Joana Nietfeld besucht einen Smart Mob von Menschen mit Downsyndrom

Keine Willkommenskultur für alle Kinder

Ich finde es traurig, dass wir ausgerottet werden sollen“, sagt Carina Kühne. Eigentlich sieht alles so schön aus am Brandenburger Tor an diesem Mittwochmittag: Etwa 300 Menschen haben sich zur Abschlusskundgebung einer Demo versammelt, mit einer Diabolo-Show heizt Oskar Schenck ihnen ein. Ein Junge mit blauen Fahnen mit der Aufschrift „Lebenshilfe“ in beiden Händen tanzt um ihn herum. Im Kreis um die zwei stehen Kinder aller Altersstufen, sie tragen weiße T-Shirts mit gelben Smileys und der Aufschrift: „Ich liebe mein Leben. Und du?“

Sie demonstrierten gegen vorgeburtliche Bluttests zur Erkennung von Trisomie 21 als Kassenleistung. Mit der Kampagne #12:21 hat die Lebenshilfe, ein Selbsthilfeverband für Menschen mit Beeinträchtigungen, bundesweit zu Aktionen um 12.21 Uhr aufgerufen. In Berlin mündet die Aktion in ein Gruppenfoto auf dem Pariser Platz.

Den Bluttest gibt es schon seit 2012, doch bislang müssen schwangere Frauen die Kosten selbst tragen. Die Tests kosten 130 bis 300 Euro. Daten aus Dänemark, wo seit 2005 allen Schwangeren die Abschätzung des Trisomie-Risikos angeboten wird, zeigen, dass sich die Zahl der mit Downsyndrom geborenen Kinder seither halbiert hat. Am Donnerstag soll eine Orientierungsdebatte im Bundestag stattfinden, in der Positionen zu dem Thema abgesteckt werden.

„Wir gehören dazu“

Carina Kühnes Worte machen deutlich, wie die Debatte bei Menschen mit Downsyndrom ankommt. Sie ist Schauspielerin, Sprecherin und Aktivistin für Inklusion. Am Donnerstagabend wird sie im Grips-Theater die Hauptrolle in dem Stück „Cheer out Loud“ spielen. Ihre Botschaft ist eindeutig: „Wir gehören dazu, wir haben genauso Wünsche und Vorstellungen.“

Stana Schenck, Oskars Mutter, appelliert auf der Bühne an die Politik: „Menschen mit Downsyndrom sind Menschen, die genau wissen, worüber wir sprechen, und sich ihre Meinung dazu bilden.“ Etwa die Hälfte der Demoteilnehmer*innen hat selbst das Downsyndrom, die politische Debatte führt zu Fragen und Befürchtungen bei ihnen. Was bedeutet der Bluttest für Menschen mit Beeinträchtigung? Werdende Mütter könnten Angst bekommen vor einem Kind mit Behinderung, sagt Kühne.

Irina ist gemeinsam mit Freundinnen und ihrem großen Bruder, der das Downsyndrom hat, aus Niedersachsen zu der Demo angereist. „Einerseits werden in ­Schulen Inklusionsklassen eingerichtet, andererseits werden durch die Bluttests kaum noch Kinder geboren werden, die in diese Klassen gehen können“, sagt sie. Das widerstrebe einer Willkommenskultur für alle Kinder.