Demo in Berlin gegen Arbeitszwang

Arbeit ist Verrat – am Proletariat

Ernst und ironisch: Hunderte demonstrierten am Mittwoch in Prenzlauer Berg gegen den Zwang zur Lohnarbeit und für mehr Muße.

Enstspannte Menschen auf einer Demonstration

Gehet hin und tuet Muße! Foto: Christian Mang

BERLIN taz | „Wenn wir mehr als fünfzig sind, brauchen wir nicht auf dem Bürgersteig latschen“, dieser etwas defensive Mobilisierungspost des Schriftstellers und Musikers Konrad Endler auf Facebook hat offenkundig seine Wirkung getan. Schon am Startpunkt der „machtvollen“ [Veranstalterzitat] Demonstration zum Internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen am Senefelder Platz hatten sich laut Zählung der Polizei 140 Menschen eingefunden.

Gegen den Zwang zur Lohnarbeit, sinnlose Produkte, für mehr Müßiggang und Freizeit wollen sie zum 14. Mal durch den Prenzlauer Berg ziehen: einmal hin zu den „Schön, Schöner, Schönhauser Allee Arkaden“ [Veranstalterzitat] und wieder zurück.

Zum Auftakt begrüßt Ahne, wie Endler Schriftsteller aus dem Berliner Lesebühnenumfeld, die TeilnehmerInnen aufs Allerherzlichste. Gefolgt wird die Routenerläuterung vom ersten Punkt des umfangreichen Kulturprogramms. Das antikapitalistische Jodelduo „Esels Alptraum“ singt von der wirklichen Freiheit: „Kein Gott, kein Staat, kein Mietvertrag!“ Und dann geht es los. Auf (!) die Schwedter Straße, wie es sich gehört.

Auf dem Weg steht das Mikrofon jenen, die sich vorher angemeldet haben, in guter Lesebühnentradition für Redebeiträge offen. Kommen diese von szenefremden TeilnehmerInnen, verliert sich die Ironie ein wenig und der auch von den VeranstalterInnen sehr ernst gemeinte Hintergrund der Veranstaltung wird selbst für zufällige Passanten schnell deutlich. So kritisiert beispielsweise eine Vertreterin der Erwerbsloseninitiative Neukölln unter Applaus die Gängeleien der Jobcenter. Diese Demo ist keine Marotte von ein paar Künstlern, war sie nie.

Grundeinkommen, und zwar bedingungslos

2005 hatten die Schriftsteller erstmals dazu aufgerufen, gegen den allgegenwärtigen Arbeitsfetisch auf die Straße zu gehen. Das bedingungslose Grundeinkommen war ihnen schon lange vor der aktuellen Popularisierung ein dringendes Anliegen. Was sie vom „solidarischen Grundeinkommen“ halten, das Berlins Regierender Bürgermeister Müller als wiederum an bestimmte Tätigkeiten gebundene Alternative ins Spiel gebracht hat? Ahne winkt ab: „Wir haben ihn gefragt, was daran solidarisch sein soll, aber keine Antwort erhalten. Wahrscheinlich hat er Wichtigeres zu tun. Arbeiten vielleicht. Nein, nichts ist daran solidarisch!“

An den „Schön, Schöner, Schönhauser Allee Arkaden“ angekommen, ertönt aus Hunderten, ach was, Tausenden Kehlen das „Gebet gegen die Arbeit“. Dieses Vater Unser der Bewegung hat der 2007 verstorbene Performance-Künstler Michael Stein der Welt vererbt. Je mehr es sprechen, umso größer seine Wirkung, so zumindest die Theorie. Aber wie viele Protestierende waren denn nun wirklich da? Ahne schaut auf den begleitenden Polizeibeamten: „Na, was haben Sie denn gezählt?“ „200 mindestens“, antwortet der. Darauf Ahne: „Also höchstens 100! Wir sind ja stolz darauf, als einzige Demo in Berlin niedrigere Angaben als die Polizei zu machen“, und fügt nach kurzem Nachdenken hinzu: „Okay, mit Polizisten 5.000.“

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