daumenkino

11:14

In diesem Film ist noch keine Minute vergangen, da liegt schon der erste Tote auf dem Asphalt. Man kennt diese Horrorfilme, wo nichtsahnende Opfer in ein Gebäude eingesperrt werden, das sich nach und nach als ebenso monströse wie raffiniert ertüftelte mechanische Falle ohne Ausweg herausstellt, deren Konstruktionsprinzip ein Psychopath erträumt hat. Nach „11:14“ weiß man: Es gibt bei weitem perfidere Situationen. Zumindest aus Sicht des durchschnittlichen amerikanischen Teenagers, der gezwungen ist, in einem verschlafenen kleinen Nest am Rande des Highways aufzuwachsen: Ein Entkommen gibt es von dort genauso wenig wie aus einem Psychopathen-Haus. Jeder Fluchtversuch endet in einer Bremsspur.

Wie in einem überdrehten Uhrwerk rattern die Ereignisse in dieser Nacht ab, mit fataler Präzision verbindet Regisseur und Drehbuchautor Greg Marcks die Handlungsfäden und Schauplätze: eine Tankstelle, eine Autobahnbrücke, einen Friedhof, die leeren Straßen der Innenstadt. Unaufmerksamkeit am Steuer ist der Auslöser einer ganzen Kette von unglücklichen Kollisionen in dieser intelligenten, rabenschwarzen Komödie, die fünf verschiedene Perspektiven solange miteinander verwickelt, bis zwei Leichen, eine Bowlingkugel, ein missglückter Raubüberfall und ein abgerissener Körperteil auf der Strecke bleiben. Der Film scheint angetreten, die Gültigkeit von Murphys Gesetz zu beweisen: Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es auch schief gehen, und zwar noch um einiges gründlicher.

Das Erzählprinzip der rückwärts aufgedröselten Handlung erinnert an den Amnesie-Thriller „Memento“ und erweist sich als der größte Spannungsfaktor. Bis zum Schluss hält der Film überraschende Wendungen parat, und wer im Zuschauersaal nicht höllisch aufpasst, wird die entscheidenden Drehs verpassen. Warum dieses fulminante Filmdebüt von 2003 nie in den US-Kinos anlaufen durfte und selbst auf dem Videomarkt erst mit einiger Verspätung gelandet ist, muss ein Rätsel bleiben. Immerhin hatte der Regiestudent Marcks mit seiner Idee eine ganze Reihe von achtbaren Schauspielern überzeugen können, allen voran die schon damals (für „Boys Don’t Cry“) oscargekrönte Hilary Swank als hinterwäldlerische, tappsige Tankstellenaushilfe. Auch Patrick Swayzee überrascht angenehm als rührig verfetteter Vater, der vor lauter Fürsorge für seine Tochter über Leichen geht.

Wenn auch mit Verspätung hat dieses filmische Independent-Juwel über die endlosen Möglichkeiten, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein, wenigstens hierzulande endlich einen Verleih gefunden.

DIETMAR KAMMERER

„11:14“. Regie: Greg Marcks. Mit Hilary Swank, Colin Hanks, Patrick Swayze. USA/Kanada 2003, 86 Min.