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Das Imperium der Wölfe

Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf und Ihr Ehemann ist Ihnen seltsam fremd geworden. Vor allem die Art, wie er vor Gästen die Knochen von Hähnchenschenkeln krachend durchbeißt, befremdet Sie. – Wie bitte? Haben Sie schon erlebt? Okay, wie wäre es damit: Sie erkennen Ihr Gesicht im Spiegel nicht mehr. Zudem fühlt es sich so an, als wäre jemand darauf herumgetrampelt. Auch ein alter Hut? Passiert Ihnen ständig? Dafür kann es nur eine Erklärung geben: Sie sind in Wirklichkeit gar nicht, wer Sie zu sein glauben, sondern eine gehirngewaschene Topterroristin, die ihren mordlüsternen Chefs im fernen Anatolien ein paar Kilo Heroin abgeluchst haben, sich per Gesichtschirurgie eine neue Identität verpassen lassen mussten, bei einer Razzia von der französischen Drogenpolizei geschnappt wurden, welche wiederum mit Hilfe radioaktiver Strahlung Ihr Gedächtnis umprogrammiert hat. Jetzt werden Sie von einem guten und einem bösen Cop gesucht, die zugleich auf der Jagd nach einem Serienkiller sind, der auf Schokopralinen steht und Ihnen die Kehle durchschneiden will, Sie zum Glück aber nicht einmal erkennt, wenn er Ihnen die Pralinen abkauft. So, da staunen Sie aber. Serienmörder und Schokolade, das ist Ihr Leben. Habe ich schon die lesbische Psychoanalytikerin erwähnt, die für Sie ihr Leben riskiert?

„Das Imperium der Wölfe“ von Chris Nahon hetzt durch die Versatzstücke der Thriller-, Horror- und Actiongenres wie seine Protagonistin auf der Flucht vor der Drogenfahndung durchs verregnete Paris. An jeder Straßenkreuzung nimmt das Drehbuch eine völlig neue Wendung und schleudert wenig elegant über zahlreiche Schlaglöcher der Erzähllogik hinweg. Vielleicht waren die Verwirrungen des Skripts ja auch als Spiegelung der Charaktere der beiden zentralen Gegenspieler angelegt: die Patchwork-Identity von Anna (Arly Jover) und die Unberechenbarkeit des Kommissars Schiffer (Jean Reno), der immer mit dem Kopf durch die Wand will. Vielleicht waren drei Drehbuchautoren (Chris Nahon, Christian Clavier und Franck Ollivier) auch einfach zwei zu viel.

DIETMAR KAMMERER

„Das Imperium der Wölfe“. Regie: Chris Nahon. Mit Jean Reno, Laura Morante u. a. Frankreich 2005, 128 Min.