heute in hamburg

„Geschlagen von einem SS-Mann“

Nicole Mettbach, 44, arbeitet derzeit im Büromanagement der Rom und Cinti Union.

Interview Alexander Diehl

taz: Frau Mettbach, wann haben Sie sich das erste Mal mit Ihrer Familiengeschichte beschäftigt – und warum?

Nicole Mettbach: Das wird vor einem Jahr gewesen sein. Hintergrund war, dass das Familiengrab, in dem meine Urgroßeltern und Großeltern bestattet worden sind, verlängert werden musste. Und ich hörte von anderen Sinti, dass die Wiedergutmachungsstelle die Gebühren für diese Verlängerung übernehme – wenn man nachweist, dass es sich um NS-verfolgte Personen handelt. Da habe ich mich zum ersten Mal im Staatsarchiv mit diesen Wiedergutmachungsakten befasst.

Wie wurde denn in Ihrer Familie darüber gesprochen?

Nicht immer offen: Als kleines Mädchen wurde ich öfter mal vor die Tür geschickt, weil meine Großeltern weinten, zum Beispiel. Meine Oma war auf einem Ohr taub, und irgendwann habe ich sie gefragt: „Mamie, warum kannst du eigentlich nicht so gut hören?“ Und sie sagte: „Ich wurde von einem SS-Mann so doll geschlagen, weil ich meinen kleinen Bruder verteidigt habe.“ Auch die eintätowierte Nummer war bei meiner Oma sichtbar. Mein Opa hat seine immer hinter einem Cover-up versteckt, einer anderen Tätowierung: Sie habe ihn als „Zigeuner“ gekennzeichnet, oder zumindest als Verfolgten.

Wie leicht sind Ihnen die Nachforschungen gemacht worden?

Das Staatsarchiv war mit seinem Material irgendwann erschöpft. Die Leute dort haben mir aber sehr geholfen. Unterschiedliche Erfahrungen habe ich mit den KZ-Gedenkstätten gemacht: Da gibt es welche, die mir alle möglichen Informationen geschickt haben; andere nur das, was ich sowieso im Internet finden konnte. Es ist wichtig, diese Geschichte aufzuarbeiten. Das alles darf nicht vergessen werden.

Weiß man heute mehr über die Menschen, die damals deportiert und ermordet wurden?

Gespräch „Auf Spurensuche. Recherchen in der eigenen Familie zu verfolgten und deportierten Sinti“ mit Beate Köhler und Nicole Mettbach: 19.30 Uhr, Ökumenisches Forum Hafencity, Shanghaiallee 12, Eintritt frei

Mittlerweile ist es nicht mehr nur so eine Masse. Mittlerweile haben wir all die Namen am Hannoverschen Bahnhof

… in der heutigen Hafencity: Dort fuhren die Deportationszüge los, woran nun auch erinnert wird.

Jedes Opfer hat einen Namen bekommen. Das ist sehr wichtig. Wer trauern und seiner Angehörigen gedenken möchte, kann das dort tun. Ein Großonkel von mir wurde in Neuengamme erschlagen – ich wusste lange nicht, dass es diesen Menschen überhaupt gab.