Trutzburg mit Karamell

Studierende haben Fakten, Dokumente und Fotos zur Historie des Hochbunkers an der Hans-Böckler-Straße zusammengetragen. Die Ergebnisse präsentiert eine Ausstellung

Ruine des Diakonissenhauses – der Bunker ist im Hintergrund. Nach Luftangriffen im August 1944 zogen PatientInnen und Personal vollständig in den Bunker Foto: Kulturhaus Walle/Brodelpott

Von Jens Fischer

Einzigartig, dieses markante Ungetüm. Kein normierter Betonquader, sondern großflächig gegliedert ist die Fassade, für das Motto des evangelischen Kirchentags 2009, „Mensch, wo bist du?“, noch mit Figuren verziert, dazu Türmchen und Zinnen als Krönung: Der Hochbunker an der Hans-Böckler-Straße ist Bremens einzige Burg. Eine echte Trutzburg. Denn in den Debatten um die künftige Nutzung als Club und soziokulturelles Zentrum werden fehlende Parkplätze, über Nachbargrundstücke marodierende Besucher und Techno-Lärm thematisiert.

„Aber kaum jemand wurde jemals eingelassen oder weiß etwas über das schwierige Erbe des riesigen Zeitzeugen der Nazi-Zeit“, sagt Historikerin Sonja Kinzler. Und will das ändern – im Auftrag des Zucker-Netzwerks als potenziellem Bunker-Käufer. Es möchte die Historie des Ortes in einer Dauerausstellung sichtbar machen, die in die zweite von acht Bunker­etagen einziehen soll.

Ein paar Tausend Euro wurden bereits akquiriert und Kinzler für die wissenschaftliche Grundlagenarbeit engagiert, die dafür ein zwei­semestriges Geschichtsseminar an der Bremer Uni organisierte. Was die Studierenden an Fakten, historischen Dokumenten und Fotos im Staatsarchiv, Kulturhaus Walle und in den Chroniken der Bremer Diakonie recherchiert haben, wird jetzt auf sechs Lichttischen präsentiert.

Auch eine Hörstation mit eingesprochenen Zeitzeugentexten ist installiert. HfK-Studierende inszenieren den Raum mit Licht, Objekten und Wanddesign. Beispielsweise wird eine Fläche des unverputzten Betonmassivs mit karamelisiertem Zucker eingestrichen: ablecken erlaubt. Da der Waller Bunker sich der Kulturnutzung noch trutzig verweigert, findet die Ausstellung erst mal im Kulturbunker statt.

Zu erfahren ist, dass Bremen von der Wehrmacht aufgrund des kriegswichtigen Hafens und der Rüstungsindustrie als Luftschutzort 1. Ordnung eingestuft war, sodass 1940 nach den ersten Luftangriffen der Royal Air Force das „Führersofortprogramm“ wirklich sofort gestartet und tonnenweise Beton angemischt wurde.

„Von den 171 in Bremen gebauten Bunkern stehen heute noch 150“, sagt Kinzler. Der in Walle firmiere unter dem Namen „BK6“ – er sei einer von sechs Exemplaren für Bremens Krankenhäuser gewesen, die auch bei Luftalarmen und Bombardierungen weiterarbeiten sollten.

Eben auch das Diakonissenhaus. Das 1961 in Gröpelingen neu eröffnete Hospital befand sich zuvor in einem backsteinschmucken Gebäudekomplex an der Nordstraße 106, wo der BK6 entstand. „Da die Bremer Männer zumeist im Krieg waren, wurden von der Oldenburger Firma Windschild und Langelott auch Zwangsarbeiter für den Bau beschäftigt, die kein Recht hatten, bei Fliegerangriffen in Bunkern Schutz zu suchen“, so Kinzler.

Auf die Thematik verweisen soll ein Löffel: arrangiert in einer Minivitrine. Er wurde von Archäologen an der Grambker Grönlandstraße ausgegraben, wo einst ein Lager für polnische Zwangsarbeiter stand. Wie das Objekt mit der Gravur „Evangelisches Diakonissenhaus Bremen“ dorthin gekommen ist, werfe Frage auf, so Kinzler, die noch unbeantwortet seien.

Nach den Bombenangriffen am 18./19. August 1944 lag das alte Diako – wie ganz Walle und das Hafenrevier – in Schutt und Asche. Auf einem Foto ist nur überwucherter Schutt zu sehen. Nur der BK6 trotzt dem Wahnsinn der Zeit. Bis 1950 wurde er als Krankenhaus genutzt, auf dem Dach fanden Andachten der Diakonissen statt, da ihre Kirche nicht mehr existierte.

„In den 1960er-Jahren wurden alle Klinikerinnerungen getilgt und das Gebäude zum Atomschutzbunker umgebaut“, so Kinzler. Nun hieß er „F97“ und bot Raum für etwa 1.500 Menschen. „Seit den 1990er-Jahren steht er komplett leer, aber nirgendwo liegen Ratten herum, es ist sauber und alles voll in Schuss“, berichtet Kinzler.

Und nun? „Ich meine, man kann nicht nur wilden Wein daran pflanzen oder ein schönes Bild darauf malen.“ Bunker als Mahnmal des Kriegs museal nutzen, sprengen, zur Gewerbeimmobilie umwidmen, darin wohnen oder Musik proben? Die Studierenden sind während der Öffnungszeiten vor Ort, leiten Führungen und animieren, über Nutzungskonzepte und konkret über das ausgelegte von Zucker e. V. nachzudenken, dem Beirat, Senat und Wirtschaftsdeputation bereits zugestimmt haben, um der Trutzburg kulturelles Leben abzutrotzen.