehnt die moderne Technik nicht ab, aber seine symbiotische Utopie will weg vom eurozentristisch geprägten International Style. Auch für die Industrienationen, so Kurokawa, seien die Grenzen der Entwicklung absehbar. Der Planet vertrage das westliche Modell mit seinem horrenden Energieverbrauch und seiner müllerzeugenden Konsumption nicht. Dieses Modell der ausbeuterischen Lebensweise zu verändern, machte ihn, wie Kurokawa sagt, zum Architekten. Fast scheint es, hätte er sich eine Marx’sche These zum Lebensmotto erwählt.