Kommentar Briefbomben in den USA

Auf dem Weg in die Sprachlosigkeit

Wie konnte die Feindseligkeit der politischen Lager in den USA so eskalieren? Alle Seiten sehen jemand anderen in der Verantwortung.

Donald Trump zeigt den Daumen nach oben, während er das Weiße Haus verlässt

Donald Trump machte die „endlose Feindseligkeit“ der US-Medien mitverantwortlich Foto: ap

Über die wirklichen Hintergründe der Briefbombenserie in den USA kann bislang nur spekuliert werden. Weder Täter noch Motiv sind bekannt. Nur die Reihe der PaketempfängerInnen weist darauf hin, dass da womöglich ein sehr überzeugter Anhänger des US-Präsidenten Donald Trump sich bastlerisch betätigt haben könnte.

Die Reaktionen in den USA sind so heftig wie erwartbar. Die Demokraten beschuldigen Trump, mit seiner aggressiven Rhetorik solche Gewaltakte recht direkt befördert zu haben. Der koffert zurück, die Medien sollten gefälligst aufhören, so viele Fake News zu verbreiten, man sehe ja, zu was das führe. Und das Ganze nur gut zehn Tage vor den Midterm Elections, die darüber entscheiden, ob Trump weiterhin über Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses verfügen wird.

Die Kultur des öffentlichen Diskurses ist zum Trauerspiel verkommen. Der Verfallsprozess ist nicht neu, hat allerdings unter Donald Trump an Fahrt aufgenommen. Nein, nicht einmal eine statistisch relevante Minderheit auch der Trump-Anhänger würde gern die politischen Gegner umbringen.

Wie bei den meisten Brief- oder Paketbombenserien in der Geschichte dürfte es sich auch diesmal um einen durchgeknallten Einzelnen handeln. Den allerdings gäbe es so nicht ohne eine ausgeprägte Lagerbildung, die den politisch Andersdenkenden nicht als Gegner betrachtet, sondern als Feind. Und dieses Denken fördert Trump tatsächlich mit fast jedem Tweet.

„Fakten sind langweilig, Verleumdungen spannender“

Bislang ist durch die Rohrbomben noch niemand zu Schaden gekommen – hoffentlich bleibt das so. Jetzt zu glauben, die verrohte Atmosphäre habe gar keine Opfer gefordert, ist aber falsch. Schwarze, Latinos, Linke, Antifas, Feministinnen, LGBTIQ – sie alle berichten schon seit Trumps Wahlsieg von zunehmenden Aggressionen, von immer mehr Übergriffen. Diese sind nur selten Gegenstand landesweiter oder gar internationaler Berichterstattung.

Das Problem ist, dass es unglaublich schwierig ist, in der politischen Debatte wieder auf Zimmerlautstärke zu kommen. Wer das versucht, wird zunächst einfach überhört. Also brüllen alle immer weiter, immer lauter, immer gemeiner, immer verleumderischer.

In diesem, und nur in diesem Punkt könnte Donald Trump mit seiner Medienschelte recht haben – obwohl er es gar nicht so meint: Ohne die Verstärker- und Lautsprecherfunktion der Medien hätten es Leute wie er niemals ins höchste politische Amt der USA geschafft. Fakten sind langweilig, Verleumdungen sind spannender. Wer liefern kann, dominiert die News.

Vergleicht man eine Trump-Rede mit einer Ansprache des Präsidenten und gelernten Hollywood-Schauspielers Ronald Reagan in den 1980er Jahren, klingt das wie der Unterschied zwischen einer sehr betrunkenen Karnevalsrede und einer Philosophie-Vorlesung. Der Diskurs ist nicht nur verroht, er ist auch unglaublich verblödet. Trump ist gleichzeitig Produkt und Beförderer dieser Veränderung. Am Ende dieses Prozesses steht die vollkommene Sprachlosigkeit. Und wer auch immer die Paketbomben verschickt hat: Er nimmt diesen Endzustand bereits vorweg.

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Jahrgang 1965, Nicaragua-Aktivist in den 80ern, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft. Seit ein paar Jahren engagiert auch in der Jury des taz-Panterpreises. Ist auf Facebook, befreundet sich aber mit niemandem, den er nicht persönlich kennt.

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