Sieg oder Untergang

HARTE BANDAGEN Die Pianistin Miss Ming nahm an unzähligen Klavierwettbewerben teil – alles für die Karriere. Nun veranstaltet sie Klaviershowkämpfe. Dem äußeren Unernst zum Trotz werden sie auf hohem Niveau geführt

Von allen Künsten hat die Musik am meisten mit dem Sport gemeinsam, mehr sogar als die performativen Künste Tanz und Theater, in denen der Künstlerkörper selbst zum Teil der Performance wird und daher der Formung und steten Trainings bedarf. Für die im Rampenlicht stehenden Solisten der Musikwelt gilt zunächst einmal dasselbe. Nicht nur, dass das Bespielen eines Musikinstruments als Vollzeitbeschäftigung kraftraubend ist und körperliche Fitness voraussetzt. Zumindest vom weiblichen Teil der Solomusikerschaft wird zudem erwartet, dass die persönliche Erscheinung in puncto Attraktivität deutlich über dem Durchschnitt liegt. Übergewichtige Operndiven und hakennasige Starpianistinnen gehen im Medienzeitalter so gar nicht mehr.

Umgekehrt gilt selbstredend immer noch, dass Schönheit allein nicht ausreicht, um eine große Karriere hinzulegen. Die Auslese ist hart – und sie vollzieht sich, wie in der Welt des Leistungssports, vor allem über zahllose Wettbewerbe, mit denen man die Spreu vom Weizen trennt, die potenziellen Stars von den Tuttischweinen. PianistInnen aber können nicht einmal Tuttischwein werden, was Klavierwettbewerben eine besonders schicksalhafte Aura verleiht. Es heißt Sieg oder Untergang.

„An wie vielen Wettbewerben haben Sie im Laufe Ihres Pianistinnenlebens teilgenommen?“, frage ich Miss Ming. Ming heißt eigentlich ganz anders, doch wie genau, das bleibt ihr Geheimnis. Sie zieht auf die Frage nur kurz die Augenbrauen hoch. „Einemillionfünfhunderttausendachthundertsechzig? Keine Ahnung, wirklich!“ Sieben Jahre alt sei sie gewesen, als sie zum ersten Mal in ihrer Heimatstadt Hamburg am Steinway-Wettbewerb teilnahm, erzählt sie. Und dann sei das immer so weitergegangen. Auf der Bühne zu spielen, im Wettbewerb zu stehen – das sei absolut ihr Ding gewesen. Ming galt als Wunderkind. Dass ihre Eltern, koreanische Einwanderer, sie nicht nur sehr förderten, sondern auch viel von ihr forderten, war für das Kind in Ordnung, aber für den Teenager manchmal schwer zu ertragen. Mit 13 lief Ming von zu Hause fort, kam aber bald wieder zurück, um dann doch brav Musik zu studieren. Heute verteidigt die 33-Jährige den elterlichen Ehrgeiz entschieden: „Meine Eltern haben alles richtig gemacht!“

Auf die Idee zur „Mingbattle“ kam die Pianistin durch einen Artikel über Schachboxen

In der Tat ist es bei Ming schwer zu sagen, wie hoch der Ironieanteil in dem von ihr kreierten „Mingbattle“ ist und wie viel echte Liebe zum öffentlichen Kräftemessen darin steckt. Den ersten Klaviershowkampf, bei dem sie selbst nach Punkten gegen eine andere Konzertpianistin antrat, focht sie 2006 vor dem Berliner Publikum aus. Auf die Idee kam sie durch einen Artikel über Schachboxen. Mittlerweile haben sechs Mingbattles stattgefunden; seit Neuestem wirkt Ming nur noch außer Konkurrenz und als Moderatorin mit, steigt aber nicht mehr in den Ring (vorher gewann sie immer).

Die Lust an der Provokation steht ihr gut. Als Ming dieses Mal, auf Highheels und im brutalstkurzen Goldfummelchen, auf der Bühne des Tape Club einschwebt, geht ein eher schüchtern anerkennendes Raunen durchs Publikum, und nur die entschlossenen Ironiker trauen sich zu kichern, als sie breitbeinig auf der Klavierbank Platz nimmt. Über dieser – und der Klaviatur, natürlich der Hände wegen – ist eine Kamera angebracht, die alles Darunterliegende aus der Vogelperspektive auf die Großleinwand überträgt.

Das Kleid der jungen Pianistin Inga Fiolia, einer der KombattantInnen dieses Abends, ist zum Glück zumindest unten herum deutlich länger als Mings Outfit. Ihr Gegner, Sorin Creciun, der schon den letzten Mingbattle gewann und daher der Titelverteidiger ist, trägt eh Hosen.

Ziemlich schnell wird klar, dass Fiolia – als Pianistin – gegen Creciun keine Chance hat. Dass es auch ihr selbst klar ist, zeigt sich von Runde zu Runde immer mehr auch in ihrem Gesicht, in dem gleichzeitig zu lesen ist, dass das hier nicht unbedingt ein reiner Spaß ist. Dass ausgerechnet die einzige Frau in der dreiköpfigen Jury ihr bereits nach der ersten Runde bescheinigt, dass sie zwar gut aussehe, aber eben nicht gut genug gespielt habe, hilft da sicher auch nicht viel.

Überhaupt scheint nur einer der Juroren, der Brite Nick Raine, in der Lage und willens, seiner Aufgabe mit der gebotenen fachlichen Intelligenz nachzukommen. Das ist schade, denn trotz des äußeren Unernsts der Veranstaltung ist doch der Wettkampf ganz offensichtlich echt und wird auf hohem Niveau geführt. Auch das Publikum, das per Lautäußerung ebenfalls Punkte vergeben kann, nimmt seine Aufgabe ernst und klatscht und johlt aus Leibeskräften. Am Ende wird der Titelverteidiger mit deutlichem Abstand siegen.

Schon schön, dass mit dem Mingbattle mal eine etwas andere Musik in die Clubszene getragen wird. Allerdings ist man nach drei Stunden Kauerns auf der harten Bierbank auch als Zuschauerin reichlich erschöpft.