Der Gaza-Abzug als „jiddisches Theater“

Während die Räumung der Siedlungen andauert und das nationalreligiöse Lager weiter mobilisiert, interessieren sich die meisten Israelis eher fürs Ausgehen und den Sommerschlussverkauf. Die Medien kommentieren überwiegend kritisch

AUS JERUSALEM SUSANNE KNAUL

Die letzten Siedlungen im Gaza-Streifen sind noch nicht vollständig geräumt, schon nimmt das nationalreligiöse Lager erneut den Kampf gegen weitere Evakuierungen auf. Um 1.00 Uhr in der Nacht zum Sonntag standen Jugendliche, diesmal zum Teil von ihren Eltern begleitet, an den Straßenkreuzungen, verteilten weiter die orangefarbenen Bänder der Abzugsgegner und hielten Plakate hoch mit der Warnung: „Israel ist in Gefahr“ oder: „Scharon spaltet das Land“.

Die israelische Öffentlichkeit reagiert vor allem mit Desinteresse. Umfragen zeigen, dass deutlich über 80 Prozent der Bevölkerung den Gaza-Streifen nur aus dem Fernsehen kennt. „Tel Aviv ist schon abgekoppelt“, schreibt Jonathan Jawin in der Wochenendbeilage der Yediot Achronot. Während in Gaza Soldaten und Siedler noch miteinander ringen, sind die Straßencafés und Restaurants in Israels Städten gut besetzt. Auch der Sommerschlussverkauf scheint deutlich attraktiver zu sein als die Tränen in Newe Dkalim und Kfar Darom. „Wozu die Aufregung?“, sagt einer der Einkaufsbummler. „Jeder muss sich doch mal eine neue Wohnung suchen.“

Diejenigen, die doch die Berichterstattung verfolgen, sind relativ klar in zwei Lager zu orten: diejenigen, die das Verhalten der Siedler angewidert ablehnen, und diejenigen, die Solidarität mit den neuen temporären Obdachlosen empfinden. „Diese Leute sind mir völlig fremd“, sagt Gal, ein Schwimmbadbesucher im Zentrum Israels. „Ich würde mit jemandem aus Cleveland oder Arizona eher eine gemeinsame Sprache finden als mit den jüdischen Siedlern.“ Der Mittfünfziger fürchtet das demografische Wachstum und die Radikalisierung des nationalreligiösen Lagers und denkt bereits ans Auswandern. Dem entgegen kann Barry, ein pensionierter Psychologe, mit den Menschen mitfühlen, die „nicht nur ihres Heims beraubt werden“, sondern die „eine schwere Niederlage in dem ideologischen Kampf hinnehmen müssen“.

Die Medien, die in den vergangenen Tagen der Räumung Life-Übertragungen rund um die Uhr und seitenlange Berichterstattung in den Printmedien widmeten, kommentieren in der Tendenz den Evakuierten gegenüber kritisch. Das Massenblatt Yediot Achronot schrieb vom „aggressiven Pöbel“ und von „der Ekstase hysterisch kreischender Jugendlicher“. Für den Kommentator der liberalen Ha’aretz, Doron Rosenblum, sind die „Gebete, Umarmungen, das Weinen und die Hoffnung auf ein Wunder“ nichts anderes als „emotionale Erpressung mit den besten Methoden des jiddischen Theaters“.

Mit Zynismus kommentierte der linke Soziologieprofessor Baruch Kimmerling die „größte Schau, die je in Israel produziert wurde“. Dabei sei das Ziel des „absurden Theaters“, sowohl mit Blick auf Scharon als auch die Siedler und ihre Anhänger, allzu offensichtlich. Neben dem „Trauma in der gesamten israelischen Öffentlichkeit“, stand, so der Soziologe, die Klarstellung, dass „Israel nicht in der Lage ist, weitere Evakuierungen zu ertragen“. Wenn schon für 8.000 Siedler der gesamte Sicherheitsapparat auf die Beine gestellt werden müsse, bestehe „nicht die geringste Chance, 200.000 und mehr zu evakuieren“.