Neue Kritik am Bremer Uni-Rektor

Blogger monieren „Selbstplagiate“

Die Veröffentlichungspraxis des Bremer Uni-Rektors Bernd Scholz-Reiter wird in dem amerikanischen Wissenschafts-Blog „ForbetterScience“ diskutiert.

Der Rektor der Universität Bremen, Bernd Scholz-Reiter, steht vor dem Mehrzweckhaus der Uni in Bremen.

Da war er noch unangefochten: Bernd Scholz-Reiter im Jahr 2014 Foto: dpa

BREMEN taz | Während in Bremen die Aufklärung von Veröffentlichungen des Uni-Rektors Bernd Scholz-Reiter in unseriösen Wissenschaftsverlagen nicht voran kommt, zieht der Fall international Kreise. So hat der amerikanische Wissenschafts-Blog „ForbetterScience“ neue Hinweise ausgebreitet.

In dem Blog wird zu Scholz-Reiters Bewerbung als Rektor festgestellt, dass in der da beigefügten Literaturliste Publikationen aus „Raubverlagen“ angegeben sind, die für Geld und ohne wissenschaftliche Kontrolle Aufsätze veröffentlichten. Der Blog weist zudem darauf hin, dass einzelne der Publikationen weitgehende „Selbstplagiate“ seien. Damit wird die Neuveröffentlichung bereits publizierter Texte ohne Hinweis auf die frühere Publikation bezeichnet.

Zur Vorgeschichte: Im Sommer 2018 war der Name von Uni-Rektor Scholz-Reiter durch die Medien gegangen, als der NDR und die Süddeutsche Zeitung ihre Recherchen über unseriöse Wissenschaftsverlage veröffentlichten. Die NDR-Journalisten waren sogar mit einem hochtrabenden Nonsens-Papier zu einer Schein-Konferenz gefahren und hatten das dort vor einer Handvoll Zuhörer als „Wissenschaft“ präsentiert.

Scholz-Reiter ist der einzige Rektor einer deutschen Uni, dem Publikationen in solchen Verlagen nachgewiesen wurden. In den Publikationslisten des Bremer Instituts für Produktion und Logistik (BIBA) finden sich von Scholz-Reiter etwa 60 Veröffentlichungen bei unseriösen Wissenschaftsverlagen. Scholz-Reiter war von 2002 bis 2012 Leiter des BIBA. Zur Veröffentlichung in den Raubverlagen hatte Scholz-Reiter erklärt: „Hätten ich selbst oder meine Ko-Autoren damals Zweifel an der Seriosität der Verlage gehabt, hätten wir dort sicherlich nicht veröffentlicht.“ Die wissenschaftliche Qualität und Integrität der veröffentlichten Texte stehe „außer Frage“.

Der Bericht von Scholz-Reiter an die Senatorin wird unter Verschluss gehalten

Schon bei einem Blick auf die Webseite der veröffentlichenden Firma „WSEAS.org“ hätten ihm Zweifel kommen müssen, erst Recht bei der wiederholten Veröffentlichung von Vorträgen, die er seinen Angaben zufolge nie gehalten hat. 14 Papiere, bei denen Scholz-Reiter als Erst­autor aufgeführt ist, sind als „Kongress“-Publikationen gekennzeichnet.

Wenn es zutrifft, wie Scholz-Reiter sagt, dass er nie auf einer dieser Schein-Konferenzen war, dann hätte schon diese Praxis der Veröffentlichungen ihm gezeigt, dass es sich um Fake-Kongresse und unseriöse Verlage handelt. Es stellt sich zudem die Frage, ob die Veröffentlichungen über fingierte Kongress-Teilnehmerbeiträge bezahlt wurden – die Uni Bremen sagt dazu nichts.

Auch der Vorwurf des „Selbstplagiates“ ist neu. Geht es nach Empfehlungen, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 1988 formulierte, verstößt es gegen die Regeln wissenschaftlicher Seriosität, bereits früher veröffentlichte Ergebnisse in nicht klar ausgewiesener Form zu wiederholen. Für Scholz-Reiter, der 2007 bis 2012 DFG-Vizepräsident war, sollten die Vorwürfe peinlich sein.

Ein Vortrag über „3D Object Recognition“ etwa sei 2010 zunächst als Beitrag auf einer „European Conference of Circuits Technology and Devices“ auf Teneriffa erschienen und dann weitgehend identisch im Athener „International Journal of Computers“, so der Blog. Beide gehören, wie Scholz-Reiter heute einräumt, zu Raubverlags-Adressen.

Dummheit oder Vorsatz?

In den Publikationslisten des BIBA ist nun der pauschale Hinweis auf „verdächtige“ Raubverlage ergänzt worden. Wer auf den Webseiten des Instituts nach Publikationen von Scholz-Reiter sucht, erfährt nun unter „weitere Informationen“: „Zum Teil handelt es sich bei diesen Veröffentlichungen um Dopplungen, da im Anschluss an einige Konferenzen zusätzlich zum Konferenzbeitrag ein sogenanntes ,extended paper’veröffentlicht wurde.“

Der Wissenschaftsausschuss der Bremischen Bürgerschaft will unterdessen wissen, ob die betroffenen Bremer Wissenschaftler „auf die Angebote“ unseriöser Firmen „hereingefallen sind“ oder „bewusst auf diese Angebote zurückgegriffen haben, um Qualitätskontrollen zu umgehen“. Scholz-Reiters Name wird nicht genannt, aber er ist der einzige namhafte Wissenschaftler der Bremer Uni, der betroffen ist.

Neben der „Aufklärung der Fälle im Einzelnen“ hatte Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) im Juli zudem die „Entfernung von Publikationen, die in Raubverlagen veröffentlicht wurden, aus Publikationslisten“ gefordert. Das hat Scholz-Reiter nicht getan, die Listen wurden stattdessen mit Hinweisen markiert, „um damit nach außen Transparenz zu schaffen“, wie es hieß.

Zu den Fragen, auf die der Rektor die Antwort verweigert, gehört auch die, warum 2014 seine rege Publikationstätigkeit in solchen Verlagen abreißt. Warum hat er geschwiegen, bis er 2018 erwischt wurde, anstatt als Rektor, die eigenen Uni-Angehörigen zu warnen? Ein Bericht, den der Rektor am 21. Dezember 2018 an die Wissenschaftssenatorin geschickt hat, wird dort bisher unter Verschluss gehalten.

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