Stefan Alberti guckt sich beim Hoffest des Regierenden Bürgermeisters um

Auf Baustellenbesichtigung

Von einer Baustelle spricht er. Von einer, die fast Vergangenheit ist. Erledigt. Abgearbeitet. Es ist Michael Müller, der SPD-Vorsitzende und Regierende Bürgermeister, der sich bei der Eröffnungsrede fürs Hoffest im Roten Rathaus freut, nun eine solche Baustelle weniger zu haben. Bloß ist es halt nicht die ganz große Baustelle, die man als SPD-Chef in diesen Tagen hat, nämlich die eigene Partei, sondern bloß jene vom U-Bahnhof vorm Roten Rathaus.

Wobei diese Baustelle tatsächlich enorme Ausmaße hatte – da habe ja schon sein Vorgänger Klaus Wowereit drunter gelitten, und der ist seit Ende 2014 nicht mehr Regierungschef. Über Jahre grenzte ein Bauzaun das Vorfeld des Roten Rathauses ein, zeitweise war der Zugang nur über Schlängelpfade zwischen Absperrungen möglich.

Aber jetzt steht da ganz neu der Zugang zum U-Bahnhof, mit einem Glaskasten, aus dem ein Aufzug in die Tiefe führt. Also Ende gut, alles gut. Wenn man das vorher weiß, lässt sich auch eine lange Baustelle ertragen. Diese Gewissheit aber hat die SPD nicht.

Müller geht auf die Lage seiner Partei nicht ein, lobt hingegen die Entwicklung Berlins in den vergangenen Jahren zu einer (noch mehr) weltoffenen Stadt. Es würde vielleicht auch die Stimmung in den Keller ziehen an diesem sonnigen und warmen Abend, an dem sowieso schon genug Abgesänge über die SPD im Allgemeinen und Müller im Besonderen zu hören sind. Angeblich wollten die Jusos ihn schon abservieren, schreckten dann aber doch zurück. Oder doch nicht?

Auch der andere Landesvorsitzende einer ehemaligen Volkspartei ist beim Hoffest unterwegs. CDU-Mann Kai Wegner, seit zweieinhalb Wochen Vorsitzender der hiesigen Christdemokraten, muss wie Müller zusehen, ob er eine verzwergte Partei wieder ein bisschen größer machen kann. Der zentrale Unterschied: Wegner ist zum ersten Mal CDU-Landeschef und hat vielleicht noch die eine oder andere neue Idee. Müller hingegen war in 14 der vergangenen 18 Jahre Vorsitzender der Berliner SPD. Die hatte zu seinem Start im Juni im 2001 in Umfragen 30 Prozent – aktuell sind es 16.

Etwas entspannter sind an diesem Abend die Grünen zu beobachten. Doch auch sie haben eine große Baustelle: ihre jetzt auf 26 Prozent angestiegene Umfragen-Spitzenstellung bis zur nächsten Abgeordneten­hauswahl zu halten. Denn die ist regulär erst im Herbst 2021, also in über zweieinviertel Jahren. Politisch ist das eine Ewigkeit: Nur zwei Jahre ist es her, seit eine Führungskraft derselben Partei feststellte, die Themen der Grünen würden gerade nicht als der „heiße Scheiß der Republik“ gesehen. Und noch weniger lang datiert die Bundestagswahl zurück, die die Grünen bloß als kleinste Fraktion ins Parlament brachte.