Freie „Nena“-Schule etabliert sich

Freiheit wie '68

Keine Noten, keine Tests und keine Fächer, dafür Selbstverwaltung als „Lernanlass“: Vor zehn Jahren hat die Sängerin Nena Kerner die Neue Schule Hamburg gegründet.

Ein Schüler geht eine Treppe hoch, deren Geländer mit einem Netz abgesichert ist.

Freiheit mit Sicherheitsnetz: Die Neue Schule Hamburg Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Manchmal geht ein Pressetermin in die Hose. Im Oktober war die taz eingeladen, die von Sängerin Nena gegründete Neue Schule in Hamburg-Rahlstedt zu besuchen. Um 13 Uhr im dritten Stock unterm Dach der alten Villa. Ich habe mich verspätet. In der Bibliothek ist ein großer Tisch aufgebaut, an dem schon zwölf Personen sitzen. Phillipp Palm, Schulgründer und Mann von Sängerin Nena Kerner, überreicht ein knall-orangefarbenes Buch. Zwölf Augenpaare richten sich auf mich.

Mit so vielen Leuten ein Gespräch zu führen, ist anstrengend. Für einen Artikel reicht die Ausbeute nicht. Ein neuer Termin ist nötig. Dafür soll ich noch mal schriftlich eine Anfrage an das Komitee „Einladen und Kennenlernen“ stellen.

Unten im Foyer der weißen Villa wartet schon der Kollege von der Konkurrenz. Er fragt, wie es war. „Viel Glück“, raune ich ihm hinterher. Dann am Eingang die geliehenen Plastik-Crocs zurück ins Regal und Straßenschuhe wieder an, und über eine Wiese zum Auto. Ein paar Schüler kommen mir entgegen, sie waren im Penny auf der andere Seite.

„Werden? Ich bin doch schon!“, steht auf dem Titel des knallorangefarbenen Buches, darunter „Neue Schule Hamburg“, so heißt Nenas Schule. Als die vor zehn Jahren eröffnet wurde, war die Villa noch im Umbau, der Hof schwarz vor Journalisten. Ein Jahr gab es später kritische Berichte über chaotische Zustände. „Schule der Pop-Mutti in der Krise“, titelte 2008 der Spiegel.

Doch die Schule, die sich am amerikanischen „Sudbury“-Konzept orientiert, hat sich gehalten, sie erhielt die Anerkennung als Ersatzschule. Aber sie wurde zurückhaltend mit der Öffentlichkeitsarbeit. „Wir haben gelernt, dass man so ein Projekt erst mal atmen lassen muss“, sagt Nena Kerner. „Inzwischen ist so viel mehr entwickelt. Wir haben etwas zu erzählen.“

Auch die Mitarbeiter stehen einmal im Jahr neu zur Wahl. Alle 85 Schüler sind stimmberechtigt

Das orangefarbene Buch hat 335 Seiten, 26 Leute – Schüler, Lehrer, die Gründer, zwei Wissenschaftler – haben was geschrieben. Es ist ein Kaleidoskop von Eindrücken. Durch die vielen Stimmen wolle man die Vielfalt der Schule zum Ausdruck bringen, den Leser auf Entdeckungsreise nehmen, „an deren Ende möglicherweise ein neue Verständnis von Schule und Bildung steht“, schrieben Nena Kern, Phillipp Palm und Sarah Alexi im Vorwort, das irritierend in Großschrift gedruckt ist.

Die Neue Schule Hamburg ist demokratisch organisiert. Es gibt keine Noten, keine Tests, keinen Stundenplan, die Kinder werden zu keinem Unterricht gezwungen. Lesen lernen Kinder überall dort, wo Schrift ist. Sie lernen es wie das Laufen nebenbei, einige mit fünf, andere mit sechs, andere mit neun oder zwölf. So hatte es schon Daniel Greenberg 1987 in seinem Buch über die Sudbury Valley School in Massachusetts beschrieben, die er mit anderen 1968 gegründet hatte.

Wer aufgenommen werden will, muss gewählt werden

„Und wenn mein Sohn den ganzen Tag nur Fußball spielen möchte, dann spielt er eben nur Fußball“, sagte eine Mutter in der Schulbibliothek. Allerdings gibt es Regeln, die sich die Schulversammlung selbst gibt. Und wer aufgenommen werden möchte, muss gewählt werden.

Doch das schreckt offenbar nicht ab. In einem Kapitel beschreibt eine Mutter, wie ihre Tochter zwei Mal nach einer Probezeit abgelehnt wurde, einmal mit fünf, einmal mit sieben. Und nachdem die Eltern mit einer staatlichen Grundschule schlechte Erfahrungen machten, zogen sie mit Kind sogar für kurze Zeit nach Dänemark, um die Schulpflicht zu umgehen. Erst beim dritten Versuch schaffte sie es als Zehnjährige auf die Neue Schule.

Auch andere Eltern beschreiben, wie ihre Kinder an der staatlichen Schule die Lust am Lernen verloren. Bewegend ist der Text über Jeans* langen „Weg zu einem Leben ohne Ritalin“, verfasst von Schulmitarbeiterin Anne Romero-Früh. Der Junge geriet als Erstklässler an einer staatlichen Schule mit einer Lehrerin aneinander, weil er auf dem Schulhof Pläne für eine Turnhalle zeichnete und die Lehrerin in dem Bleistift nur eine Gefährdung sah. „Für ihn war es schwierig, dass so viele Kinder in der Klasse waren und dass er fünf Stunden lang ruhig sitzen musste“, schreibt die Mitarbeiterin, die den Jungen betreut.

Nach einigen Umwegen kam Jean mit neun Jahren zur Neuen Schule Hamburg und durchlebte dort den Entzug der Medikamente. „Die ersten Wochen waren weder für Jean* noch für die Schulgemeinschaft leicht“, schreibt Romero-Früh. Doch inzwischen habe er „möglicherweise einen für sich guten Ort gefunden“. Die Neue Schule lehnt Ritalin ab. Sie bezieht sich auf den Neurobiologen Gerald Hüther, der es nicht für belegt hält, dass ADHS eine genetisch bedingte Stoffwechselstörung ist.

Das Komitee „Einladen und Kennenlernen“ meldet sich zurück. Sie wollen mich noch einmal einladen und wünschen sich ein paar Fragen schriftlich. Das Komitee ist für den Kontakt nach außen zuständig und neben „Putzkomitee“, „Wahlkomitee“ und „Lösungskomitee“ eines von vielen. Schulgründer Palm erklärt den Sinn so: An der Neuen Schule übernehme die Schulgemeinschaft auf demokratische Weise die Verantwortung für den Betrieb. Durch die täglichen Anforderungen an die Selbstverantwortung entstünden „reale Aufgaben und Probleme“. Die Schule nutze die tägliche Verwaltung als „authentisches Arbeitsfeld, das unzählige Lernanlässe bietet“.

Nun ist also mein Besuch ein Lernanlass. 13 Fragen gehen nach Lektüre des Buches an das Komitee. Der Termin für den zweiten Besuch fällt auf einen verregneten Novembertag. „Die erwarten dich schon“, sagt ein Schüler vor der Tür. Zwei Mädchen bringen mich ins Gremienzimmer im ersten Stock. Zwei Schüler und drei Mitarbeiter sitzen bei Kaffee, Keksen und Obst.

Jeder ist mal Lehrer, mal Lernender

Schülerin Lilly Bekesch hat sogar die ausgedruckten Fragen vor sich, Mitarbeiter Markus Kröger das Regelbuch dabei. Wie kommen die verschiedenen Altersgruppen zurecht? „Das ist unsere Geheimwaffe“, erzählt Lilly. Jeder ist mal Lehrer, mal Lernender. Sogar der Begriff „Lehrer“ ist deshalb durch „Mitarbeiter“ ersetzt. 85 Schüler gibt es, in jedem Jahrgang 6 bis 11 Leute. Die Jüngste ist fünf und hat gerade mit Mitarbeiterin Anne ein „LK“ geschrieben, weil sie sich ungerecht behandelt fühlte.

LK, so nennt man einen Zettel mit Kritik, der im täglich tagenden „Lösungskomitee“ besprochen wird. Dort werden Konflikte geklärt und Regelverstöße geahndet. „Hier können auch mal Tränen fließen“, sagt Sarah Alexi, die pädagogische Leiterin.

Als die Schule vor zehn Jahren in einem Farmsener Jugendzentrum die Arbeit aufnahm, gab es so gut wie keine Regeln, berichtet Corvin Busch. „Ich kann verstehen, wenn man es in den ersten Monaten nicht gemocht hat, weil es superchaotisch war.“ Er ist heute 17 und war damals als Sechsjähriger dabei. Früher gab es auch eine höhere Fluktuation. Manche der 172 ehemaligen Schüler waren nur ein oder zwei Jahre an der Schule. „Seit sechs Jahren sind wir stabiler“, sagt Sarah Alexi.

Heute gibt es das Regelbuch mit 150 Einträgen. Ich darf reingucken, aber nichts mitnehmen, die Regeln können sich ändern. Wenn einer zum Beispiel vergisst zu putzen, ist er in der nächsten Woche zwei Mal mit Putzen dran. Die Schüler dürfen das Gelände verlassen und zum Penny gehen. „Dort findet praktischer Matheunterricht statt“, sagt Sarah Alexi. Doch jeder muss ich dafür auf einer Liste am Eingang aus- und wieder eintragen. Und wer das vergisst, hat zwei Wochen Penny-Verbot. „Auch ich hatte das gerade, weil ich vergaß, mich einzutragen“, berichtet die Pädagogin.

Klavierspielen nur mit „Führerschein“

Ähnliches gilt für die Klavier-Regeln. Wer den roten Flügel im Erdgeschoss nutzen will, muss einen „Klavierführerschein“ haben. Auch dafür gibt es ein Team. Sie habe bei Schülern den Klavierführerschein gemacht, berichtet die pädagogische Leiterin. Und weil ein Besucher von ihr sich ohne Führerschein ans Instrument setzte, bekam sie als „Konsequenz“ eine Woche Klavierverbot.

Auch die E-Gitarren und Keyboards im Musikraum dürfen nur mit speziellem Führerschein genutzt werden, den ein Team vergibt. Es gibt sogar eine Regel zum Umgang mit Spielwaffen. Und als ein Schüler oft ausrutschte, setze er eine Regel durch, dass Klamotten nicht auf dem Boden liegen dürfen.

Nach Zeitungsartikeln über die Schule fragen besorgte LeserInnen schon mal, was aus den Kindern werden soll. „Auch Eltern haben einen Leidensdruck und fragen, was macht mein Kind, fängt es an zu lesen?“, berichtet Alexi. Doch die Schule vertraut darauf, dass die Kinder lernen.

Die Struktur ist ganz einfach: Es herrscht Anwesenheitspflicht in Gleitzeit. Von acht bis 17 Uhr, freitags 14 Uhr, ist das Haus geöffnet. Grundschüler müssen 31 Stunden die Woche da sein, ab der fünften Klasse sind es 35 Stunden, dokumentiert mit Fingerabdruckleser am Eingang. Schüler können Überstunden sammeln und diese später ausgleichen. Bei Corvin waren es einmal 122.

Innerhalb dieser Zeit gibt es Kurse, Teamtreffen, Essenszeit, Putzzeit. Es gibt ein Sprachlabor, einen Raum für Lesen, Schreiben, Rechnen, ein Labor für naturwissenschaftliche Versuche und ganz oben noch Arbeitsraum und Bibliothek, die derzeit von den Prüfgruppen in Beschlag genommen ist.

Abschluss als Projekt

„Abschluss ist bei uns auch ein Projekt“, erklärt Sarah Alexi. Zurzeit bereiten sich acht Schüler für den Ersten Schulabschluss und acht für den Mittleren Abschluss vor. Seit 2012 haben 59 den ersten und 17 den mittleren Abschluss gemacht, die Zahlen hat sie herausgesucht. Die meisten machen also schon einen Abschluss. Aber es ist eine externe Prüfung, die nicht die ganze Schulzeit dominiert. Schon in Jahrgang acht nehmen die Schüler am „Kermit“-Test der Schulbehörde teil. „Wir liegen etwa gleichauf mit den Stadtteilschulen“, sagt Alexi.

Einige gehen danach auf eine Stadtteilschule und machen dort Abitur, andere wählen andere Wege oder bleiben auch noch, so wie Lilly und Corvin. Sie wollen jetzt den mittleren Abschluss machen. Danach plant Corvin zwei Praktika, um mit 18 ins Ausland zu gehen. „Ich will rausfinden, was mich wirklich interessiert“, sagt er. Er war schon öfter in Uni-Seminaren für Lehramtsstudenten dabei. „Die konnten nicht sagen, warum sie Lehrer werden wollen. Das fand ich erschreckend.“

An der Neuen Schule ist das anders. Hier stehen auch die Mitarbeiter einmal im Jahr neu zur Wahl. Stimmberechtigt sind alle 85 Schüler, die beiden Schulgründer und die 13 Mitarbeiter. „Ich bin letztes Mal mit sieben Gegenstimmen gewählt worden“, erzählt Leiterin Alexi. Ein paar gaben das Feedback, dass sie zu viel auf einmal macht. „Damit konnte ich was anfangen.“

Die Schule sei gefragt. Für sieben freie Plätze in neuen Anfängerjahr gibt es 15 Bewerbungen. Die Kleinen machen auch eine Probezeit mit: Jede Woche gibt es ein Feedback, nach zwei Wochen entscheidet die Schulversammlung, ob das Kind aufgenommen wird.

Zum Schluss eine Führung durchs Haus: Der Schultag ist zu Ende, es wuselt auf den Gängen. Ein Kind, das abgeholt wird, wird von einem anderen per Lautsprecher ausgerufen, Kleine sitzen bei Großen auf dem Schoß. Im Souterrain ist der Essraum weihnachtlich geschmückt. Im Getränkeregal steht Mondquelle-Wasser.

*Name geändert

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