TV-Moderator über Wissenschaftsshow

„Sinnloses merkt man sich besser“

William Cohn erklärt in „Callin’ Mr. Brain“, wie lang Fingernägel wachsen können und wie sich Kontinentalplatten verschieben.

Ein Mann steht vor einem Schreibtisch, aus dem ein Arm ragt

Hat ein Herz für Kurioses und Paradoxes: William Cohn Foto: Christoph Warneck

taz.am wochenende: Herr Cohn, Ihre neue Sendung „­Callin’ Mr. Brain“ ist eine Show, die Wissen auf ihre ganz eigene Art und Weise aufarbeitet. Am Ende wissen die Zuschauer beispielsweise, dass Fingernägel zwei Zentimeter im Jahr wachsen und sich die Kontinentalplatten jährlich um genau dieselbe Länge verschieben.

William Cohn: Das ist vollkommen korrekt, das ist eine tiefschürfende Erkenntnis!

Warum merken wir uns ausgerechnet dieses „unnütze“ Wissen so gut?

Mr. Brain hat da wohl dieselbe Erkenntnis wie andere Menschen auch: Man merkt sich scheinbar sinnlose, aber unterhaltende Dinge besser als Wissen aus Enzy­klopädien, in denen in einem unerträglich öden Ton die Welt erklärt wird.

Aber was fängt man mit diesem Wissen an?

Haben Sie schon einmal mit irgendeinem erworbenen Wissen etwas anfangen können? Wir wissen ja heute, dass die Halbwertszeit des Schulwissens ungefähr sechs Jahre beträgt, vielleicht auch nur vier.

Also lernen wir am Ende dann immer umsonst?

Na ja, jetzt geraten wir in etwas Philosophisches hinein. Aber es stellt sich natürlich die Frage, ob der berühmte Satz „Weniger ist mehr“ nicht vielleicht auch auf das Wissen zutreffen könnte. Man muss die Frage mal im Raum stehen lassen.

Provokante These.

Man merkt sich die Dinge, die einem Spaß machen. An was in ihrem Leben erinnern Sie sich? An die Schulstunde, in der sie lernen durften, wie die dritte Ableitung einer quadratischen Gleichung geht? Wissen Sie das noch?

ist 1957 geboren und arbeitet als Schauspieler, Sprecher, Sänger und Moderator. Von Hause aus ist er Ingenieur. Bekanntheit erlangte er mit seiner tiefen Bassstimme als Sprecher der Talkshow „Roche und Böhmermann“ und ab 2013 als Sidekick von Jan Böhmermann in „Neo Magazin Royale“.

Sie können sich die Antwort wahrscheinlich denken.

Interessant ist die Frage danach, was sich ein Mensch merkt und warum. Der britische Zoologe Gerald Durrell konnte sich als kleines Kind die Schlacht von Trafalgar nur merken, weil ihm sein Privatlehrer erzählt hatte, dass Lord Nelson dabei seine Vogel­eierkollektion neu beschriftet hat. Durrell wurde zum Grzimek Englands. Er war besessen von Viechern, alles andere hat ihn in seinem Leben nicht interessiert, und er konnte es sich auch nicht merken.

Kritik am derzeitigen Bildungssystem geht ja momentan in die Richtung der Wissensvermittlung. Könnten sich mehr SchülerInnen die Ableitungen merken, wenn das in einem ansprechenden Kontext präsentiert würde?

D’accord! Gerade auch in der Mathematik; die erwähnte Ableitung – das ist ja ganz simpel. Und vor allem auch witzig, wenn es richtig vermittelt wird. Ich habe die Grundrechenarten gelernt, weil unser Lehrer ein Bild an die Wand malte. Da saß auf der einen Seite ein dicker, reicher Kaufmann auf vielen Geldsäcken, auf dessen Jacke ein Plus zu sehen war. Auf der anderen Seite saß ein Schneider mit einem Minus auf dem Rücken – hatte nix, konnte nix, war alles weg. Dann gab es das Malzeichen: ein Jongleur, der mit den Zahlen jongliert, die immer etwas anderes ergeben. Als Letztes ein König, der auf einem Thron saß und die Dinge gerecht verteilte. Das habe ich mir bis heute gemerkt, auch wenn es schon ein paar Jahre zurückliegt.

Wer ist die Zielgruppe für Ihre Sendung?

Die 1. Folge erscheint im ZDF am 16. Juli um 16.20 Uhr.

Leute unterhalten und jemandem Spaß und Freude bereiten, das ist eigentlich generationenübergreifend, hofft man zumindest.

Ein bisschen erinnert die Figur Mr. Brain da an einen anderen alten Bekannten aus den Öffentlich-Rechtlichen: Peter ­Lustig aus „Löwenzahn“. Sehen Sie da Verwandtschaften zwischen Ihnen beiden?

Von seiner Zielsetzung her setzt sich Mr. Brain vollkommen von Peter Lustig ab. Es ist eine ganz andere Welt, auch eine ganz andere Weltsicht. Peter Lustig saß nicht tief unter der Erde. Es ist eine andere Attitüde und von daher auch eine ganz andere Perspektive auf die Welt, deswegen ist das nicht wirklich vergleichbar.

Sie sind relativ spät in die Enter­tainmentwelt eingestiegen. Bevor Sie Schauspiel studiert haben, haben Sie als Ingenieur gearbeitet. Sind Sie denn überrascht von Ihrer enorm gestiegenen Präsenz und Popularität in den letzten fünf Jahren seit Ihrem Mitwirken in „Roche und Böhmermann“ und „Neo Magazin Royale“?

Natürlich nicht! Nein, Spaß beiseite, ich liebe diesen meinen ­Beruf, und ich bin absolut glücklich darin. Vielleicht spürt man das ja ein wenig? Als Schauspieler habe ich Method Acting gelernt, da ist es wichtig, dass man irgendwo aus seinem eigenen Leben ­Erlebnisse verwenden kann, die mit der Figur zu tun haben oder dem Leben der ­Figur.

Inklusion ist kein Zuckerschlecken: Auf Rügen gibt es keine Förderschulen mehr, in Berlin schon. Welches Modell ist besser? Die taz.am wochenende vom 15./16. Juli war auf der Insel und in der Stadt. Außerdem: Sammeln Sie auch Taubsis und Schlurps? Bekenntnisse zum ersten Geburtstag von "Pokémon Go". Und: Würden Trump-Wähler ihren Kandidaten heute wieder wählen? Am Kiosk, eKiosk oder im praktischen Wochenendabo.

Was ist Ihr Hintergrund für diese Rolle?

Durch meinen naturwissenschaftlichen Hintergrund bin ich dazu in der Lage, das, was ich sage, wirklich zu sagen – weil ich es weiß. Mr. Brain und ich haben da eine gewisse Verwandtschaft. Eben habe ich zwar gesagt, dass Wissen eine kurze Halbwertszeit hat, aber hier hat es sich mal gelohnt, dass ich das studiert habe. Dass ich gelernt habe, naturwissenschaftlich zu denken und zu handeln.

Sie sind in der Rolle plausibel.

Um noch einmal auf das Method Acting zurückzukommen: Es ist im Prinzip das Bemühen darum, in der Figur wirklich authentisch und glaubhaft zu werden und nicht einfach nur etwas zu behaupten. Darum geht es eigentlich – um Glaubwürdigkeit. Besonders wenn sie lustig herüberkommt und unterhaltend. Wir werden uns vielleicht mal mit der Frage beschäftigen, warum ein trägerloses Abendkleid hält, obwohl es physikalisch absolut unmöglich ist, dass es dort bleibt, wo es gerade ist. Ein gelebtes Paradoxon. Ich beziehe mich da auf eine Unter­suchung, die die zwei Ingenieure vor ­Jahrzehnten gemacht haben. Das ist entzückend und absolut wissenschaftlich. Die beiden ­haben hieb- und stichfest gerechnet und festgestellt: Es muss herunterrutschen, aber das tut es nicht. Warum?

Gute Frage.

Wenn man hier wieder den Bogen zur Schule schlagen will: Man kann SchülerInnen anhand dieses Beispiels alles erklären. Die Fragestellung steht fest, und nun muss herausgefunden werden, welche physikalischen Kräfte da beteiligt sind. Im Grunde genommen geht es nur darum: Man kann Wissen so vermitteln, wie es in den sogenannten Bildungsanstalten praktiziert wird – das kennen Sie, das kenne ich. Oder man kann es vermitteln, indem man Fragen stellt, die abwegig sind, damit aber genau die Antworten provozieren, um die es eigentlich geht.

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