Der Hausbesuch

Sie lebt mit dem #Hashtag

Es gibt viele Wege, sich einzumischen. Bettina Böck hat einen für sich gefunden. Sie kommentiert die Welt auf Instagram, Twitter und Facebook.

Eine Frau sitzt schief in einem Rollstuhl in ihrer Küche

Bettina Boeck in ihrer Küche Foto: Thomas Dashuber

Als ihre Zwillingsschwester geboren war, wusste nicht mal ihre Mutter, dass da noch ein zweites Baby raus will. Sie schaffte es, aber der Sauerstoffmangel war groß. Das war 1968. Fünfzig Jahre später ist Bettina Böck vor allem virtuell mobil.

Draußen: München-Schwabing, gleich am Wedekind-Platz. Am frühen Sonntagnachmittag rollen langsam drei BMWs mit Rallyestreifen durch die Feilitzschstraße. Unten im Occam Deli wird Bio-Omelett mit Quinoa und Granatapfelkernen serviert. Oben in der dritten Etage wartet Bettina Böck. Wer zu ihr möchte, drückt nach dem Klingeln die schwere Haustür mit dem als B gestalteten Türgriff auf – Vater Böck hat es einst für sein Haus anfertigen lassen. Vorbei am im Hof geparkten Elektrorollstuhl gleitet der Lift langsam hinauf. Hinter der Wohnungstür bellt Hündin Tali dem Gast entgegen.

Das Schild vor der Brust: Bettina Böck freut sich über den Besuch. Sie sitzt leicht verkrümmt in ihrem Rollstuhl und fängt sofort an zu erzählen. Sie sieht toll aus: schwarz gekleidet von Kopf bis Fuß, um den Hals an einer Kordel das iPhone und vor der Brust das Objekt einer irischen Schmuckkünstlerin: schillernde Reflektoren, eingenäht in winzige schwarze Netze. „Ich wollte immer ein Schild vor der Brust, vor dem Herzen“, sagt sie. Ihre Schwester habe ihr die Kette zum 50. Geburtstag geschenkt.

Die Familie: Angelika, die Schwester, und sie sind Siebenmonatskinder. Bei der Geburt, 1968 war das und auch Ultraschalluntersuchungen für werdende Mütter nicht vorgesehen. „Die Geli war die Erste.“ Niemand, nicht einmal die Mutter wusste, dass da noch ein Baby hinaus wollte in die Welt. Dass die nachkommende Bettina dabei einen Sauerstoffmangel erlitten hatte, wurde erst ein Jahr später erkannt. „Ich bin ja immer froh, dass es mich nicht am Kopf erwischt hat“, sagt sie und lacht.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Drinnen: Ihre Zweizimmerwohnung ist barrierefrei. Die Wohnküche ist mit Parkett ausgelegt. In der Ecke steht ein Sauerstoffgerät, Böck ist oft erschöpft in letzter Zeit. Sie hat Schmerzen, aber auch einen Schmerztherapeuten, von dem sie schwärmt. „Ich bin ja so schief“, erklärt sie, „meine ganzen Organe liegen nicht da, wo sie müssten.“ Vor dem Fenster steht ein unterfahrbarer Schreibtisch, daneben im Handregal Nachschlagewerke. Ihr Lieblingsbuch: Dornseiffs „Deutscher Wortschatz nach Wortgruppen“. In 20 Hauptabteilungen sind darin Begriffe „von der äußeren Natur und den allgemeinen Seinsbeziehungen zum Subjektiven, zum sozialen Bereich und der Kultur“ verschlagwortet. In der Zimmerecke hängt an einem großen Ficus eine spiegelnde rote Weihnachtskugel. Nebenan im Schlafzimmer steht ein breites Krankenbett vor gelb gestrichener Wand, auf dem Schränkchen daneben: Musikanlage, Pillendose, Wunddesinfektionsspray, Verbandzeug. An der Wand Edward Hoppers Bar-Gemälde „Nighthawks“.

Die Gefährtin: Pudeldame Tali wird ruhig, wenn sie gestreichelt wird. „Dieses Viech, was Besseres hätte ich gar nicht kriegen können“, sagt Böck. Sie hat Tali vor sechs Jahren von der Zirkusdirektorin Katharina Renz geholt. „Ich sehe gleich, dass Sie meinen Hund haben können“, hat die gesagt. Wenn Böck draußen unterwegs ist, läuft Tali neugierig umher. Die rote Leine braucht es nicht unbedingt, Böck spricht von einer „Herzleine“: Sie spürt, wenn Tali sich zu weit entfernt. Kommt so gut wie nie vor. Mit ihren vom kalkigen Münchner Boden vermatschten Pfoten setzt Tali sich gern zum Ausruhen auf Böcks in Spezialschuhen steckende Füße. Deshalb steht in der Ecke eine Schuhputzmaschine, wie man sie aus Hotelfluren kennt.

Ein schwarz-weißer Pudel liegt auf einem blauen Stück Stoff

Die Pudeldame Tali ist Bettina Boecks Gefährtin Foto: Thomas Dashuber

Die Kunst: Bettina Böck ist Mikrotexterin. „Ich bin ein Zwitter zwischen Autorin und Konzeptkünstlerin.“ Auf verschiedenen Kanälen – ihrem Instagram-, dem Twitter- und ihren zehn Facebook-Accounts – postet sie Fotos oder Screenshots anderer User und versieht sie mit Wörtern, Hashtags, kurzen Texten. Es sind Text-Irritation, rätselhafte Kombinationen: #echtfiction #dornseiff #bcfz. Den Personen, deren Fotos sie kopiert und dann versendet, schreibt sie eine kurze Botschaft: #tfl. Thanks for lending – Danke fürs Borgen. Das macht neugierig. Manche schreiben ihr dann, so kommt Böck in Kontakt mit Menschen im Internet.

Sichtbar sein: Erst in letzter Zeit ist sie dazu übergegangen, auch Fotos von sich zu posten: wie sie sich mit Tali in einer Schaufensterscheibe spiegelt; Stufen, die für sie unüberwindbar sind. Essen, gern Kuchen. „Mit dem Internet hat das Leben mir eine erzählerische Möglichkeit gegeben“, sagt sie. Und dass sie sich wohler fühlt, wenn das Netz zwischen ihr und ihren – mittlerweile tausenden Followern – ist.

Der Alltag: Morgens kommen „meine Leute“, um sie aus dem Bett zu holen und fertig für den Tag zu machen. Einige ihrer PflegerInnen sind FreundInnen geworden. Sie ist viel in Schwabing unterwegs, die Leute grüßen sie im Vorübergehen: „Servus, Bettina!“ Regelmäßig trifft sie sich gleich hier am Platz mit anderen zum Meditieren. „Hilft gut gegen die Schmerzen.“ Manchmal steht sie auch einfach nur rum.

Ein Rollstuhl steht vor eine Hauswand

Der Rollstuhl ist Bettina Boecks Gefährt Foto: Thomas Dashuber

Gestern: Tags zuvor war sie in Schumann’s Bar am Englischen Garten. Es war noch ganz leer. Der Wirt Charles Schumann („so prominent, aber auch so introvertiert“) ist zu ihr rübergekommen, hat ihr ein Glas hingestellt und gesagt: „Da, hasts was zum Trinken.“

Heute: Ihre tausend Facebook-Follower sehen nun eine von ihr mit dem iPhone fotografierte weinrote Tischdecke auf dem Gartentisch, hinten unscharf wenige Gäste. Bettina Böcks Mikrotext: „Eine gute #Bar, hervorragende #Cocktails, #Terasse mit #Parkblick. Fast könnte man meinen, es sei nicht zu Hause. Ist es auch nicht … #nichtjedesmal. Ein Glück, dass ich fast immer in #München bin, wo ich nicht jeden Stein kenne, nicht jeden Stock und alle Gerichte in sämtlichen Gasthäusern. Na, so viele sind es auch nicht. #HaltdasSchumanns #schumanns #bcfz #echtfiction #dornseiff #Hofgarten #münchen“. Warum dieser Text, Bettina? „Das sind bewegliche Collagen. Eigentlich interessiert mich nur die Satzstruktur. Ich lasse die anderen teilhaben, wie ich lerne.“ Zum Schreiben braucht sie viel Zeit, manchmal bis zu drei Stunden.

Die gestauchte Form: Ihre Texte sind gestaucht, ihr Körper ist gestaucht. Ist, was sie macht also lebendige Philosophie? Böck lacht. „Ach, Philosophie. Als intellektuell würde ich mich nicht bezeichnen, dafür weiß ich zu wenig.“

Die Zukunft: „Ich muss wahrscheinlich im Haus umziehen. Ich werde immer langsamer.“ Dann: „Ich habe nicht wirklich schlechte Laune, aber das nervt.“ Das Haus gehört zum Glück ihrer Familie. Um so erstaunlicher, dass Böck noch immer schwer keuchend zwei Stufen überwinden muss, um vom mechanischen in den elektrischen Rollstuhl zu kommen. Wer ihr dabei hilft, kapiert auf einen Schlag, wie unglaublich begrenzt ein Mensch ist, der ständig auf Hilfe angewiesen ist.

Wann ist sie glücklich? „Am schönsten ist es, auf dem Viktualienmarkt zu sitzen, zu ratschen, und der Hund liegt daneben.“

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