Aktion des Peng-Kollektivs

Die Stimmen der Verdrängten

Geschichten von Mietern, die aus ihrer Wohnung gedrängt wurden, spielt das Künsterkollektiv Peng an die verantwortlichen Vermieter zurück.

Eine Hand mit einem Telefonhörer ragen aus einem Grab

Peng will Geschichten der vergessenen Verdrängten zurückholen Foto: Lars Bösch

BERLIN taz | „Wissen Sie, wie das ist, wenn so eine Entmietung stattfindet?“, fragt die sanfte Männerstimme am Telefon. Ohne Atempause geht es weiter: „Wenn man den ganzen Tag arbeiten geht und dann kommt man nach Hause und macht den Briefkasten auf und einem zittert schon die Hand?“ Und in den Briefen der Hausverwaltung oder des Vermieters: „Lächerliche Forderungen, unhaltbare Sachen.“ Mit unterschwelliger Wut in der Stimme geht der Monolog nach einer Minute ins Finale: „Und der ganze Scheiß, jede Woche, das ganze Jahr über. Und der ganze Druck ist nur dafür da, dass Sie Profit schöpfen können.“

Mit Anrufen dieser Art müssen ab Montagmorgen Vermieter rechnen, die durch verschiedene Druckmittel und Schikanen Menschen aus ihren Wohnungen verdrängt haben. Eine Woche lang, durch einen Bot automatisiert, werden ihre Privattelefone oder Firmenhotlines heißlaufen, 20 Mal am Tag.

Und jedes Mal werden sie konfrontiert mit den Geschichten ihrer ehemaligen Mieter. Der moralische Übergriff ist die neueste Aktion der Berliner Politkünstler vom Peng-Kollektiv. „Haunted Landlords – Die Rückkehr der Entmieteten“, heißt sie; Vermieter sollen also von Gespenstern heimgesucht werden.

40 Schicksale verdrängter Mieter aus sechs Häusern, davon vier in Berlin, haben die Aktivisten gesammelt, anonymisiert und einsprechen lassen. Auf der Website hauntedlandlord.de kann man sich die Ergebnisse anhören – auch ohne Vermieter zu sein. „Die Geschichten sind verblüffend ähnlich“, sagt die Peng-Aktivistin Nora Moll. Ob in Berlin, Leipzig oder Frankfurt – überall ist es lukrativ, Altmieter loszuwerden, um dann teurer weiterzuvermieten oder zu verkaufen. „Entmietungen und Zwangsräumungen sind ein wesentliches Mittel, um Häuser zu räumen und dann Profit zu machen“, so Moll.

Im Haus Mareschstraße 12 in Neukölln, um das es im anfangs zitierten Statement geht, hat sich der Vermieter einer Reihe perfider Maßnahmen bedient, um seine Mieter zu vergraulen – letztlich erfolgreich. Berichtet wird, wie ohne Ankündigung ein Baugerüst aufgestellt und im Hausflur eine Überwachungskamera installiert wurde. Einem ehemaligen Mieter sei am Tag vor Weihnachten die Kündigung unter der Tür durchgeschoben, einem anderen bei Bauarbeiten die Badewanne ausgebaut und zehn Monate nicht ersetzt worden.

Am Ende der Schikanen erfolgte dann in einem Fall die Kündigung einer Wohnung mit der Begründung des Eigenbedarfs, angeblich wollten die Eltern des Vermieters nach Berlin ziehen. Kurz nach der erfolgreichen Verdrängung fand sich die betreffende Wohnung zum doppelten Mietpreis auf einem Immobilienportal wieder. Moll spricht von „extrem skrupellosen Methoden“.

200 Euro für den Auszug

Das gilt auch für die anderen Fälle, etwa in der Berlichingenstraße in Moabit. Dort war mehrere Jahrzehnte lang ein Heim für wohnungslose Männer untergebracht, bis der Eigentümer darauf kam, dass er mit der Unterbringung von Flüchtlingen höhere Einnahmen erzielen könnte. Der Vermieter stellte Heizung und Wasser ab, im Haus wimmelte es von Ratten, den Bewohnern wurden 200 Euro für ihren Auszug geboten. Anderswo werde mehr geboten, so Moll, dabei könne innerhalb eines Hauses die angebotene Summe nach sozialem Status der Mieter variieren.

Möglicher Kritik versuchen die Aktivisten von vornherein zu begegnen. „Ist das Anrufen beim Vermieter ein größerer Eingriff in die Privatsphäre, als Menschen frieren zu lassen, weil man kein Heizöl bestellt?“, fragt Moll rhetorisch. Deutlich wird: Die Sorge vor einer öffentlichen Empörung, weil man den Vermietern zu nahe rücke, ist präsent. Jüngst war das Zentrum für Politische Schönheit von vielen dafür kritisiert worden, in den Intimbereich von AfD-Nazi Björn Höcke eingedrungen zu sein, weil es diesen observiert und seinen Müll durchsucht hatte.

Moll, die mit dem Peng-Kollektiv selber von Verdrängung bedroht ist, verweist darauf, dass sie „keine Hexenjagd“ auf die Vermieter machen wollen, ihre Namen werden nicht genannt. Verhindert werden soll jedoch, dass die „Direktverantwortlichen einfach wegschauen können“, wie es etwa bei öffentlichen Briefen der Fall sei. Und was ist das Ziel? Moll sagt: „Es braucht eine Wohn- und Stadtpolitik, die Verdrängung sanktioniert, sie unrentabel macht, anstatt sie zu belohnen.“

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