Kommentar Diesel-Fahrverbote

Eine letzte Chance für die Politik

Die Bundesregierung könnte nach dem Urteil ihre Versäumnisse ausbessern. Doch viel deutet nicht darauf hin, dass sie dazugelernt hat.

zwei Autos rasen am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig vorbei

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ist die Politik in der Pflicht Foto: reuters

Die Sieger stehen nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts eindeutig fest: Neben der Deutschen Umwelthilfe, die für ihren langen juristischen Kampf gegen giftige Abgase Dank und Anerkennung verdient, sind es vor allem die Menschen in den deutschen Innenstädten. Ihr Recht, saubere Luft zu atmen, darf künftig nicht mehr ignoriert werden. Es zählt im Zweifel mehr als der Wunsch von Diesel-BesitzerInnen, mit ihrem Auto jederzeit an jeden Ort zu fahren.

Weniger eindeutig ist die Frage, wer zu den Verlierern gehört. Klar ist, dass die Politik auf allen Ebenen mit ihrer Strategie gescheitert ist, das Problem der überhöhten Stickoxid-Werte durch Nichts-Tun einfach auszusitzen. Doch wer am Ende die Konsequenzen aus dieser Untätigkeit tragen wird, ist noch offen.

Denn dass es wirklich in großem Stil zu ­Fahrverboten kommt, ist nach der Entscheidung aus Leipzig keineswegs sicher. Unter Verweis auf die Verhältnismäßigkeit haben die Richter für neuere Fahrzeuge eine Übergangsfrist ­eingeräumt. Diese könnte die Politik nutzen, um endlich eine wirksame Nachrüstung der dreckigen Diesel-­Motoren durchzusetzen – natürlich auf Kosten der Hersteller, die das Problem mit voller Absicht und teils mit krimineller Energie verursacht haben. Darauf hatte die Bundesregierung mit Rücksicht auf die Konzerne bisher verzichtet, obwohl sie technisch problemlos möglich ist. Um saubere von dreckigen Autos unterscheiden zu können, ist zudem eine Kennzeichnung durch eine neue Plakette unabdingbar. Auch diese hat die Bundesregierung bisher verweigert.

Wenn sie in diesen beiden Fragen umdenkt, könnte die Regierung ihre bisherigen krassen Versäumnisse zumindest teilweise wieder gutmachen. Auf diese Weise ließe sich doch noch verhindern, dass am Ende die Diesel-KäuferInnen, die auf die Angaben der Hersteller vertraut haben, für die Fehler von Konzernen und Politik büßen müssen.

Zum Glück keine Zweifel mehr

Die ersten Äußerungen des amtierenden CSU-Verkehrsministers Christian Schmidt deuten leider nicht darauf hin, dass die Bundesregierung ihre Lektion gelernt hat. Und wenn es dabei bleiben sollte, trägt sie die Verantwortung für die Fahrverbote.

Denn wenn die Politik nicht sehr schnell handelt, werden diese im nächsten Jahr kommen – daran gibt es nach dem Urteil aus Leipzig zum Glück keinen Zweifel mehr.

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Jahrgang 1971, ist Korrespondent für Wirtschaft und Umwelt im Parlamentsbüro der taz. Er hat in Göttingen und Berkeley Biologie, Politik und Englisch studiert, sich dabei umweltpolitisch und globalisierungskritisch engagiert und später bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel volontiert.   Im April 2014 ist sein Buch "Das Strompreis-Komplott" erschienen, das Lügen und Vorurteile rund um die Energiewende widerlegt. Es ist für 7 Euro im Buchhandel und im taz-Shop erhältlich.

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