Schwierigkeiten, ich zu sagen

Notizbuch: Hinweise auf Anke Stelling und die aktuelle Ausgabe der „metamorphosen“

Die Schriftstellerin Anke Stelling hat gerade eben in einem kämpferischen Text die politischen Gehalte des Ich-Sagens in der Literatur verteidigt : „was [soll] sonst das Politische in der Literatur sein […], wenn nicht die Verheißung, endlich zum Subjekt zu werden, die Macht zu übernehmen, die Deutungshoheit innezuhaben!“ (Junge Welt, 16. 6.) Stelling bringt diesen Gedanken in Stellung gegen die Widerstände im Literaturbetrieb, mit denen das Ich-Sagen zu kämpfen hat: die Schamgrenzen, die Frauenliteratur-Zuschreibungen, die überholte Ansicht, das sei doch bloß subjektiv und so weiter.

Es ist sehr interessant, sich von Anke Stellings Ansatz ausgehend die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift metamorphosen anzusehen. Es ist dem Thema „Journal“ gewidmet und bringt Tagebuchauszüge von David Wagner, Oliver Heidkamp, René Kemp und anderen, die oft zugleich über das Schreiben von Tagebüchern nachdenken. Es ist ja keineswegs leicht, ich zu sagen. Gerade in den intimsten Momenten kann man sich verfehlen. Vor allem ist das Ich auch nichts Festes; kaum glaubt man, etwas über sein Ich zu wissen, ist es längst wieder woanders. Dennoch, dass man den Kern des Literarischen eher im Pochen eines Ichs findet als in der Aktualität von Themen, das sollte man mit Anke Stelling festhalten.

Joachim Bessings eröffnender Tagebucheintrag bringt dazu gute Stichwörter: Peter Handke, Ernst Jünger, Arno Schmidts Satz „Ein Tablett glitzernder Snapshots – das bin ich.“ Ein Lehrer hatte Joachim Bessing als Schüler geraten, ein Tagebuch zu führen, um sich vom „Schleim des Alltäglichen zu befreien“. Die schöne Erfahrung, die Bessing dann aber später macht, läuft eher darauf hinaus, das Alltägliche schreibend mit Sinn aufzuladen.

Apropos: Marc Degens kommt kurz auf Michael Rutschky zu sprechen. Der dritte Band von dessen Tagebüchern wird im Frühjahr 2019 postum im Berenberg Verlag erscheinen. drk