Bernward Janzing über die die Internationale Energieagentur

Vorsätzlich verpennt

Alljährlich dasselbe Spielchen: Die Internationale Energieagentur (IEA) veröffentlicht ihren „World Energy Outlook“. Damit nimmt sie für sich in Anspruch, fundierte mittel- und langfristige Prognosen der globalen Energiezukunft abzugeben – und scheitert mit frappierender Regelmäßigkeit. Vor allem beim Solarstrom lagen die Zahlen stets eklatant daneben. Nur ein Beispiel von vielen: Im Bericht von 2015 sagte sie voraus, dass es noch fünf Jahre dauern werde, bis die Welt in der Summe 400 Gigawatt Photovoltaik installiert hat. Doch die Welt brauchte für diesen Schritt gerade zwei Jahre.

Längst stellt sich die Frage nach dem Grund der fortwährenden Fehlgriffe. Ist es schlichtes Unwissen? Oder ist es der Versuch, die Erneuerbaren klein zu halten, in dem man sie vorsätzlich kleinrechnet? Vermutlich kommt beides zusammen.

Um der IEA eines zugutezuhalten: Die mögliche Dynamik der erneuerbaren Energien wurde in den vergangenen Jahrzehnten selbst von deren Unterstützern verkannt. Zum Beispiel unterschätzte auch Greenpeace in einer Studie in den Neunzigern die Entwicklung der Windkraft. So gesehen kann man es auch einer Internationalen Energieagentur nicht verdenken, wenn sie die Energiewende mal zu mutlos voraussagt.

Wer jedoch jedes Jahr aufs Neue eine Entwicklung verpennt, dem vertraut keiner mehr. Vor allem muss man ihm Strategie unterstellen. Die IEA setzt offenbar auf eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Wer den Regierenden der Welt immer wieder vorrechnet, wie marginal die Fortschritte der Erneuerbaren sein werden, der beeinflusst politische Entscheidungen und verhindert so Investitionen in diesem Sektor.

Aber diese Strategie verfängt inzwischen immer weniger. In Zeiten, in denen Strom aus Sonnenlicht und Windkraft längst billiger ist als jener aus neuen Kohle- und Atomkraftwerken, sind die Erneuerbaren nicht mehr zu stoppen. Will die IEA ihre Glaubwürdigkeit zurück, wird sie das anerkennen müssen.

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