Druck Wie gehen deutsche Textilunternehmer, die in der Türkei produzieren, mit der politischen Lage dort um?

Vorsicht, Hoffnung, Portugal

Die eine Hand näht, die andere trennt auf Illustration: Pinar Ergun

von Elisabeth Kimmerle

Ende Juli tauchte in der Türkei eine Liste mit deutschen Unternehmen auf, die der Terrorunterstützung verdächtigt werden. Das Auswärtige Amt verschärfte die Reisewarnungen für die Türkei, und Außenminister Sigmar Gabriel riet deutschen Unternehmen davon ab, dort zu investieren.

Die türkische Regierung reagierte empört über die angekündigte Neuausrichtung der deutschen Türkeipolitik, zog die Liste zurück und sicherte deutschen Investoren Schutz zu. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries sah die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen auf einem „Tiefpunkt“ angelangt.

Wie wirkt sich die angespannte Lage zwischen Deutschland und der Türkei auf die Handelsbeziehungen aus?

Die taz.am wochenende hat bei nachhaltigen Textilunternehmen, die in der Türkei produzieren, nachgefragt.

Die Textilbranche ist der wichtigste Industriesektor des Landes, die Türkei ist eines der Länder, die am meisten Biobaumwolle produzieren. Deutsche Unternehmen, die nachhaltige Mode produzieren, sind besonders verwurzelt in der Region, es dauert Jahre, die nötigen Beziehungen aufzubauen.

Wie gehen sie mit den Entwicklungen in der Türkei um? Was bedeutet das für die Produktion? Wollen sie die Produktion in ein anderes Land verlagern oder jetzt erst recht bleiben, um ihre Partner vor Ort zu unterstützen?

Manche Unternehmen haben Angst, ihren Produktionspartnern zu schaden und wollen die Lage deshalb nicht kommentieren.

Diejenigen, die sprechen, wägen ihre Worte genau ab.

„Die Türkei ist nicht Erdoğan“

Wir produzieren seit 2010 Biostoffe in Denizli, zwei Stunden von Izmir entfernt. Von dem angespannten Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei bekommen wir direkt nichts zu spüren. Aber ich habe gemerkt, dass ich meinen regelmäßigen Produzentenbesuch lange vor mir hergeschoben habe. Im April war ich dann vier Tage in der Türkei. Unsere Produzenten haben erzählt, dass sie jetzt alle Kunden im Ausland abklappern müssen, um ihnen zu sagen: Die politische Situation ist im Moment scheiße, aber ihr könnt euch auf uns verlassen.

Wir arbeiten mit einem kleinen Familienunternehmen zusammen, zu dem wir ein sehr herzliches Verhältnis haben. Ich war sogar zu der Hochzeit des Sohns unseres Produzenten eingeladen. Da fragen wir uns schon: Sollen wir alle Leute kollektiv für die Situation in der Türkei bestrafen? Unser Produzent engagiert sich bei der Opposition, das könnte zu einem Risiko für uns werden. Aber wir wollen das Risiko in Kauf nehmen und ihn weiter unterstützen, weil er für uns wie ein Vater ist, der uns drei Jungs anfangs dabei geholfen hat, Ökostoffe zu verkaufen.

Die Türkei ist nicht Erdoğan – und die Produzenten können am wenigsten für die jetzige Situation. Wir wollen diesen Teil unserer Produktion auf keinen Fall in ein anderes Land verlegen – auch, weil das gar nicht so einfach ist. Es dauert mindestens ein Jahr, bis man die ganzen Beziehungen aufgebaut hat.

Die Textilbranche ist unglaublich wichtig für die Türkei. Ich habe auch noch von keinem fairen Unternehmen gehört, dass es in der Türkei Probleme gab. Aber klar ist auch: Es gibt de facto einen sich auflösenden Rechtsstaat, im Ausnahmezustand kann jeder willkürlich festgehalten werden. Natürlich trübt der Ausnahmezustand die Beziehungen.

Ich bin zwei- oder dreimal im Jahr dort, aber das letzte Mal habe ich mit mir gekämpft. Direkt nach dem Putschversuch gab es eine seltsame Kommunikation mit unserem Produzenten: Wohl aus Angst vor abgefangenen E-Mails und um sich selbst zu schützen, hat er uns geschrieben: Alles okay, das war nur ein Putschversuch von den Gülenisten.

Wir haben uns gewundert, so kannten wir ihn nicht. Ich denke, er hatte anfangs Angst. Nach einem halben Jahr war alles wieder normal, weil niemand von ihnen verhaftet wurde.

Ich fand es grundsätzlich gut, dass Sigmar Gabriel einen Strich gezogen hat: bis hierher und nicht weiter. Das hatte vor allem Signalwirkung nach außen. Aber kein Unternehmer, der in der Türkei produziert, kann sich erlauben, die Handelsbeziehungen von heute auf morgen abzubrechen.Wenn es um neue Investitionen ginge, würde ich natürlich auch sagen, ich gehe lieber nach Portugal oder ein anderes europäisches Land. Aber als nachhaltiges Unternehmen legen wir Wert auf die ethischen Grundsätze, nach denen wir arbeiten, und da gehören langfristige vertrauensvolle Beziehungen auf jeden Fall dazu.

Das Worst-Case-Szenario wäre, dass die Regierung unseren Produzenten enteignet – dann würden wir unsere Produktion aus der Türkei abziehen. Das wollen wir natürlich nicht, aber es träfe uns nicht ganz unvorbereitet: Wir haben uns aus ökonomischen Gründen schon vor dem Putschversuch dazu entschieden, einen anderen Teil der Produktion nach Portugal zu verlegen. Der Preis und die Qualität waren dort teilweise besser.

Enrico Rima ist einer der drei Gründer von „Lebenskleidung“

„Erdoğan ist ein Unsicher-heitsfaktor“

Es steht im Moment auf der Kippe, ob wir weiterhin in der Türkei produzieren. In dem Moment, in dem ich Angst habe, dorthin zu fliegen, verlagern wir die Produktion. Oder, wenn wir Angst haben müssen, dass unsere Produzenten in den Fokus geraten, weil sie mit uns zusammen­arbeiten. Ein Glück, dass wir schon vor zwei Jahren 70 Prozent der Produktion nach Portugal verlegt haben. Aber das ist alles mit einem Kraftakt verbunden. Wir sind seit sechs Jahren in Izmir, das ist ein sehr verlässlicher, guter Partner.

Seit dem Putschversuch mer­ke ich, dass viel mehr Anfragen und Zugeständnisse von den türkischen Produzenten kommen: Auf den Messen kommen viele auf uns zu, weil immer mehr andere deutsche Unternehmen ihre Produktion aus der Türkei abziehen. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit den Produzenten vor Ort gerade deutlich einfacher als früher. Wir rennen offene Türen ein.

Eigentlich läuft alles recht glatt, aber ich müsste mir schon überlegen, ob ich gerade in die Türkei fliegen würde. Wahrscheinlich ja, aber mit einem unguten Gefühl, wenn dort jetzt schon Deutsche aufgrund von nicht belegbaren Beweisen verhaftet werden.

Wir werden auf jeden Fall nicht noch mehr Produktion in die Türkei verlegen. Erdoğan ist ein Unsicherheitsfaktor, er macht, was er will. Das ist sehr schade, weil die Türkei ein ziemlich großer Exporteur von Textilien und einer der größten Produzenten von Biobaumwolle ist.

Jan Thelen ist Geschäftsführer von „Recolution“

„Wir tragen eine Verant-wortung für unsere Partner“

Für uns als nachhaltiges Unternehmen ist es eine echt schwere Frage, wie wir mit den Entwicklungen in der Türkei umgehen sollen. Dieses Thema bewegt uns seit Langem, wir setzen uns immer wieder deswegen zusammen.

Alle zwei Monate reist jemand von unserem Unternehmen in die Türkei. Unsere Philosophie ist, langfristig mit unseren Produktionspartnern zu­sam­menzuarbeiten. Wir kennen die Menschen und mögen sie. Unsere Partner sind zum Teil auf die Zusammenarbeit mit uns angewiesen. Das jetzt über Bord zu werfen würde unserem Konzept der Nachhaltigkeit widersprechen.

Klar kriegen wir mit, dass die Situation zwischen Deutschland und der Türkei gerade angespannt ist. Es ist nicht so, als hätte das keine Auswirkungen auf uns.

Wir merken das beim Zoll und daran, dass es für unsere Mitarbeiter schwieriger wurde, Visa zu bekommen, wenn sie zu uns nach Deutschland möchten. Wir beobachten die Situation genau, weil wir nicht wollen, dass unsere Mitarbeiter gefährdet werden.

Was uns mehr Sorgen macht als die Terrorliste, auf der auch deutsche Unternehmen standen, ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung in der Türkei sich von Werten verabschiedet, die wir fördern wollen. Ein ganzes Land begibt sich in die Isolation. Dagegen sind wir machtlos, das können wir als Modeunternehmen nicht beeinflussen. Wir wollen uns für die Menschen in der Produktion und für die Umwelt einsetzen.

In den sozialen Medien gibt es tatsächlich vereinzelt schon Fragen, warum wir in der Türkei produzieren. Dann müssen wir erklären, dass es unserer Philosophie widersprechen würde, dort alles über Bord zu werfen.

So eine Produktionskette aufzubauen dauert Jahre. Wenn wir von einem Tag auf den anderen unsere Produktion in ein anderes Land verlagern würden, würde das den Menschen dort nicht nützen. Im Gegenteil, damit würden wir alles kaputtmachen, was wir dort zusammen aufgebaut haben. Wir tragen eine Verantwortung für die Menschen.

Martin Höfeler ist Gründer von „Armedangels“