Keine ominöse Masse

Weil Krankenversicherungen vielen zu groß und undurchsichtig sind, haben kleine, regional organisierte Solidargemeinschaften immer mehr Zulauf

Bremen | taz ■ | Urban Vogel kennt sie alle, die Mitglieder der Krankenversicherung Samarita. 30 Menschen sind es in Bremen. Und viel mehr sollen es auch nicht werden, findet Geschäftsführer Vogel – „der Überschaubarkeit wegen“. Denn die 1997 gegründete Samarita versteht sich nicht als klassische Versicherung, sondern als Solidargemeinschaft. „Bei uns muss jeder den anderen noch wahrnehmen können“, betont Vogel. „Nur so kann gegenseitiges Vertrauen entstehen.“ Und wer sich vertraut, der steht auch füreinander ein, so der Grundgedanke.

Ein „Sparmodell“ ist die Samarita jedoch nicht, betont der 39-jährige Geschäftsführer Urban Vogel: Jedes Mitglied zahlt einen Beitrag, der sich an den gesetzlichen Krankenversicherungen orientiert. Festgelegte Sätze kennt die Samarita jedoch nicht: „Wir streben eine Selbsteinschätzung an“, so Vogel.

Die Hälfte der eingezahlten Gelder fließt auf ein „Individualkonto“, über das jedes Mitglied frei verfügen kann. Die andere Hälfte kommt in den „Solidarfonds“, aus dem Krankenhausaufenthalte, Operationen und Kuren bezahlt werden sollen – maximal 5.200 Euro stehen dafür jährlich zur Verfügung. Und für noch höhere Kosten hat sich die Samarita bislang noch bei einem konventionellen Anbieter versichert.

Welche Therapien im Krankheitsfall angewendet werden, darüber soll in erster Linie die Kranken selbst entscheiden: Völlige Therapiefreiheit ist das erklärte Ziel der Samarita. Das gilt insbesondere für Naturheilverfahren oder die antroposophische Medizin. Dennoch gibt es einen „Finanzrat“, der entscheidet, welche Kosten von der Gemeinschaft erstattet werden und welche nicht. Und nicht immer soll die Hilfe finanziell sein.

Einmal im Vierteljahr kommt die Bremer Regionalgruppe zusammen, über neue MitgliederInnen befindet ein Aufnahmebeirat. „Natürlich können wir nicht alle Alten und Kranken aufnehmen“, betont Vogel, der sein Geld als Finanzdienstleister verdient. Auch die Solidargemeinschaft müsse schließlich „wirtschaftlich gesund“ bleiben. Dennoch habe man bislang niemanden abgelehnt – manche Anträge jedoch „zurück gestellt“.

Über mangelnden Zulauf kann sich Vogel nicht beklagen: In den vergangenen drei Monaten sind in Norddeutschland drei neue Regionalgruppen der Samarita aus der Taufe gehoben worden – in Kiel, Hamburg und Berlin. Für Vogel ist dies ein Zeichen der Zeit: „Wir haben es hier mit einer Gegenbewegung zur Krankenversicherung zu tun.“

Uwe Mädger geht das nicht weit genug. Der Tai Chi- und Qi Gong-Lehrer ist eines von rund 25 meist selbstständigen Mitgliedern der Artabana in Bremen. Die versteht sich ebenfalls als Solidargemeinschaft, ist anders als die Samarita aber selbst verwaltet. „Eigentlich bin ich Anarchist“, sagt Mädger. Entsprechend hart fällt sein Urteil über die „ominöse Masse“ Krankenkasse und deren „protzige Glasbauten“ aus. Er versteht sich als „System-Oppositionellen“. Doch es geht um mehr: „Wir stellen auch den Umgang mit der Krankheit als solcher in Frage“, betont Mädger: „Wollen die Menschen bestärken, sich selbst zu heilen“.

1987 gegründet, hat die aus der Schweiz stammende Artabana bundesweit rund 1.000 MitgliederInnen und seit rund dreieinhalb Jahren auch eine Regionalgruppe in Bremen. Und wer neu dazukommen will, muss die Zustimmung aller anderen auf sich vereinigen. Auch ansonsten wird das Konsensprinzip in der Bremer Regionalgruppe hochgehalten, schließlich diskutiert die Solidargemeinschaft auf den allmonatlichen Treffen jeden Hilfsantrag. Doch abgelehnt würde niemand, sagt Mädger, auch hier wird die völlige Therapiefreiheit groß geschrieben. Allenfalls würden „Bedenken“ vorgetragen. Und billiger kommt Mädger die Artabana allemal: Heute zahlt er 50 Euro pro Monat ein. „ Im Moment verbrauche ich nichts.“