Sturmfest und erdverwachsen

Alice Ricciardi ist 95, aber ans Aufhören denkt die Psychotherapeutin noch längst nicht.Beim Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 hatte sie Material zur „Euthanasie“ im NS-Staat gesammelt – eine Pioniertat. Auf Hausbesuch in Italien

Spick-Aal will sie haben, Spick-Aal soll sie bekommen. Sie soll sich doch über den Besuch aus Deutschland freuen. Nur: Was ist Spick-Aal? Wir nehmen einfach alles an Aal mit, was die Fischtheke hergibt, packen es in Eis, hoffen auf das Beste – und: „Ah! Herrlich!“ Alice Ricciardi, gebürtige von Platen-Hallermund und also aus norddeutschem Adel, wollte ganz normalen Räucheraal. „Diese norddeutschen Spezialitäten, die bekommen Sie hier nicht.“

Sonst fehlt es der 95-Jährigen in ihrem toskanischen Bruchsteinhaus mit Zypressen ringsum und Froschgesang im Teich offensichtlich an kaum etwas – außer vielleicht noch an Zeit. Sie muss ihre Geburtstagsparty vorbereiten, zu der viele Gäste aus Deutschland und dem Rest Italiens anreisen. Schon wieder klingelt das tragbare Telefon in der Strickjackentasche, und wieder lobt sie jemanden mit dröhnend-dunkler Altfrauenstimme dafür, dass er sein Kommen ankündigt. Morgen werden Pappteller gekauft, ein Freund hilft dabei. Sie muss außerdem den nächsten Gruppenanalyse-Workshop in Österreich organisieren. Nicht zuletzt versucht sie gerade, die lokalen Gesundheitsbehörden der Toskana für ihre gruppenanalytischen Ideen zu gewinnen.

Neulich war sie wegen ihrem Knie – jetzt hat sie ein neues aus Plastik, kann mit den Krücken schon wieder ganz gut gehen – bei einer Arbeitsmedizinerin in der Kreisstadt. Als die hörte, dass Alice Ricciardi Psychiaterin ist und Gruppenanalyse macht, war sie wie elektrisiert, und das Knie spielte nur noch am Rande eine Rolle. „Da ist mir aufgefallen, wie interessant die Gruppenanalyse auch für die Arbeitsmedizin sein kann.“ Den Gedanken muss sie unbedingt weiter verfolgen.

In Einzeltherapien betreut Alice Ricciardi gegenwärtig drei Patienten je einmal die Woche. „Ich versuche, mir hier in Cortona eine neue Existenz aufzubauen.“ Vielleicht kommt ja demnächst genug Geld zusammen, dass sie sich einen Computer anschaffen kann. Warum sollte Alice Ricciardi ausgerechnet mit 95 Jahren aufhören zu arbeiten?

Sie langweilt sich schnell, und möglicherweise langweilen sie auch die Fragen nach dem Damals. Sie weiß natürlich, dass sie nicht wegen ihrer Ansichten zur Gruppenanalyse von Journalistinnen besucht wird. Sondern weil sie das erste Buch über die so genannte Euthanasie im Nationalsozialismus geschrieben hat: „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“, erschienen 1948.

Sie ist die letzte noch lebende Beobachterin des Nürnberger Ärzteprozesses, der im Oktober 1946 begann und im August 1947 mit sieben Todesurteilen, neun Haftstrafen, sieben Freisprüchen endete. Der Ärzteprozess war der erste der insgesamt zwölf so genannten Nachfolgeprozesse, die auf den Nürnberger Prozess gegen die „Hauptkriegsverbrecher“ des Dritten Reichs folgten.

Alice Ricciardi ist stolz und findet es richtig, dass ihr Band, schmal und dunkelblau, gerade wieder neu aufgelegt worden ist (Mabuse-Verlag, Frankfurt/Main 2005, 140 Seiten, 17,90 Euro). Auch eine italienische und eine französische – noch keine englische – Ausgabe gibt es inzwischen. Sehr klar und straff ist der Bericht, den die 37-jährige Ärztin anhand der Materialien aus dem Nürnberger Ärzteprozess und aus den hessischen Psychiatrien darüber anfertigte, wie und mit welchen Motiven die Nationalsozialisten deutsche Geisteskranke ermordeten.

Aber seit 1948 ist so viel geschehen. Eigentlich wünscht sie sich, nicht „nur über die Nazizeit zu reden“. Es wäre doch besser, die Dinge „einzubetten“, sagt sie. Also nicht nur nach dem Damals zu fragen, sondern nach der „Psychiatrie als Ganzes“. Was dieses Ganze sein könnte, lässt sie offen. Doch es steht ja in ihrem Buch: der Kampf gegen einen „reinen Biologismus“. Das biologistische Denken, das den kranken Menschen einem vermeintlichen Naturgesetz unterordnete und sein Leben als „lebensunwert“ darstellen ließ, weshalb er davon „erlöst“ werden sollte – das war nach Meinung der Autorin verantwortlich für die Euthanasie. „Es wird eine Aufgabe von Generationen sein, diese Auffassung des Geisteskranken und Kranken überhaupt durch eine andere zu ersetzen“, schrieb sie 1948.

„Wir hatten ja damals damit gerechnet, dass die Ärzteschaft sich interessieren würde. Es interessierte sich keiner. Erst in den Sechzigern fing das an, und von 1985 an bekam ich einen Sturm von Anfragen, wo mein Buch zu bekommen sei.“ Doch es war kaum auffindbar. Auch die heute so berühmte Dokumentation des Nürnberger Ärzteprozesses von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke, in der die Euthanasie nur eine Nebenrolle spielte, wurde erst nach vielen Jahren wirklich gelesen. Sie erschien 1947 unter dem Namen „Das Diktat der Menschenverachtung“, zwei Jahre später noch einmal als „Wissenschaft ohne Menschlichkeit“. Doch erst die Neuauflage 1960 unter dem Titel „Medizin ohne Menschlichkeit“ fand Verbreitung.

Mitscherlich, Mielke und von Platen-Hallermund waren von den westdeutschen Ärztekammern entsandt, den Nürnberger Ärzteprozess zu beobachten. Zunächst war gar niemand für diesen Job zu finden, und von den sechs Gesandten sprangen drei gleich zu Beginn wieder ab. Es war scheußlich im vollkommen zerstörten, trüb-kalten Nürnberg, untergebracht in einem „viertklassigen Hotel“, wie Alice Ricciardi sagt. Es hieß auch noch Am Schlachthof. „Nürnberg lag in Trümmern, nur der Weihnachtsmarkt funktionierte.“ Insgesamt waren „alle äußeren Umstände nicht so, dass die anderen mitmachen wollten“.

Nicht zuletzt war Mitscherlich jemand, der das Verhalten der deutschen Ärzteschaft nicht etwa zu rechtfertigen gewillt war, sondern unablässig von Schuld sprach, einer gigantischen, gemeinsamen Schuld. In dieser Haltung war Alice von Platen sich mit Mitscherlich einig. Doch ein gutes Verhältnis hatten die beiden nicht. „Naja“, sagt sie, „und Mielke war ein besonders Netter, aber Mitscherlich vollkommen ergeben.“

Mitscherlich passte es nicht, dass Alice von Platen sich mehr um die Euthanasie als um die Menschenversuche an Kriegs- und KZ-Gefangenen kümmerte. Was deutsche Nichtjuden anderen deutschen Nichtjuden angetan hatten, spielte vor dem US-Militärtribunal eine untergeordnete Rolle. Alice von Platen wollte versuchen, die Unmenschlichkeit der Nazi-Medizin zu erfassen, und schrieb deshalb einen analytischen Essay. Mitscherlich fühlte sich dem Auftrag zur Dokumentation und damit den Amerikanern verpflichtet, die schließlich die Teilnahme der kleinen deutschen Delegation überhaupt ermöglicht hatten.

„Und ich kontaminiere das dann mit diesen deutschen Sachen. Er fand es nicht richtig, dass ich die Dinge durcheinander brachte“, erklärt Alice Ricciardi – bemüht, am Ruhm Mitscherlichs nicht zu kratzen. „Ich aber wollte, dass die Deutschen zu Wort kommen, um zu zeigen, dass die Deutschen diese Dinge nicht den Amis überließen.“

Außerdem war Mitscherlich überhaupt nur an wenigen Verhandlungstagen da und stellte sie dann auch nie den Amerikanern vor. „Nur in der Kantine traf ich Menschen“ – Eugen Kogon, der als betroffener Zeuge zu den Fleckfieberexperimenten in Buchenwald aussagte und ihr später mit dem Buch half. Die überlebenden polnischen Ärztinnen, die von ihren Leiden berichteten. Die eine Sekretärin von der Militärbehörde, die von Platen – gegen die Vorschriften – zu einer echten amerikanischen Party mit freier amerikanischer Tanzart einlud: Es war sensationell, die Glieder unbefangen zur Musik zu bewegen!

Freundschaft zur strafenden Besatzungsmacht gab es deshalb noch lange nicht. „Es war so ein eiskalter Winter, auch unser Hotel war kalt. Aber die Amerikaner hatten alle Fenster offen und heizten drinnen. Muss das sein, haben sich da alle Deutschen gefragt und sich aufgeregt. Wo doch das Brennmaterial für alle so knapp war.“

Der Dokumentationsband von Mitscherlich und seinem Studenten Mielke wurde zunächst in einer für damalige Verhältnisse großen Auflage von 25.000 Stück gedruckt – und verschwand. Wie und wo genau, ist bis heute ungeklärt, doch die Ärztekammern müssen sie eingestampft haben. Nur wenige Dutzend Exemplare – manche schreiben: fünf Stück – sollen es in die Buchhandlungen geschafft haben.

Es ist eine sehr bittere Ironie der Medizinhistorie, dass ausgerechnet eine von Mitscherlich aufgrund ungenügender Daten gefällte Aussage dazu führte, dass die deutsche Ärzteschaft ihre nationalsozialistische Vergangenheit abwerfen und sich in den Weltärztebund aufnehmen lassen konnte. 350 Ärzte, schrieb Mitscherlich, seien SS-Ärzte gewesen oder hätten sich direkt an Menschenversuchen beteiligt und müssten also als NS-Verbrecher gelten.

Im Umkehrschluss wurde damals triumphierend verbreitet: Alle anderen hatten mit den Gräueltaten nichts zu tun. Und dies, nachdem kein anderer akademischer Stand sich so begeistert den Nazis angeschlossen hatte wie die Ärzte. 45 Prozent von ihnen waren in der NSDAP. Kein Berufsstand hat seine eigenen jüdischen Kollegen so konsequent diskriminiert und ausgeschaltet wie die Ärzte. Und kein akademischer Berufsstand hat den eigenen Unschuldsmythos derart erbittert verteidigt – bis in die 1990er-Jahre hinein.

Auch heute gibt es übrigens noch keine wissenschaftlich haltbare Zahl der medizinischen Täter – oder der Opfer, erklärt der Historiker Paul Weindling, der in Oxford über „Nazi medicine“ forscht. Er vermutet, dass Mitscherlichs berühmte Zahl „auch taktisch“ motiviert gewesen sein könnte: Mitscherlich hatte großes Aufklärungsinteresse, wurde jedoch von den westdeutschen Ärztekammern „unter Druck gesetzt“, so Weindling.

Alice von Platen-Hallermund arbeitete in einer Potsdamer Klinik, als die Massensterilisationen gemäß dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 anfingen. Einmal, erzählt sie, gab es eine kleine Gesangsveranstaltung. „Die mongoloiden Kinder sind ja so musikalisch.“ Der Chefarzt – keiner, der sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Entwürdigung seiner Patienten entgegenstellte – saß in der ersten, sie „vorsichtshalber“ in der zweiten Reihe. „Und was trug der kleine Chor vor – ausgerechnet das Niedersachsenlied! ‚Fest wie unsere Eichen halten alle Zeit wir stand, wenn Stürme brausen übers Deutsche Vaterland. Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, Heil Herzog Widukind Stamm‘.“ Gerade die zweifelnden jungen Ärzte waren von der grässlichen Komik der Situation erschüttert. „Wir haben damals gelacht. Man hätte ebenso gut weinen können.“

Das war nicht der Beruf, von dem die junge Adelige geträumt hatte. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr war sie in England aufgewachsen. Die von Platen-Hallermunds waren sehr anglophil, hielten es ganz hannoveranisch eher mit dem britischen Königshaus. Den Vornamen Alice spricht man auch englisch aus: Äliss. Der Vater verachtete das preußisch-wilhelminische Protzertum. „Kleine Leute groß geworden, nicht wahr.“

Alice von Platen-Hallermund kam auf das damals frisch gegründete Internat Schloss Salem, eine Reformschule zwar, doch mit Mängeln. Der Direktor Kurt Hahn war allzu deutschnational und gleichzeitig von dem Horror besessen, dass auf seiner schönen neuen Schule die Art Homosexualität Raum griffe, wie sie auf englischen Internaten angeblich zur Schulkultur gehörte. „Die Ehre, mein Junge, die Ehre“, war sein Leitmotiv. Die meisten Kinder waren ja ohnehin besterzogen und aus bestem Hause – mit Golo Mann war Alice von Platen befreundet. Doch „wilde Kinder wurden in einen kleinen Hof gesperrt“. So sollte es nicht sein. Von Platen wollte Kinderpsychiaterin werden.

Nichts aber wollte sie mit der speziellen Art der Fürsorge zu tun haben, die unter den Nationalsozialisten den Geisteskranken zuteil wurde. Als Adolf Hitler im Herbst 1939 auf seinem privaten Briefpapier den Erlass verfasste und auf das Datum des Kriegsbeginns, den 1. September, rückdatierte, der die „Euthanasie-Aktion“ einleitete, hatte Alice von Platen sich schon bei einem Skiurlaub nach Italien abgesetzt. Sie ließ sich dann als Landärztin in Österreich nieder – seit 1938 ebenfalls unter Nazimacht. Doch auf dem Land herrschte ein menschlicher, sozialer Katholizismus, in dem sie sich bis heute aufgehoben fühlt.

Nachdem sie mit Unterstützung Kogons ihr Buch herausgebracht hatte, das zwar in einer Auflage von 3.000 Stück gedruckt wurde, jedoch dann bis auf wenige Exemplare ebenso verschwand wie das Buch von Mitscherlich und Mielke und ebenso wenig Widerhall fand, ging sie nach England. „Ich wollte vergessen.“

In London machte sie eine psychoanalytische Nachbildung und stieg in die Gruppenanalyse ein. Die Idee, dass der Mensch sich als soziales Wesen, als Angehöriger einer Gruppe definiert und die klassische Psychoanalyse nach Sigmund Freud deshalb mindestens um diesen Aspekt erweitert werden müsse, faszinierte sie. Insgesamt ist ihr Verständnis von Psychologie undogmatisch: „Freud würde sich im Grabe drehen“, sagt sie kichernd.

In London war sie sehr zu Haus, mehr als die vielen deutschen Emigrantenanalytiker, die sich während des Nationalsozialismus vor allem im Nordwesten der Stadt, in Hampstead, gesammelt hatten. „Denen war ich suspekt mit meinem perfekten Englisch.“ Allerdings konnten sich die Deutschen kaum über mangelnde Kundschaft beklagen: „Viele Middleclass-Engländer sind gerne zu den Emigranten mit dem schlechten Englisch gegangen“, sagt sie. Vielleicht, weil gerade eine fehlerhafte, nicht ganz präzise Sprache für eine Analyse den notwendigen Interpretationsraum liefert. Aber auch, weil dort, wo sich Klassenzugehörigkeit an der Sprache beweist, Middleclass und Emigranten zusammengehören. „Ich dagegen mit meinem Upperclass English gehörte zu ‚them‘ – den anderen.“

Die Gardinen ihrer kleinen Londoner Praxis liegen jetzt, zu Überzügen umgenäht, auf ihrem Bett. Ihr Mann, der Journalist Augusto Ricciardi, ist vor einigen Jahren gestorben, der Sohn lebt in Bergisch Gladbach. Alice Ricciardi hat die Augen beim Reden oft geschlossen, und nicht jede Frage versteht sie – oder mag sie verstehen. Vielleicht ist sie davon doch nicht gelangweilt. Vielleicht ist es einfach schwer, sieben Jahrzehnte „Psychiatrie als Ganzes“ zu erklären, wenn aus dem Ganzen doch immer der Nürnberger Ärzteprozesses herausbricht und alles, was mit und nach ihm zu Tage trat.

Denn Alice Ricciardi kann nicht sagen, wie der Nürnberger Prozess ihre Arbeit geprägt oder verändert hat. Es geht nicht, „ein derartig einmaliges Geschehen ständig zu konfrontieren“, sagt sie. Wie die Tötungsbürokratie funktionierte, wie sich die Ärzte ihr angepasst und mitgemacht haben, „das ist etwas so Fremdes. Wahrscheinlich hat man unbewusst das Erlebnis verwenden können.“ Doch nicht so, dass sie es selbst sähe oder wüsste. „Wahrscheinlich habe ich es verdrängt.“