jazzkolumne

Hoffnung, Zukunft und Geldprobleme

Seit 40 Jahren gibt es die AACM, die wichtigste Vereinigung kreativer Musiker in Chicago. Nun steckt sie in Schwierigkeiten

Bei der 40-Jahr-Feier waren 300 Leute, mehr passten nicht rein. Dass die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) es überhaupt so lange durchhalten würde, war anfangs gar nicht abzusehen. Zahlreiche andere Musikervereinigungen, die eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreichen wollten, scheiterten im Laufe der Zeit. Auch die Bilanz der AACM ist auf den ersten Blick gar nicht so spektakulär. Man hat keinen eigenen Auftrittsort, kein Plattenlabel, kein Archiv. Lediglich die Webseite (www.aacmchicago.org) gibt einige spärliche Auskünfte über die einflussreiche afroamerikanische Musikerselbstorganisation. 68 Mitglieder sind auf der Homepage verzeichnet, darunter auch 24 der New Yorker Dependance. Der 1999 verstorbene Trompeter Lester Bowie ist einer der bekanntesten Namen auf jener Liste, der jüngste AACM-Trauerfall ist der Saxofonist John Stubblefield, der am 4. Juli starb – unter den überlebenden Aktivisten zählen der Saxofonist Anthony Braxton und der Pianist Muhal Richard Abrams zu den großen Legenden. Sie haben die scharfe Trennungslinie zwischen notierter und improvisierter Musik mit großer Wucht durchbrochen.

Der 76-jährige Saxofonist und AACM-Mitgründer Fred Anderson hat Anfang der Achtzigerjahre eine Kneipe eröffnet, in dem es fünfmal pro Woche Konzerte gibt. Man spricht heute auch von der Fred-Anderson-Universität, sein Laden wurde zu der Anlaufstelle für Rat suchende Avantgarde-Youngsters. Doch „The Velvet Lounge“ ist von der Schließung bedroht, 100.000 Dollar benötigt Anderson zur Eröffnung eines neuen Clubs, 17.000 hat er mit entsprechenden Benefizkonzerten zusammengebracht. Die 38-jährige Flötistin Nicole Mitchell berichtet, dass die ökonomische Lage der AACM in den letzten Jahren ein historisches Tief erreicht hat. Bei den Konzerten zum AACM-Jubiläum, die im Mai in Chicago stattfanden, repräsentierte sie die nächste Generation. Sie ist mittlerweile Vizepräsidentin für die Ausbildung junger Musiker – eine Kooperation zwischen der AACM und der Chicagoer Universität.

Um ein Mitglied der AACM zu werden, muss man sich als aktiver kreativer Künstler qualifiziert haben. Mitchell war beim ersten Frauenensemble der AACM, Samana, dabei – aus dieser Erfahrung ging später ihre Band Tindanga Mama hervor. Doch das Hauptprojekt von Mitchell ist ihr Black Earth Ensemble, von dem jüngst die dritte CD, „Hope, Future and Destiny“, bei Mitchells eigenem Label Dreamtime Records erschienen ist (www.nicolemitchell.com). Auf ihrer CD „Africa Rising“ ging es ihr darum, „die Stärke Afrikas zu feiern, das Gefühl von Mut und Sieg“, wie sie sagt.

Die Sounds im ersten Teil waren an traditionelle afrikanische Musik angelehnt, im zweiten Teil ging es um die afroamerikanische Perspektive, das Funky- type-Zeug, die Auflösung ging dann Richtung intergalaktische Heilungsprojektion. Entsprechend dem AACM-Motto, „Great Black Music – From the Ancient to the Future“, will Mitchell in ihrer Musik historische Phasen und Gegenwart der schwarzen Kultur reflektieren. Ihre erste CD „Vision Quest“ war als spirituelle Reise konzipiert, „Hope, Future and Destiny“ fußt auf einem Großprojekt, das Tanz, Film, Spoken Word und Jazz vereint. Es geht um ein junges Mädchen, das Tänzerin werden möchte, sich aber um ihr Kleinkind kümmern muss. Mitchell, die sich selbst als „stolze Mutter“ einer elfjährigen Tochter bezeichnet, möchte junge Mädchen aus der Community inspirieren – man könne Mutter und Künstlerin sein.

Mitchell lebt an der South Side Chicagos, einer Gegend, die der Posaunist George Lewis, selbst AACM-Mitglied und heute als Professor an der Columbia University in New York tätig, in seinen Arbeiten über die Geschichte der AACM (in: Wolfram Knauer, Hg., „Jazz und Gesellschaft“, Wolke Verlag), als eine der am stärksten segregierten schwarzen Communities in den USA bezeichnet. Als Residence Artist für eine Non-Profit-Organisation gibt Mitchell Unterricht in vier Chicagoer Schulen, die weder Musik-, Kunst- noch Tanzlehrer haben. „Ich bin die Einzige, die ihnen Musik nahe bringt. Einmal die Woche über 15 Wochen im Jahr, vom Kindergarten bis zur 8. Klasse – die Schulen bekommen die Gelder aus der Neighborhood, wenn die jedoch arm und schwarz ist, wie an der South Side, gibt es eben keine Lehrer.“

Als Hauptaufgabe der AACM-Künstler nennt Mitchell die Aufführung kreativer Musik, und Nachwuchsmusiker wie der Geiger Savoir Faire oder der Trompeter Corey Wilkes in ihrem Black Earth Ensemble seien hoch motiviert und sehr talentiert. Die Absicht, Selbstbewusstsein zu demonstrieren, solle nicht als Begrenzung gesehen werden, sagt Mitchell. Es gebe AACM-Künstler, die sehr stark von europäischen Einflüssen inspiriert sind – was auch immer daraus folgen mag, man bleibe Afroamerikaner.