Die Essenz des Lebens

Unterwegs an die Orte, wo die Bücher und die Geschichten sind und auch die Traumpfade der Aborigines und die Engel: Cees Nootebooms leuchtender neuer Roman „Paradies verloren“

VON GERRIT BARTELS

Cees Nooteboom ist ein Schriftsteller, der überzeugt davon ist, dass unser aller Existenz ihren Ursprung in der Bewegung hat. In seinen Büchern sind Schreiben und Reisen eins, und so lässt sich bei manchem Nooteboom-Buch nicht genau unterscheiden, ob man es noch mit einem Reisebericht oder schon mit einer Erzählung oder einem Roman zu tun hat. „Paradies verloren“, sein neuestes Buch, ist ein Roman, der aber eingebettet ist in einen Prolog und Epilog, in denen ein Autor unterwegs ist an den Ort, wo die Bücher und die Geschichten sind.

Zu Beginn sitzt ein Ich-Erzähler, mutmaßlich ein Alter Ego Nootebooms, in einem Flugzeug von Friedrichshafen nach Berlin und beobachtet eine Frau dabei, wie sie in einem Buch liest, in diesem Buch, „Paradies verloren“. Sie verschwindet nach der Landung aus diesem Buch, genau wie der Autor: „Ich bleibe wie immer zurück mit ein paar Wörtern und mit der Stadt, die sich wie eine Klammer um mich schließt.“

Die Bedingungen also sind geklärt, und die Voraussetzungen für eine Geschichte – der Autor hat noch gesehen, dass die Frau vor ihrer Buchlektüre auch in einem Bordmagazin geblättert hat, in dem unter anderem Berichte über die australischen Aborigines und die brasilianische Metropole São Paulo standen. Und er hat sich schließlich gegrämt darüber, die Geschichte dieser Frau niemals erfahren zu können, nur um sich umso frischer an sein Werk zu machen und literarische Fäden über die Welt zu spinnen: Berlin. São Paulo. Australien. Amsterdam. Österreich. Australien. Berlin.

Dies sind die Schauplätze von Nootebooms Geschichte, die ihren zweiten Anfang nimmt, als sich eine junge Frau namens Alma eines Abends aus welchem Grund auch immer in São Paulo auf dem Weg in eine No-go-Area macht und dort prompt vergewaltigt wird. Um dieses Trauma aufzuarbeiten, reist Alma mit ihrer Freundin Almut nach Australien, was ein trauriger Anlass dafür ist, sich einen lange gehegten Wunsch der Kindheit zu erfüllen: „Wir lasen von der Traumzeit, von der Zeit vor der Zeit und vor der Erinnerung, als die Welt flach war und leer und keine Konturen hatte, als es noch keine Bäume gab, keine Tiere, keine Nahrung, keine Menschen, bis zu dem Augenblick, als, niemand weiß, wie, aus dem Ozean oder aus der Luft oder über dem Rand der Welt die Helden erschienen, die mythischen Vorfahren“.

Nooteboom ist also wieder ganz bei sich, bei seinen Lieblingsmotiven: der Suche nach dem Beginn von allem, dem Durcheinanderwirbeln der Zeiten, bei der Vergangenheit, die immer auch Gegenwart ist. Alma macht sich daran, die Traumpfade der Aborigines aufzuspüren, auch wenn sie weiß, dass ihre Suche von Beginn eine Fiktion ist. Trotzdem kann sie es nicht lassen, und so gibt es plötzlich Stellen, an denen Nootebooms Geschichte ziemlich ins Rutschen gerät, um nicht zu sagen, dass sie in einen karitativ-esoterischen Kitsch abgleitet. So wie sich der Engel-Fan Alma fragt, wer denn all die Engel aus dieser Welt verbannt habe, „obwohl ich sie immer noch um mich spüre“, so bleibt ihr die von Nooteboom mit wohl gesetzten Worten imaginierte Welt der Traumpfade, der Aborigines, der ewigen Stille, der ewigen Wüste und so weiter doch verschlossen. Das Einzige, was sie erreicht: Sie landet im Bett eines Aborigines, mit dem sie schläft und eine Woche verbringt, in dessen Augen sie aber weder ein Geheimnis noch andere Erscheinungen lesen kann.

Dass sich Nooteboom hier nicht restlos verheddert, liegt an Almas bodenständiger Freundin, die die Dinge nüchtern betrachtet, von der Zeit als „Furz“ spricht und Alma zurück in die Realität holt: Das Geld geht zur Neige, es heißt einen Job anzunehmen, und zwar einen, in dem Alma und Almut bei einer Theater- und Performance-Gruppe in Perth als Engel verkleidete Statisten abgeben sollen.

Spätestens hier ist Nooteboom wieder der präzise Erzähler, der sein Engelsmotiv schwebend leicht und frei von Wim-Wendershaftigkeit durch seinen Roman führt. Konsequent variiert er die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies mit John Miltons Gedicht „Paradise Lost“ als Vorgabe, wo es nicht Gott ist, der Adam Eva vertreibt, sondern die Engel freundlich die Begleitung übernehmen.

Diese Paradiesvertreibung sei ja auch das Beste, was der Literatur passieren konnte, heißt es dann einmal, „bei der maßlosen Langeweile, die dort herrschen muss“, oder, anders ausgedrückt: „Das Leben (…) ist als Koch ein völliger Idiot. Darunter leiden, meistens, die Menschen, und davon profitiert, manchmal, wenngleich nicht allzu häufig, die Literatur.“

Der Letzteres mit so einer etwas windschiefen Gastrometapher sagt, ist die Hauptfigur des zweiten Teils dieses kleinen, aber letztlich sehr feinen Romans: der frustrierte Literaturkritiker Eric Zondag. Dieser macht sich keine Illusionen darüber, dass er als Kritiker zur „parasitären oder sekundären Geröllschicht gehört, die in mal fruchtbarer, mal ekelhafter Abhängigkeit den einsamen Kern des Buchs oder Gedichts umschwirrt“ (und er hat noch mehr solcher schönen Weisheiten zu den Gepflogenheiten des Literaturbetriebs auf Lager).

Zondag steht ganz im Hier und Jetzt, und dass er sich jetzt, und so beginnt dieser zweite Teil von „Paradies verloren“, auf den Weg von Holland nach Österreich macht, zu einer Entschlackungskur, ist für ihn schon fast schon ein Verrat an allem Weltlichen. Misstrauisch begibt er sich hier in sein Ernährungs- und Körperertüchtigungsprogramm und begegnet plötzlich Alma, die hier als Masseurin arbeitet und die er schon drei Jahre vorher kennen und lieben gelernt hatte, eben in Perth, wo sie ihrer Tätigkeit als verkleideter Engel nachging. Zondag hat sie nicht vergessen, sie ihn auch nicht, und wie Nooteboom ihre erste Begegnung beschreibt, wie er Zondags Gang durch das theatrale „Angel-Project“ beschreibt, wie er dabei langsam auf den Höhepunkt der Begegnung beider zusteuert, das hat schon was, das ist klar und leuchtet und schillert und lässt die Episode mit den Ewigkeits- und Zeitfurzen der australischen Steppe schnell vergessen.

Am Ende ist nicht nur Alma eine ewig und wahre Reisende geworden, sondern auch Zondag, gemäß der Definition Nootebooms: „Der wahre Reisende lebt von seiner Zerrissenheit, von der Spannung zwischen dem Wieder-Finden und dem Wieder-Loslassen, und gleichzeitig ist diese Zerrissenheit die Essenz seines Lebens.“ Dass dabei ein jeder zumindest einmal einen wegweisenden Engel trifft, und sei es nur in Form eines Buches, erscheint uns dann fast real –man muss eben nur ordentlich fest daran glauben.

Cees Nooteboom: „Paradies verloren“. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2005, 159 S., 16 Euro