crime scene

Mit Furore zurück auf dem deutschen Buchmarkt:V. I. Warshawski

Es war hierzulande zuletzt sehr still geworden um V. I., genannt Vic, Warshawski. Obwohl Sara Paretsky, die ihre toughe Detektivin 1982 erstmals in den Nahkampf gegen das Verbrechen schickte, seitdem ziemlich regelmäßig so alle zwei Jahre einen neuen Thriller fertig hatte, verlor sie langsam, aber stetig ihr deutsches Publikum. Häufiger Verlagswechsel mag mit ein Grund gewesen sein (zwei Romane erschienen schließlich schon gar nicht mehr in deutscher Übersetzung); aber, ganz ehrlich, man konnte des immer wiederkehrenden, ewig gleichen Strickmusters allmählich auch einfach überdrüssig sein. Nun ist V. I. zurück und in neuer cooler Aufmachung in der Ariadne-Reihe des Argument Verlags angelandet. Ein echter Coup; denn Vics neuer Fall ist durchaus spektakulär zu nennen – nicht zuletzt deshalb, weil er von historischen Ereignissen inspiriert wurde.

Auf dem Anrufbeantworter von Vics Freundin Lotty in Chicago geht ein Hilferuf ein. Eine Frau, die Lotty einst als Jugendliche kannte, fleht verzweifelt um Hilfe. Lotty zuliebe fährt Vic hinaus aufs Land, wo sie auf einem heruntergekommenen Hof einen erschossenen Hund und eine übel zugerichtete männliche Leiche in einem Maisfeld findet. Der Weg von hier zu den Reichen und Mächtigen ist weit; und doch findet sich Vic alsbald abermals verstrickt in einen Fall, bei dem es darum geht, den Reichen zu nehmen, was sie gestohlen, und den Armen zu geben, was sie sich verdient haben.

Im Prinzip also alles wie immer, aber dieser Fall hat einen doppelten Boden, der historisch hergeleitet wird: Ein junger Mann ist verschwunden, ein hochbegabter Mathematiker und Computerspezialist. Er ist der Urenkel einer einst sehr angesehenen österreichischen Physikerin, die als Jüdin in der Nazizeit verfolgt wurde. Vic findet ein Bild von ihr in der verlassenen Farm – und bei einer spektakulär ekligen Durchsuchung der Chemiekloake hinter dem Farmhaus (das als Methlabor genutzt wurde) auch noch eine alte Kommode mit ein paar Dokumenten, die irgendwelche Berechnungen enthalten. Dass diese durchaus große Bedeutung haben, merkt die Detektivin erst, als ihr Auto aufgebrochen wird. Und das ist erst der Anfang.

Bei der Handlung des 500-Seiten-Schmökers kommt dann viel zusammen. Und wie so oft bei Paretsky wissen die LeserInnen eher als die Detektivin, woher der Wind weht. Dieses Mal sogar ganz besonders, weil nämlich einzelne Passagen aus Sicht der verstorbenen Urgroßmutter-Physikerin als Kind erzählt werden, wir also bestens im Bilde darüber sind, dass die Wahrheit wohl in dieser Vorgeschichte gesucht werden muss. Aber wie und wo? Was wurde aus der hochtalentierten Martina Saginor, nachdem sie ins KZ abtransportiert worden war? Und wo steckt bloß der ebenso hochbegabte Urenkel?

Figuren- und schauplatzreich, wie der Roman ist, bleibt er doch (fast) bis zum Schluss fesselnd (der finale Showdown ist dann doch recht erwartbar). Die zeitgeschichtliche Anbindung gelingt Paretsky sehr überzeugend, auch in den historischen Passagen. Der Autorin ist damit ein echter Recherchecoup gelungen, denn die Geschichte der erfundenen Physikerin Martina Saginor hat ein reales Vorbild. Im Nachwort erfahren wir die wahre Geschichte der Marietta Blau, einer renommierten Physikerin, die mehrfach für den Nobelpreis nominiert war, doch deren wissenschaftliche Karriere durch Verfolgung und Krieg einen so nachhaltigen Knick erlitt, dass sie später nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen konnte.

Folterung, Verrat, Atombomben – und allerlei andere Spannungselemente

Dass Paretsky diese Story aufpeppt mit allerlei anderem Gedöns (Folterung, Verrat, Atombombe) und Spannungselementen (Was hat der Chauffeur auf dem Kerbholz? Woher kommt das Skelett im Keller?), ist genrekonform total in Ordnung und nur logisch. Also alles in allem: ganz schön prima. Wieder was gelernt. Und Spaß gehabt beim Lesen. Katharina Granzin

Sara Paretsky: „Kritische Masse“. Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski. Ariadne, Argument Verlag, Hamburg 2018. 544 Seiten, 24 Euro