zwischen den rillen

Wir sind nicht wir

Mit der Compilation „I Can’t Relax In Deutschland“ kritisieren linke Gruppen die zunehmende Nationalisierung des Pop

Wer auch immer am kommenden Wochenende die Bundestagswahl gewinnt, an einer Veranstaltung wird der neue Kanzler nicht vorbeikommen: Das Land Brandenburg richtet in diesem Jahr die Feierlichkeiten zum 3. Oktober aus, und als Hauptact hat die Potsdamer Staatskanzlei ausgerechnet Heppner eingeladen, die dort zusammen mit dem Filmorchester Babelsberg ihren Deutschlandheuler „Wir sind wir“ vom vergangenen Jahr spielen werden. „Wir stehen hier aufgeteilt besiegt und doch / schließlich leben wir ja noch / wir sind wir / wir stehen hier (…) so schnell kriegt man uns nicht klein“, lauten die Kernzeilen und der Videoclip fasst die deutsche Geschichte seit 1945 ungefähr so zusammen: Erst ist alles kaputt, dann werden wir Fußballweltmeister und schließlich fällt die Mauer. Nationalistischer Schrott also, der es, geigenmäßig aufgehübscht, dieses Jahr bis zur Einheitsfeier gebracht hat.

Hätten es die linksradikalen Grüppchen, die unter dem Titel „I Can’t Relax In Deutschland“ gerade ein kleines rotes Buch mit beigelegter CD herausgebracht haben, bei einer Kritik von Veranstaltungen wie dieser belassen – man wäre gar nicht abgeneigt, dem zentralen Gedanken zuzustimmen, der den 55 Seiten und vier Texten zu Grunde liegt: Dass „Popkultur und Nationalismus zueinander gefunden“ haben, und dass es da ein Problem gibt. Heppner präsentieren Geschichte als eine den Volkskörper formende Schicksalmacht, hätten sie sagen können, das ist übel, das muss weg. Deutsche Täter sind keine Opfer. Und für alle, die gerne Musik hören möchten, die die hiesigen Verhältnisse anders verarbeitet: Die haben wir auch. Denn die beigefügte CD präsentiert ein erfrischend heterogenes Spektrum von Bands, deren kleinster gemeinsamer Nenner wohl ihre Ablehnung von Projekten wie Heppner sein dürfte: Oder was verbindet Mouse On Mars sonst mit Kettcar, die Robocop Kraus mit Lawrence?

Doch so ist es leider nicht. Irgendwann in den letzten Jahren, so stellt man nach der Lektüre etwas ernüchtert fest, scheint sich wohl endgültig jenes Netzwerk von Leuten aufgelöst zu haben, das die, die sich mit linker Politik auskennen, mit jenen verband, die sich für Pop interessieren. Denn so wie hier das „Superdeutschland hat sich in Kombination mit der Kulturindustrie den Pop unter den Nagel gerissen, um Auschwitz zu relativieren“-Argument über jeden Widerspruch hinweggeknüppelt wird, entwertet nicht nur das ganze Anliegen: Es ist vor allem von keinerlei Interesse am ästhetischen Material getragen.

Am wildesten im Essay des Philosophen Roger Behrens. Nach einigen Holperern stolpert man in dessen adornitischem Begriffsgewitter spätestens bei den Sätzen: „Da der Kapitalismus (…) vor allem als Nationalstaat agiert und sich kulturell als Nationalökonomie ausdrückt, formiert sich eine auch subversiv verstehende Protestkultur ebenfalls national. Wenn wie heute, Subkulturen bei der bedingungslosen Verteidigung des Kapitalismus angekommen sind, ist ihre nationalistische Regression gewissermaßen zwangsläufig.“ Als hätte Behrens gemerkt, was für einen Unfug er schreibt, setzte er zwar das Wörtchen „gewissermaßen“ hinein, um das Schlimmste zu verhindern. Es nutzt nichts.

Denn was kann Behrens mit der sich „subversiv verstehenden Protestkultur“ wohl meinen? Heppner ja wohl kaum. Es ist das Alternative Music-Universum. Doch hier organisiert sich keine Szene national. Nicht Techno, House oder Electronica, nicht Hardcore oder Punk oder die diversen Spielarten von Metal. Auch Jazz nicht, die verschiedenen Auslegungen schwarzer Musik ebenfalls nicht. All diese Musiken spielen sich in Netzwerken ab, deren Knotenpunkte, wenn nicht über den ganzen Globus, so doch gleichmäßig über die westliche Welt verteilt sind. Hier von „nationaler Regression“ zu sprechen, die „gewissermaßen zwangsläufig“ eintreten werde, ist schlicht hirnverbrannt.

Der ganze Text spielt (in schönster deutscher Akademikertradition) im Himmel der Ideologie, fast nichts ist hier der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen ästhetischen Material abgewonnen (was auch der Hauptunterschied zu den von Behrens vergötterten Adorno und Horkheimer sein dürfte). Hier werden Begriffskonstruktionen errichtet, und von da aus wird auf den Fernseher geschaut – Wahnsinn, ist ja alles so deutsch hier.

Wie falsch das in seiner kategorialen Ausschließlichkeit ist, demonstriert sinnigerweise der einzige Punkt, an dem Behrens Recht hat: Denn es gibt eine (sich als subversiv verstehende) Szene, die vor allem im nationalen Rahmen agiert. Und die setzt sich aus den Bands zusammen, die Behrens als die große Ausnahme von der kulturindustriellen Regel hinstellt: Blumfeld, Tocotronic und Kante, die bekanntesten Bands der Hamburger Schule. Die letzteren beiden finden sich auch auf der CD. Dass hier in Schwierigkeiten gerät, wer mit einem solch schweren Anspruch antritt, scheint auch den Machern von „I Can’t Relax In Deutschland“ gedämmert zu haben, deuten sie in ihrem Vorwort an. Umso schlimmer, kann man da nur sagen. Wer so radikal auf die Pauke hauen will, der sollte es dann wenigstens durchziehen.