BERNHARD PÖTTER über KINDER

Kinder in die Wahlkabinen?

Wer das Wahlrecht für Kinder fordert, wird sein blaues Wunder erleben. Eine Testwahl am Küchentisch

„Tut mir leid, Gerhard, aber die Wahl ist gelaufen. Das Altpapierorakel hat gesprochen“, denke ich. Verzweifelt wühle ich im Stapel mit taz und Tagesspiegel der letzten Wochen, um ein Foto des Bundeskanzlers zu finden. Es gibt aber keines. Merkel, Lafontaine, Fischer, Stoiber, Westerwelle – alle kein Problem. Schröder dagegen gibt’s nur einmal, und das auch noch von hinten. Wenn das kein Omen ist.

Schließlich, ganz unten, doch noch ein grinsender Gerd. Der Familienwahlausschuss kann sich also doch konstituieren. Denn heute wird bei uns gewählt. Alle drohen mit dem Kinderwahlrecht. Wir machen Ernst.

Es folgt: Parteien zur Bundestagswahl. Für den Inhalt der Sendung sind die politischen Parteien selbst verantwortlich. Ich halte am Küchentisch ein Bild von Merkel hoch. Warum soll man die wählen? Dazu präsentiere ich Jonas, Tina und Stan den Kommentar von Opa, dem eingefleischten CDU-Wähler: „Damit mal eine Frau sagt, wo es langgeht.“ Schröder wird mit den Worten des einzigen Genossen unter meinen Freunden angepriesen: „Weil die SPD will, dass der Staat dafür sorgt, dass Arme und Reiche die gleichen Rechte haben.“ Ein Bild der grünen Führungsriege und mein Kommentar: „Sorgen für die Umwelt und setzen sich für Frieden ein.“

Ein Porträt von Lafontaine und die Beschreibung des Genossen, einem potenziell abtrünnigen Grünen: „Weil die Linkspartei will, dass auch arme Leute normal leben können.“ Und schließlich preise ich Westerwelle mit den Worten eines FDP-Wählers, den ich nach langem Suchen in meinem extrem erweiterten Bekanntenkreis aufgetrieben habe: „Damit ein Umschwung möglich wird.“ Große Augen bei den Kindern ob dieser Argumente.

Jetzt wird gewählt. Auf den Zettel habe ich die fünf Parteien geschrieben. Jonas hat noch Fragen: „Muss ich Bush wählen?“ – „Stehen da auch die Nazis auf dem Wahlzettel?“ und „Die Grünen gibt’s nicht mehr, oder? Das ist doch jetzt Rot-Grün.“

Das Beste an der Wahl: Sie ist geheim. Jonas ruft „Ich gehe in die Wahlkabine“ und verschwindet in der Rumpelkammer. Tina flüchtet auf den Balkon, damit niemand sieht, wo sie ihr Kreuz macht. Nur Stan sitzt am Tisch und kennt mit seinen 20 Monaten nur noch Deutsche und keine Parteien mehr: Sein Kreuz reicht einmal von oben bis unten, nach rechts und links und wieder nach oben.

Dann verkündet der Familienwahlleiter das Ergebnis: 66 Prozent für die Grünen, 33 Prozent gleichmäßig auf alle verteilt. Eine repräsentative Blitzumfrage zeigt, dass die Grünen gewählt wurden, „weil sie für die Umwelt sind und die Armen mehr Geld kriegen“ (Jonas) oder „weiß nicht, warum“ (Tina).

Das Endergebnis ist aber nur vorläufig endgültig. Denn beide Kinder schreien sofort: „Oooch, können wir nicht noch mal wählen?“ Also gut, one (wo)man, two votes. Stimmzettel malen, austeilen, heimlich ausfüllen. Ergebnis: 100 Prozent der abgegebenen Stimmen für die SPD.

Aber halt! Anfechtung der Wahl! „Das gilt nicht!“, ruft Jonas. „Da muss die NPD mit draufstehen.“ Ich beuge mich dem Souverän. Dritter Wahlgang. Mit NPD, den „neuen Nazis“, wie Jonas sagt. Stan hat sein Stimmrecht aufgegeben und haut lieber mit dem Kugelschreiber Kerben in den Küchentisch. Der dritte und entscheidende Wahlgang bringt schließlich ein Patt, wie es patter nicht geht: Genau 50 Prozent für die Linkspartei und 50 Prozent für die FDP.

Doch bevor weitere Wahlgänge unser Vaterland endgültig in den Abgrund treiben, putscht sich das Ancien Régime wieder an Macht. „Schluss mit der Wahl“, rufe ich, „einpacken, wir müssen los.“ Das Volk zerstreut sich, wie üblich, unter Gemurre. Sind sie nicht manipulierbar wie die Kinder und wechselwählerisch wie die Ossis? Wer wie Paul Kirchhof das Kinderwahlrecht will, der wird sein blaues Wunder erleben. Zum Beispiel die Rückkehr des Avantgarde-Anspruchs einer Partei, der mit dem wohlverdienten Ende der SED eigentlich begraben sein sollte: „Wenn es Parteien für rechts und links gibt“, fragt Jonas, „warum dann nicht für hinten und vorn?“

Fotohinweis: BERNHARD PÖTTER KINDER Fragen zur Wahl? kolumne@taz.de Morgen: Bettina Gaus über FERNSEHEN