Der Inszenierer

Es gibt Menschen, die bleiben sich treu. In ihren Ansichten, ihrer Kleidung. Auch als er noch keinen Bauchansatz hatte, trug er schon diese weißen Hemden des Herstellers, der mit einem aufgestickten Golfspieler wirbt. Es sind die einzigen, die passen, ohne dass die Arme gekürzt werden müssen. Dreißig hat er davon im Schrank. 200 Tage im Jahr ist er unterwegs, da hat er keinen Bock, sich ständig zu überlegen, was passt. Weißes Hemd, Jeans, fertig. Oder das Krokodil aus Silber, das sich um den Ringfinger seiner linken Hand windet. Kein Statussymbol. Den Ring hat er vor vielen Jahren in Amerika gesehen, er gefiel ihm, seitdem gehört er zu ihm.

Volker Weicker ist einer der renommiertesten Liveregisseure Deutschlands, Professor für Live-Regie an der Kunsthochschule für Medien in Köln, zwei Goldene Löwen, Deutscher und Bayerischer Fernsehpreis, Grimme-Preis. Auszeichnungen für Sportregie, Formel 1, Vierschanzentournee, seine Bilder vom 11. September. Der 48-Jährige arbeitet für das öffentlich-rechtliche und das private Fernsehen, so gut wie alle Sender sind dabei: Champions League, Fußball-WM, Beach Volleyball, „Stern TV“, „Johannes B. Kerner“, „Der große Haustiertest“ ebenso wie Klassikkonzerte. Dieser Regisseur, der den Deutschen Fernsehpreis für einen Boxkampf bekam, der Liveübertragungen über alles liebt, ausgerechnet so einer führt Regie bei der wohl am stärksten reglementierten Inszenierung im deutschen Fernsehen: dem von vier Sendern übertragenen Duell zwischen Kanzler Gerhard Schröder und seiner Herausforderin Angela Merkel am kommenden Sonntag.

Dieser Kontrast entlockt dem Mann mit den leicht vernarbten Wangen, der zur Begrüßung mit einem „Hallo, Volker!“ und einem kräftigen Händedruck in der Tür steht, ein Grinsen. Sicher, das Kanzlerduell sei ein abstruses Regelwerk, das die Anzahl der Totalen, Halbtotalen und Schnitte genau festlegt. Dabei würde Freestyle genauso gut gehen, das Ergebnis wäre kein anderes. Weicker stutzt den Zweikampf, der so akribisch ausgehandelt wurde wie ein Atomwaffensperrvertrag, auf Normalmaß. „He, die kommen da rein, werden irgendwie geschminkt, haben was an, sagen was und gehen wieder, das machen die jeden Tag.“ Er weiß, dass nicht damit zu rechnen ist, dass einer der Kandidaten zur Demonstration eines Arguments vor das Pult springt. „Optisch passiert nichts, das muss man schon mal feststellen.“

Warum macht er den Dirigenten der zehn Kameras? Weicker legt die rechte Hand hinter den Kopf. Er sitzt an einem langen Esstisch, umgeben von acht alten Stühlen von einem Flohmarkt in den USA, darauf Rosen, zwei Flaschen Mirabellenschnaps, ein paar Magazine. „Ob Talk TV, Jauch, Jahresrückblick oder maßgeblich Sport, ich versuche immer, Spannung aufzubauen, keine gekünstelte.“ Weicker liebt es, besonders das zu zeigen, was er auf den zweiten Blick sieht. Verästelungen, Wege, Drähte. Auf diese Art schafft er Bilder, die das eigentliche Ereignis überdauern. So wie Franz Beckenbauer, wie er zur Fußball-WM 1990 über den Platz läuft oder 2002, wie Oliver Kahn nach dem Spiel gegen Japan am Tor sitzt. „Bilder, die in der Birne bleiben“, nennt er das.

Warum dann also dieses minutiös festgelegte Politikerduell? Ganz einfach. „Da stehen die zwei, die uns regieren wollen.“ Mit ihrer Gestik und Mimik, an der möglicherweise abzulesen ist, welche Ernsthaftigkeit hinter ihnen steckt. Da kann Weicker vielleicht zum Zug kommen. „Das Einzige, was die Leute am Ende des Tages interessiert, sind Emotionen.“

„Ob Jauch, Jahresrückblick oder Sport, ich versuche, Spannung aufzubauen, keine gekünstelte“„Das Einzige, was die Leute am Ende des Tages interessiert, sind Emotionen“

Weicker hat schon 2002 beim ersten Kanzlerduell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber Regie geführt. „Es wäre dümmlich, rumzukokettieren. Wenn die Leute glauben, ich kann das adäquat machen, klar hab ich mich da gefreut.“ Die Sender wissen, dass er gern unkonventionell ist. Weicker hat die Herausforderung gereizt, bei dem einzigartigen Fernsehformat dabei zu sein. „Man hat nicht gewusst, wie es sein wird, und vielleicht ein bisschen überschätzt, wie der Einfluss ist, den man nimmt.“ Es gab Absprachen und seine Zusage, „die Nummer, so wie sie ist, zu dokumentieren“. Punkt.

Beim zweiten Mal, nachdem sich die Chefredakteure auf ihn geeinigt hatten, willigte er nicht sofort ein. Für den 4. September war Beach Volleyball in Timmendorf geplant. Wegen ausbleibender Quoten wurde das abgesagt. Also hat er fürs Duell zugesagt. Und wird sich mit Nuancen begnügen, mit der Aussicht auf Momentaufnahmen in den Gesichtern der Kandidaten, wenn eine Frage gestellt wird. Für Weicker geht es darum, seinen Job im Übertragungswagen fehlerfrei zu machen. Denn zwei Sachen sind klar: „Shit happens.“ Und: Gibt es auch nur einen falschen Schnitt, ein unscharfes Bild, einen klitzekleinen Mikrofonausfall, dann brechen die Spekulationen darüber los, ob und wie das Wahlverhalten davon beeinflusst wird. Weicker bittet darum, seine Auswahl nicht überzubewerten. „Ich glaube, ich bin ein ordentlicher und guter Regisseur“, sagt er, „aber nicht in so einer Außenstellung, dass man an mir nicht vorbeikommt.“ Hier und da sei er in der Lage, „kleine Duftmarken zu setzen“. Es sei nun mal bekannt, dass ihm die Nerven nicht durchgehen, auch nicht in Extremsituationen. So wie beim Endspiel der letzten Fußball-Weltmeisterschaft, als das Mischpult ausfiel. Das Millionenpublikum hat nichts mitbekommen von dem bisher extremsten Moment in seiner Karriere. Es ist keine Show, die Weicker abzieht. Er ist cool. Warum, kann er nicht sagen.

Vielleicht liegt es an seinem Werdegang. Er war ein schlechter Schüler, hat sich schnell gelangweilt, an Mathe, Physik, Chemie, Biologie kein Interesse gehabt, „der Rest war in Ordnung.“ Am liebsten hat er in einem Multikultizentrum Platten aufgelegt und Fußball gespielt. Als er den Schauspieler und Regisseur Philipp Sonntag kennen lernte, der Anfang der 70er-Jahre die Kinderfernsehreihe „Das feuerrote Spielmobil“ gemacht hat, bot der ihm einen Job als Mädchen für alles bei einem Kurzfilm an. „Da war ich gedanklich in Hollywood!“

Der Kurzfilm war ein Glücksfall. Kameramann war Jörg Schmidt-Reitwein, Chefkameramann von Herbert Achternbusch. Schmidt-Reitwein fragte Weicker, ob er Lust habe, Assistent zu machen. „Klar,“ sagte Weicker. Dabei hatte er null Ahnung. Mit einer geliehenen Kamera übte er das Ein- und Auslegen von Filmen, „all den Fusselkrempel“. Er schrieb sich in Architektur ein, wechselte zur Fotografie. Immer wieder hatte er Filmjobs, zwischendurch auch eine eigene Disko, er entwarf Möbel in einem Designstudio, das in dem Haus untergebracht war, in dem er jetzt mit seiner Frau, einer Architektin, und seinem dreijährigen Sohn wohnt. Er machte Diplom, arbeitete für 3sat, bis er einen Anruf vom ZDF bekam, das jemanden in der Aufnahmeleitung suchte. So kam Weicker zum Fernsehen. Am liebsten wollte er sofort in die Regie.

Seit Jahren zählt er zu der Hand voll Großen im Geschäft. Weicker sagt, dass er noch nie irgendwo anrufen musste, um einen Job zu kriegen. Das könnte sich ändern. Zu seiner Überraschung gehört er nicht zu den für die Fußball-WM 2006 ausgewählten Regisseuren. Warum? Das ist so eine Art von verunsichernden Fragen, auf die er für das Kanzlerduell hofft. In Weickers Gesicht zeigt sich Erstaunen, ein Hauch von Ratlosigkeit. Könnte es an dem Ruf liegen, den er als eine Art Ombudsmann für die Kollegen hat? Weicker zeigt keine Regung. „Es ist noch ein Jahr Zeit“, sagt er gut gelaunt, „die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Erst einmal kommt das Kanzlerduell. Auch wenn Weicker weiß, dass so ein Zweikampf nicht wahlentscheidend ist. Dafür haben sich die Kandidaten schon zu oft geäußert. Weicker lacht. „Mit Rettungsring, Armflügeln und Paddeln. Die geben sich keine Blöße.“ Nur darauf hinzuweisen, was für schlechte Arbeit die anderen machen, ist ihm zu wenig. „Die Leute sind dessen überdrüssig, ich bin’s auch.“ Er erzählt, dass er mit dem der Schröder-Regierung nahe stehenden Rentenexperten Bert Rürup im selben Flugzeug gesessen hat. „Der sagte, da und da haben wir gut gearbeitet, da nicht. Das finde ich gut.“

Vorbilder in seinem Metier hat Weicker wenige. Da fällt ihm nur der schon verstorbene Regisseur Sascha Arnz ein, der „Wetten, dass …?“ erfunden und zwanzig Jahre lang gemacht hat. Bei Spielfilmen ist er Fan von Francis Ford Coppola, Woody Allen, Alfred Hitchcock und den frühen Filmen von Spielberg. Einer davon, in dem ein Tanklaster versucht, einen harmlosen Handlungsvertreter von der Landstraße zu drängen, heißt „Duell“. Die Spannung wird ins Unerträgliche getrieben, der Verfolger ist nicht eine Sekunde zu sehen. So spannend kann kein Zweikampf zwischen Politikern sein.