Hier kommt die Frau, die alles abräumt

FREESTYLE Mit „Karizma“ hat Sara Gmuer einen rasanten HipHop-Roman erzählt – genauso rasant wie das Leben der Autorin

VON JENS UTHOFF

Sara Gmuer ist in eine Decke eingewickelt. Sie ist leicht erkältet, sieht „noch bisschen fertig“ aus, wie sie sagt. Ihrer Stimme merkt man das nicht an. Eine angenehme Stimme. Nicht zu laut, nicht zu leise, nicht zu schrill, nicht zu bieder. Eine Stimme, die man morgens gern im Radio hören möchte. Und die einem zu harmlos erscheint, wenn man das Buch gelesen hat, das die geschrieben hat, der diese Stimme gehört.

Irgendwann aber platzt es doch aus ihr heraus. Es geht um die HipHop-Szene. Ihre Szene. Sie legt einen kleinen Freestyle-Rap hin: „Bei all diese kleinen Jungs, die daherkommen, und die sagen: Ich fick alles, ich fick deine Mutter, da denk ich mir: Du fickst gar nichts! Da muss endlich mal ’ne krasse Frau daherkommen. Und wenn die sagt, sie fickt alles, dann fickt sie auch alles.“

Gmuer hat eine solche Figur geschaffen: eine starke, rappende Frau. Karizma heißt sie und ist Protagonistin ihres gleichnamigen Romans. Es ist der Debütroman der 32-jährigen Schweizerin, die seit 2007 in Friedrichshain lebt. „Karizma“ liest sich wie ein Rap-Roman mit Punk-Attitüde. Aus der Hauptfigur spricht nicht selten ein dicker Mittelfinger, den diese ihrem Umfeld entgegenstreckt. Einem Umfeld, das sie nicht versteht. Das sie nirgends versteht.

„Karizma“ liest sich wie ein Rap-Roman mit Punk-Attitüde. Aus der Hauptfigur spricht nicht selten ein dicker Mittelfinger, den diese ihrem Umfeld entgegenstreckt

Man könnte sagen, die Romanautorin Gmuer hat das alles durch. Die Zeit der Mittelfinger müsste bei ihr vorbei sein. Die Tessinerin hat in der Tat schon einige Phasen durchlebt. Dorfblage. Ausreißerin. Punkmädchen. Schulabbrecherin. Schauspielerin. Model. Nun Autorin. Was bei manchen für zwei Leben reicht, hat Gmuer mit Anfang dreißig hinter sich. Karizma erzählt von diesen Welten.

Aufgewachsen ist Gmuer in Amden. Amden ist ein kleines Bergdorf an der schweizerisch-italienischen Grenze. Kanton St. Gallen. Wenige hundert Einwohner. Die Frauen haben im Brunnen ihre Wäsche gewaschen, erzählt Gmuer. Ihre Schulklasse bestand aus ihr und zwei anderen Kindern. Eine Heterotopie.

Dort blieb Gmuer nur so lange, bis sie als kleine Dreadlockpunkerin rumzog und Europa bereiste. Später wohnte sie in Zürich und in Luzern – „eigentlich ’ne langweilige Stadt, aber da kann man auch Action machen.“ Die Action suchte sie jetzt immer mehr in der HipHop-Szene. „Ich habe nie ernstzunehmend, aber sehr gern gerappt“, sagt sie. Gmuer spricht es etwas vokalloser: „grappt.“ Wie in ihrem Namen ja auch ein Vokal zu fehlen scheint. „In Amden heißt jeder Zweite so“, sagt sie, „der Ursprung ist ‚Gemeuer‘.“

Noch in der Schweiz hat sie die Schauspielschule absolviert, und kam nach Modelei und Schauspielerei vor fünf Jahren nach Berlin. „Berlin hat diese Ausstrahlung, die einem sagt: Du kannst alles schaffen.“ Komisch, bei ihr klingt das nicht wie eine Plattitüde. Hier angekommen, hat sie als Schauspielerin in Serien und als Werbemodel gearbeitet. Autos, Waschmittel, Drinks. Und seit Kurzem wohnt die Schweizerin, die vorher fast immer allein gelebt hat, mit ihrem Freund zusammen. „Berlin ist zwar meine Homebase“, sagt sie, die Spontaneität der jungen Tramperin aber hat sie sich bewahrt: „Ein Kumpel kann anrufen und sagen: Komm wir gehen wo-auch-immer-hin, und ich käme mit.“

Karizma hätte etwas Ähnliches sagen können. Auch Karizma weiß nicht so recht, wo es sie hinziehen wird. Sie wird zum Rap-Star, nachdem ihr Freund Said, selbst erfolgreicher HipHopper, auf einer Tournee in den Wellen des Mittelmeers spurlos verschwindet. Die Protagonistin verarbeitet den Verlust mit eigenen Rap-Lyrics. Karizma, die eigentlich Victoria heißt, ist aber wohl nicht zufällig vorher auch Model. Gmuer würde den Text dennoch nicht vorschnell als autobiografisch bezeichnen. „Ich müsste mal googeln, wie man Autobiografie exakt definiert“, sagt sie, „hinterher würd ich mir vorkommen, als würde ich lügen, weil nix von dem passiert ist – gar nix.“

Für die Protagonistin ist Schreiben „wie Xbox 360 spielen“, ihr Herz schlägt 94 bpm. Dieses Tempo hat auch der Roman. Er ist in dem Slang geschrieben, der in der Szene gesprochen wird. Gmuer lässt etwa gern Artikel aus. Es kann mal „bisschen stressig“ werden, die Leute checken’s nicht, oder es geht nicht klar. Die Autorin umschifft dabei sehr elegant die Peinlichkeit – ohne Scheiß, um mit Karizma zu sprechen. Das liegt mit an den starken Charakteren, die sie entwickelt hat, besser: an einem starken weiblichen Charakter.

„Die HipHop-Szene ist sehr männlich dominiert“, sagt Gmuer, „und ich hab immer gedacht: Es braucht ’ne Frau, die alles abräumt“, sagt sie. Bei aller Kraft, die die Protagonistin aus dem HipHop zieht, spielt immer auch Skepsis und Unbehagen gegenüber der HipHop-Welt hinein.

Karizma, vor wenigen Monaten im Freiburger Orange-Press-Verlag erschienen, wurde von der Kritik überaus gut aufgenommen. Die Frau, die hier im Neuköllner Café sitzt, in der Decke eingewickelt, freut das. Nach allem, was man über sie weiß, wird sie noch viel, viel mehr zu erzählen haben.

■ Sara Gmuer: „Karizma“. Orange-Press-Verlag. 219 Seiten. 16,90 Euro