Globale Gläubigkeit

Political Studies (V): Sollte Schwarz-Gelb im September an die Macht kommen, werden Kirche und Kapital mit ihren ganz unterschiedlichen Spielarten reaktionärer Politik für ordentlich Trouble sorgen

VON DIEDRICH DIEDERICHSEN

In den Neunzigerjahren gab es den globalen Trend des antiglobalen Partikularismus. Überall suchten angesichts der Dominanz der einen kapitalistischen Welt Leute, die bis dahin ganz normale Staatsbürger irgendeines Staates gewesen waren, oft eines sozialistischen, nach ethnischen Roots. Machtpolitiker beuteten die scheinbare Evidenz solcher kulturellen Solidaritäten aus, schürten Bürgerkriege. Wo das nicht infrage kam, entdeckten Leute wenigstens ihre Ethnizität. Rassismus und Rechtsradikalismus waren die dazugehörigen Trend-Phänomene des Jahrzehnts. Das eine ist ein Ressentiment, das anderen deren Ethnizität vorhält oder ihnen eine zuschustert, das andere ist ein Ressentiment, das sich selbst eine Ethnizität zuschustert und daraus Ansprüche ableitet. In harmloseren Fällen waren die Leute auch mit einer so genannten Identität zufrieden.

In den Jahren der Doppelnull zeichnet sich die zweite Stufe dieses Trends ab. Nun hat sich die Re-Ethnisierung ihrerseits globalisiert und de-territorialisiert. Sie hat Netzwerke gebildet, sich vervielfältigt und verzweigt und dafür mussten natürlich Tradition und Territorium als zentrale Kategorien fallen und durch eine politische Religion ersetzt werden. Seitdem rollte eine Welle der globalen Bekehrung und De-Säkularisierung. Jede Woche fällt eine weitere Provinz Nigerias an die Scharia, jede Woche erscheint ein neuer Text im deutschen Feuilleton, der den religiös grundierten Werte-Unterricht preist. So unterschiedliche ältere Bewegungen wie westliches Eso-Trotteltum, afrikanischer und asiatischer Befreiungsnationalismus, ethnischer Separatismus unterschiedlicher Provenienz, amerikanisches Hinterwäldlertum und lateinamerikanischer Synkretismus verwandeln sich in neue, oft globale, mindestens aber internationale, religiös gefärbte Strukturen, die den reaktionären Impuls nicht mehr an Ethnie und Scholle binden, sondern an aggressive Glaubenssysteme. Dazu gehören nicht nur, aber natürlich auch Islamisten oder einfach nur Leute, die, meist in der Diaspora, ihre islamische Frömmigkeit wiederentdecken, darüber hinaus all die Neo-Papisten, die uns dieses Jahr wochenlang auf die Nerven fallen durften, die mit Regierungsmacht ausgestatteten wiedergeborenen amerikanischen Fundamentalisten und die protestantischen Erweckungsbewegungen, die gerade in Lateinamerika jeden bekehren, der nicht niet- und nagelfester Katholik ist. Aber auch in Deutschland erfreut sich der Glaube in seinen verschiedensten Facetten im Fernsehen wie im Feuilleton einer wachsenden Beliebtheit.

Religion, das gehört zu ihrer neuen Macht, ist weltweit ein massiver neuer Einfluss bei der politischen Kanalisierung, Befriedung und Gestaltung ökonomischer Krisen, zugleich geriert sie sich aber als Gegenmacht, als die aktuelle Stimme der Alternative zur Macht.

Womit wir beim Thema wären: Was ist nach der nicht mehr abzuwendenden Wahl von den vermutlichen Wahlsiegern zu erwarten? Ist es wirklich so sicher, dass, wie nicht zuletzt in dieser Zeitung, jeder sicher zu wissen glaubte, dass das Letzte, was eine schwarz-gelbe Regierung vom Zaune brechen wird, ein neuer Kulturkampf wäre? Kann da tatsächlich eine allgemeine Entwarnung gegeben werden, nur weil doch auch in CDU und FDP längst ein paar Alleinerziehende, Schwule, Lesben, ja sogar Großstadtbewohner organisiert sind? Ich fürchte nicht. Und zwar zum einen, weil die nicht mehr in Hinterzimmern hockenden Kulturkonservativen wesentlich frecher und selbstbewusster geworden sind und längst in den kulturellen Mainstream eingesickert sind. Zum anderen, weil von der kulturellen Linken momentan keine nennenswerte Gegenwehr zu erwarten ist. Von wem sollte eine Empörung kommen, wie sie noch 1983 ein Innenminister Zimmermann von deutschen Filmschaffenden erntete? Vor allem aber, weil globale Tendenzen immer ein Ausdruck eines größeren, meist unverstandenen politischen Drucks sind, der lokal dann besonders wirksam wird, wenn die lokalen Regierenden kulturelle Verbindungen mit ihm unterhalten. Sein Einfluss zeigt sich nicht in expliziten Programmen, aber als ein Nachgeben gegen diesen Druck.

Erinnern wir uns diesbezüglich noch einmal an die Neunzigerjahre. Das Phänomen der Rückkehr zu Ethnie und Scholle, Glatze und Rassismus war damals zwar das große politisch-kulturelle Thema, aber, so wird man sagen, radikale Rechte haben doch keinen kleinen Zeh in die Tür der Realpolitik des Landes hineinstellen können. Nun, zwei der wichtigsten politischen Entscheidungen der Neunzigerjahre-BRD waren die rasant frühe Anerkennung der jugoslawischen Teilrepubliken und der so genannte Asylkompromiss, also zwei zentrale Forderungen der Rechten und der Neo-Ethnizisten. So sehr dann auch in den letzten Jahren des Jahrzehnts die Bekämpfung des Rechtsradikalismus offiziell Staatsziel der Anständigen war, so wenig folgte dem in der Praxis nahe liegende Taten wie die Verrechtlichung des Status der primären Opfer der Rechtsradikalen. Roland Koch musste nur einmal kurz husten und schon war das neue Staatsbürgerschaftsgesetz vom Tisch.

In den Doppelnullerjahren wird ein anderer, aber vergleichbarer Druck auf deutsche Regierungen ausgeübt und weiterhin ausgeübt werden. Er kommt nicht aus einer klassisch rassistisch-xenophoben Ecke. Die neue Konstellation ist die deutsche Fassung der internationalen Verschiebung zu religiös begründeten so genannten Werten. In der Serie über den globalen Triumphzug des Kreationismus etwa konnte man neulich in der Süddeutschen Zeitung lesen, dass auch Thüringens Ministerpräsident Althaus unlängst ein Schulbuch ausgezeichnet und gefeiert haben soll, das im kreationistischen Paradigma den Darwinismus angriff. Er tat das unter Berufung auf das Zauberwort Werte und Werteerziehung.

Nun ist es eine bekannte Tatsache, die durch häufige Wiederholung nicht falscher wird, dass die globale Gläubigkeit und der Neoliberalismus keine Gegenspieler sind, sondern sich gegenseitig stützen. Die religiösen Werte sind die spezifischen Tröstungen für die spezifische Leere, die der totale Kapitalismus nach sich zieht – aber sie sind natürlich kein Gegenmittel. Der globale Kapitalismus braucht sie nicht zu fürchten, im Gegenteil: Sie haben im Gegensatz zu den territorialen Ethnisierungen sogar von ihm gelernt und sich seinen Bedingungen angepasst. Entscheidend an dieser Situation ist aber, dass beide zusammen ein Paradigma bilden, in dem vermeintlich alle Facetten eines Problems oder Konflikts aufscheinen. Erst das ist wahre kulturelle Hegemonie: Wenn der rechte Wirtschaftsliberalismus ein Problem hervorruft, auf das nur rechte Religiosität und Wertegeschwätz eine Antwort wissen. So war das für die Linke zuletzt in den Fünfzigerjahren, als die Extreme der Disziplinargesellschaft – Stalinismus, Parteidisziplin– und deren absolutes Gegenteil – Beatniks, Emanzipierte, Arbeitsverweigerer – beide zur Linken gehörten. Nur damals war eines der beiden Phänomene im Verschwinden (das Arbeitslager), das andere im Kommen. Der Linken gehörten Vergangenheit und Zukunft. Heute gehören beide Phänomene zur Tendenz, zum Kommenden, weder für unbegrenzt vernunftlosen Glauben noch für ungebremstes Geldverdienen ist ein großes Hindernis in Sicht.

Die Premiere dieser aktuellen Konstellation, in der beide Seiten eines Problems den Rechten, und zwar genau den Facetten, die die nächste Regierung bilden können, gehören, war sicher die Debatte zur Stammzellenforschung und damit verbundene biopolitische Fragen. Hier trat zum einen der entfesselte und sich als fortschrittlich gerierende Kapitalismus auf, dessen Verwertungsinteresse nun in dem Maße das menschliche Leben als Bio-Faktor entdeckte, in dem er das Interesse an Menschen als Träger von Fähigkeiten und Wissen verlor. Als Gegenüber kam aber nicht dessen linke Kritik aus den Kulissen, sondern rechte und religiöse Lebensschützer. Eine schwarz-gelbe Regierung wäre also in der gleichen Weise mit sich selbst beschäftigt wie Sozialliberale in den frühen Siebzigerjahren weniger unter dem Druck der CDU litten, als den internen Debatten mit ihren Jugendorganisationen. Kirche und Kapital werden mit ihren ganz unterschiedlichen Spielarten reaktionärer Politik für die Unterhaltung sorgen und die Frage ist, wie darauf Regierungspolitik reagieren kann.

Nun sind dies alles langfristig gedachte Szenarios, kurzfristig mag es tatsächlich zunächst keine dramatischen Änderungen geben. Langfristig steht allerdings ein noch viel unangenehmeres Szenario zu befürchten. Denn wenn nach der ersten Stufe des Ethnizismus und der zweiten der globalen Religion in einer dritten die verschiedenen globalen Religionen gemeinsam entdecken, dass sie zu einer politischen Bewegung gehören – was ja von der linken Perspektive nie eine Frage war. Die religiösen Bewegungen könnten sozusagen ihren eigenen Multikulturalismus entwickeln und ihre Gemeinsamkeiten entdecken. Westliche und östliche Wertekrieger, Islamisten, Wiedergeborene und Papisten könnten, statt sich gegenseitig zu bekriegen und sich Kreuzzüglertum und Abendlandsunterwanderung vorzuwerfen, entdecken, dass sie mehr verbindet als trennt: nämlich die Gegnerschaft zu Abtreibung, Atheismus und Aufklärung. Dann gnade uns Gott.

Diedrich Diederichsen, Jahrgang 1957, ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Stuttgart