„Mutter nennt mich Häufchen“

Die Macher im Off (1): Karsten Rodemann aka Graf Haufen betreibt das legendäre Kreuzberger Videodrom. Davor war er New-Wave-Tape-Musiker, Galerist und Konzeptkünstler. Bis heute verwaltet er mit einer gewissen Zwanghaftigkeit obskures Wissen

Haufen. Der Mann nennt sich Haufen. Graf Haufen, um präzise zu sein. Auf der vor kurzem veröffentlichten Platte „Kontinuität der Befindlichkeiten“, die nochmals Tape-Aufnahmen des Grafen aus den frühen Achtzigern auf Vinyl versammelt, sind noch ganz andere Pseudonyme verzeichnet: Porno-Graf, Geländeterror, Vorprogrammierte Zwangsneurose, Potenzstörung 81. Das Erstaunliche daran ist, dass der Junge, der sich damals derartige Namen ausgedacht hat, nicht älter als 14 Jahre alt war. Andere Projekte von Haufen liefen unter Akas wie Pädagogische Hochschule, Mathias Prahlhans, C. ASSETTENREKORDER und Falx Cerebri, was sich so schrieb: FâLX cèrêbRi. Gut, das waren die Achtzigerjahre, das fand man lustig damals.

Eigentlich heißt Haufen Karsten Rodemann. Doch unter diesem Namen kennt ihn einfach mal gar niemand. Sogar seine Eltern haben sich inzwischen umgestellt: „Meine Mutter nennt mich Häufchen“, sagt er. Wie er zu seinem Namen kam, weiß er auch noch: Als er damals seine ersten Tapes mit Hilfe einiger Synthies einspielte, fehlte ihm noch ein passender Name. Der sollte aus Lustigkeitsgründen den Slogan „Die Tapes von XY muss man kaufen“ ergänzen. Der Reim „Haufen“-„kaufen“ saß und war schräg genug. Lange ist das alles her.

Pendeln zwischen Videodrom und der halbironischen Idylle seiner Wohnung

Damals war Haufen Teil der Berliner New-Wave-Szene. Auf seinem eigenen Label veröffentlichte er erste Tapes der Tödlichen Doris und von Soylent Green, aus denen später die Ärzte hervorgingen. Die Zeit der Graf-Haufen-Tapes ist vorbei. Selber Musik macht er längst nicht mehr, seine eigenen Sachen heute wieder zu hören, finde er mehr als seltsam, sagt er, vor allem mit seinem Gesang tue er sich schwer.

So wie er sich selbst ständig gehäutet und immer wieder neu mit Dingen obsessiv beschäftigt hat, ist sein Musikgeschmack heute ein ganz anderer als damals. Ende der Achtziger begann er sich für Acid und frühen Techno zu interessieren, hat seine New-Wave- und Industrialsammlung abgestoßen, ein Kapitel beendet, um sich ausschließlich und intensiv der neuen elektronischen Tanzmusik widmen zu können. Halbe Sachen gibt es bei Haufen nicht. Bis vor kurzem betrieb er mit dem „Raw“ einen kleinen Techno-Plattenladen in der Zossener Straße in Kreuzberg, der nach sieben Jahren Betrieb am Ende aber einfach nicht mehr lief.

Die Hauptbeschäftigung Haufens ist jedoch eine ganz andere: Filme. Zusammen mit seiner Partnerin und ein paar Mitarbeitern betreibt er das Videodrom, Berlins, nein: mindestens Deutschlands beste Videothek. Im Videodrom gibt es alles, was man sich als Filmfreund nur wünschen mag. Nichts ist dem Laden zu obskur oder abseitig. Was jemals irgendwo und irgendwann gekurbelt wurde und filmerisch einigermaßen interessant ist, soll nach Möglichkeit auch im Videodrom entleihbar sein – egal ob es sich dabei um Splatter aus Japan, das Gesamtwerk von Godard oder von Louis De Funès handelt. „Es gibt beispielsweise auch in Ägypten ein klassisches Kino, das hierzulande komplett unbekannt ist. Das will ich im Laden anbieten, egal, ob diese Filme dann nur einmal im Jahr ausgeliehen werden“, sagt Haufen. Er habe da einen Absolutheitsanspruch, einen Drang zum Perfektionismus, er sei da „compulsive“ – zwanghaft. Dass er sich irgendetwas gegenüber „compulsive“ verhalte, sagt er eigentlich andauernd.

Zum Videodrom kam Haufen Mitte der Achtziger. Damals war er noch Stammkunde der Videothek, die von Anfang an auf Kunstfilme, Musikvideos, Originalfassungen und Weltkino ausgerichtet war. Haufen wollte aber Splatter- und extreme Horrorfilme und fragte andauernd, ob man nicht auch diese oder jene Fassung von diesem oder jenem Film habe, da sie eine ungeschnittene Szene mehr enthalte. Irgendwann habe es denen vom Videodrom gereicht: Sie hätten gesagt „Mach’s doch besser!“ und ihm einen Job angeboten. Später hat Haufen den Laden dann ganz übernommen. Ende der Achtziger gründeten er und ein paar andere das auf abseitige Filme spezialisierte Filmmagazin Splatting Image, das es immer noch gibt. Haufen hat mit dem Magazin allerdings nichts mehr zu tun. Zombiefilme, Horror – auch das ist für ihn längst gegessen. „Ich ertrage es nicht mehr, zum zehnten Mal dieselbe Story zu sehen: Junge fällt in den Säuretopf und mutiert zum Superhelden.“

Haufen ist überhaupt mit dem Genre-Kino durch, auch mit dem Mainstreamkino. Ihn interessiere nur noch „komplexes Kino, das irgendwo aneckt und weh tut“. Dabei wollte er früher ein ganzes Buch über auch meist eher unterkomplexe Frauengefängnisfilme schreiben, er war ein „compulsive fan“ dieses Genres. Doch nachdem er sämtliche Filme durch hatte, musste er fest stellen, dass das Potenzial von Frauengefängnisfilmen recht begrenzt ist: „Es geht eigentlich immer um dasselbe: Frauen landen im Gefängnis und werden von einer lesbischen Wärterin gequält.“ Für diese Genreanalyse brauchte es kein ganzes Buch.

Es gibt jedoch ein ganz anderes Buch von Haufen: „Neoism.Now“, ein 1987 auf dem Commodore C64 zusammengeschriebenes Werk über die Avantgarde-Kunstbewegung Neoismus. „Haben wollte das damals niemand, 100 Stück habe ich von dem Buch drucken lassen, 60 davon verkauft.“ Haufen, so erfährt man auch in dem Reader „Neoismus“ von Oliver Marchart, war in den Achtzigern einer der führenden Vertreter des Neoismus in Deutschland. Diese Kunst-Antikunst-Bewegung ging aus dem Fluxus der Sechzigerjahre und dem Situationismus hervor und versuchte, sich durch mannigfaltige Verwirrstrategien permanent dem Kulturbetrieb zu entziehen. Bis heute gibt es keine endgültige Definition, was Neoismus genau ist, jeder kann sich Neoist nennen und eine eigene Bedeutung erfinden. Typische Aktionen waren Kunststreiks, bizarre Bodyart-Performances sowie das strategische Verbreiten von Gerüchten und Unwahrheiten.

Haufen betrieb damals eine Galerie, „Artcore“, die, wie er meint, erste Wohnraumgalerie in Berlin überhaupt. Er beschäftigte sich mit Mail-Art und Konzeptkunst und versuchte, Teile seines Körpers zu verkaufen, Speichel oder Sperma zum Beispiel. Ein Set Fußnägel ist er auch tatsächlich losgeworden: Für 25 Mark kaufte das „Museum für moderne Kunst“ in Wedel die abgeschnittenen Nägel, die Haufen „des Odeurs wegen“ in Plastikfolie eingeschweißt hatte.

„Mein Leben ist eine Performance, mein Körper ein Kunstwerk“, darum sei es ihm damals gegangen, rein als Konzept. In der Kunst von heute, bei Flatz oder Marina Abramovich, wird dieses Konzept immer noch marktwirksam fortgeführt. Für Haufen allerdings hatte es sich, nachdem er von 1987 bis 1989 seine zweite Galerie „Paranorm“ in der Lützowstraße betrieben hatte, gehabt mit der Kunst: „Seit 1990 bin ich im Art Strike“, sagt er, findet aber auch, dass fünfzehn Jahre Streik vielleicht langsam reichen.

Er hat sich selbst stängig gehäutet und obsessiv mit neuen Dingen beschäftigt

Auf den Fotos, die Haufen herausgekramt, lebt das alte Berlin der Achtzigerjahre wieder auf. Man war eingeschlossen in dieser Stadt, also richtete man seine Aggressionen nicht nach außen, sondern gegen sich selbst. Zerstörung, Destruktion, verschwende deine Jugend. Die Fotos zeigen den jungen Haufen bei einer rituellen Bartrasuraktion, man sieht sein Klo, komplett bestempelt, und eine Kotzlache im Wohnzimmer als Installation in einer Ausstellung, in der es um „Riechkunst“ ging. Dann Haufen beim Action-Painting – Senf, Rotkohl, Ketchup, Nelkenöl auf Leinwand: „Das Bild hing nachher zwei Wochen lang in einem Plattenladen, hat angefangen zu schimmeln und entsetzlich zu stinken. Die in dem Laden mussten unheimlich leiden.“

All das sind Zeugnisse einer ganz anderen Zeit. Dass Haufen Grenzerfahrungen und Extreme gesucht hat wie kaum ein anderer, merkt man ihm heute überhaupt nicht mehr an. „Haufen ist mit sich im Reinen“, sagt seine Lebensgefährtin. So wirkt er auch. Er erschlägt einen beinahe mit seiner Freundlichkeit und seinem Mitteilungsdrang und wirkt wie das genaue Gegenteil eines Cheffreaks. Er scheint gemütlicher geworden zu sein. Um den Küchentisch streichen ein paar Katzen, an den Wänden hängen Bilder mit röhrenden Hirschen und Rehkitzlein. Das Leben des Graf Haufen pendelt heute zwischen Videodrom und dieser wohl nur halbironischen Idylle einer Kreuzberger Wohnung.

Ein Verwalter des obskuren Wissens ist er allerdings immer noch, und auch hier ist er absolut perfektionistisch. Als er seinen Beitrag für das Magazin Zeitschrift für alles des Künstlers Dieter Roth heraussuchen möchte – von damals, 1987 –, findet er ihn nicht. Er hat vergessen, unter welchem Name er damals firmierte, was ihn sichtbar fertig macht. Schockiert ist er auch darüber, dass er nicht weiß, wer der DJ James T. Cotton ist, der eben erst das alte Haufen-Stück „Milzbrand“ in einen Online-Mix eingebaut hat. Cotton gehört zum Label Ghostly, einem der angesagtesten Technolabels derzeit. Das hätte er einfach wissen müssen. Deswegen checkt Haufen nun alles von Cotton und Ghostly – da bleibt er total compulsive.