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Für ihre Tochter kämpfte Luciana Alpi gegen staatliche Heuchelei

Foto: Contrasto/laif

Der 20. März 1994 veränderte Luciana Alpis Leben für immer. An jenem Tag wurde ihre Tochter Ilaria, eine 32-jährige TV-Journalistin des italienischen Staatssenders RAI, gemeinsam mit ihrem Kameramann Milan Hrovatin in der somalischen Hauptstadt Mogadischu auf offener Straße erschossen. Ein somalisches Kommando habe die beiden entführen wollen. Dies war die Version, die sich die italienischen Behörden schnell zu eigen machten. Auch Italiens Justiz spielte mit: 2002 wurde in letzter Instanz der Somalier Omar Hashi Hassan aufgrund von Aussagen mehrerer Landsleute zu 26 Jahren Haft verurteilt.

Luciana Alpi wollte diese für den italienischen Staat sehr bequeme Theorie von der gescheiterten Entführung nicht glauben. Sie wusste: Ihre Tochter war an einer hochbrisanten Geschichte dran, als sie ermordet wurde. An einer Geschichte über Müll und Waffen, in der womöglich auch italienische Behörden, beginnend bei den Geheimdiensten, eine Rolle spielten.

Und während Italien den angeblichen Täter wegsperrte, erhob Alpi gemeinsam mit ihrem Mann Giorgio – er verstarb im Jahr 2010 – ihre Stimme, wann immer sie konnte. Sie sei „angeekelt von dieser Justiz“, derentwegen „ein somalischer Milizionär im Gefängnis verschwindet, obwohl er unschuldig ist“. Wer an der Wahrheit interessiert sei, müsse die Ermittlungen wieder aufnehmen: „Ein unsichtbares Band verbindet den Tod meiner Tochter mit den Giftschiffen, mit dem Giftmüll, der von Italien aus nach Somalia auf Reisen ging. Das ist durch Dokumente belegt genauso wie durch Aussagen von Kronzeugen. Und doch hat keiner den Mut, die Schuldigen auf die Anklagebank zu setzen.“ Die Entsorgung jenes Giftmülls sei, so Ilarias Mutter, mit Geldzahlungen und Waffenlieferungen an somalische Warlords bezahlt worden.

Zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse wurden eingesetzt, jahrelang ermittelten die Staatsanwälte, um Licht in den mysteriösen Tod Ilaria Alpis und Miran Hrovatins zu bringen. Doch der Wille zur Aufklärung hielt sich in engen Grenzen. So erklärte der Vorsitzende des ersten Untersuchungsausschusses, ein Politiker aus dem Berlusconi-Lager, Ilaria Alpi habe sich in Mogadischu „auf Urlaub“ befunden, brisante Recherchen schieden damit als Mordmotiv aus.

Beharrlich focht Luciana Alpi gegen diese Vertuschungsversuche. „Ilaria ist immer in meinem Leben präsent“, sagte sie, „mir fehlen ihr Lachen, ihre Geschichten, ihre Küsse. Solange ich lebe, werde ich die Frage nach den Auftraggebern ihres Mords stellen, denn Ilaria und Miran wurden hingerichtet.“

2016 endlich erfolgt eine erste Wende, der angebliche Mörder wird freigesprochen und auf freien Fuß gesetzt. Doch ein Jahr darauf verlangt die Staatsanwaltschaft Rom die Einstellung aller weiteren Ermittlungen. Luciana Alpi erklärte verbittert, sie wolle in Zukunft nicht mehr an Gedenkveranstaltungen zu Ehren ihrer Tochter teilnehmen, die pure Heuchelei darstellten. Am Dienstag starb sie im Alter von 85 Jahren. Michael Braun